Verborgene Gedanken

Kapitel 16

Eingehüllt von meiner Deflektorfähigkeit stieg ich die Kellertreppe hinab und bewegte mich unhörbar den Gang entlang auf den Fackelschein zu. Es war nichts mehr zu hören. In einer halbrunden Kammer am Ende des Ganges schnarchte ein Wächter auf einer Pritsche hinter einem primitiven Tisch, vor dem zwei Stühle standen. Der Tisch war mit Essensresten, Flaschen und Spielkarten bedeckt. Es roch nach Verfaultem, nach Brot, Wurst und Wein. Aber auch nach Tod, Blut, Urin, Kot und menschlichem Schweiß. Angewidert von dem Odeur und dem tristen Ambiente hielt ich inne. Die Fackel warf tanzende Schatten an die Wand und ich grübelte. Ich hatte eindeutig vor kurzem zwei Stimmen gehört. Wo war der zweite Mann? Schließlich wollte ich nicht überrascht werden, also drückte ich mich an die Wand und lauschte. In den Wänden des halbrunden Raumes waren zwei schwere Türen eingelassen, die sich gegenüber lagen. Ich befand mich direkt neben der linken und hörte nun in der Stille von gegenüber Stimmen. Die Stimme einer Frau und die eines Mannes. Zufrieden nickend konzentrierte ich mich mehr, öffnete meine Vampirsinne und verstand danach jedes Wort aus der Zelle, denn es waren natürlich Zellen und ich hatte das Ziel meiner Mission gefunden. Der Kerkermeister persönlich wollte sich an Katrina heranmachen und versprühte seinen herben Charme, gewürzt mit roher Gewalt. Noch war es nicht so schlimm, dass ich eingreifen musste und ich schickte Katrina schmunzelnd eine gedankliche Botschaft, dass sie nicht mehr lange schmachten würde, denn der Teufel persönlich würde sich um sie kümmern, dabei verschiedene Aktionen abwägend, die mir offen standen. Natürlich rechnete ich damit, dass der Kerkermeister irgendwann anfangen würde zu tun, warum er Katrinas Zelle betreten hatte und so hatte ich wohl keine Wahl, als ihn daran zu hindern und die Zelle zu betreten. Ich würde ihn wohl töten müssen, denn ich wollte den Auftritt des Herrn der Hölle gerne auf der Empore haben. Das hatte sich als malerische Szene in mir gefestigt. Womit ich nicht rechnete, war die Wendung, des „Gesprächs“ in der Zelle. Erstaunt zog ich eine Augenbraue hoch, als Katrina trotz ihrer hilflosen Lage die Oberhand zu gewinnen schien und die Zweite schoss nach oben als ich hörte wie sie dies tat. Als ob sie meine Gedankenbotschaft gelesen hätte, drohte sie genau mit dem, was ich vorhatte und beeindruckte den Kerkermeister derart, dass er sich zurückzog. Urplötzlich musste ich handeln und wie ich es tun würde, lag auf der Hand. Der Kerkermeister sollte sehen, wie schnell die Mächte der Finsternis zur Stelle sind, wenn sie gerufen werden. Grinsend zog ich die Teufelsfratze über mein Gesicht, prüfte, ob ich auch gut im Licht stand und wurde sichtbar, als die massige Gestalt des Kerkermeisters sich gerade aufgeregt damit beschäftigte die Zelle Katrinas wieder zu verriegeln.

Er drehte sich um und ich erlaubte mir unter der Maske ein leises Lachen, denn der Anblick dieses riesigen, grobschlächtigen Mannes war einfach zu köstlich. Er wurde totenbleich, die Schlüssel fielen ihm aus der Hand, seine Knie begannen tatsächlich zu zittern und der größer werdende Fleck im Schritt seiner schmutzigen Hose sagte mir, dass er wohl trotz seiner Bärenkräfte kein mutiger Mann war. Er wollte schreien, aber nur ein Krächzen entrang sich seiner Kehle. Ich machte einen majestätischen Schritt auf ihn zu und er rutschte wimmernd an der Bohlentür nach unten. Ich hielt das für ausreichend, um meinen guten Eindruck als Teufel bei ihm festzuhalten. Noch zwei schnelle Schritte und meine Hand fuhr zu seiner Kehle. Ohne große Anstrengung zog ich ihn am Hals wieder hoch und oben angekommen, starrten mich zwei hervorquellende Augen aus einem blau gewordenen Gesicht an, in denen der Irrsinn funkelte. Die Atemnot ließ das Funkeln schließlich ersterben. Röchelnd verlor er das Bewusstsein und bevor ich ihn tötete, stieß ich ihn an der Mauer neben der Tür zu Boden. Sein Gesicht machte dabei innige Bekanntschaft mit dem groben Mauerwerk und anschließend mit den rauen Fußbodenplatten. Er würde sicher wie ein Troll aussehen, wenn er an das Licht des Tages zurückkehrte.

Mit dem zweiten Mann hielt ich mich nicht lange auf. Er brauchte den Teufel nicht zu sehen, war aber ein nettes Opfer für eine teuflische Tat. Ich tötete ihn schnell. Trat ihm einfach ins Genick, welches mit einem lauten Knacken brach. Die Gelegenheit war günstig und so nahm ich die Teufelsmaske ab, labte ich mich an seinem Blut, genoss kurze Zeit den Rausch der Macht und der Ekstase. Nun würde mich nichts mehr aufhalten. Ich fühlte mich stark genug es mit dem ganzen Dorf aufzunehmen und musste mein überschäumendes Ego mühsam in den Griff bekommen, um meinen Plan kühl weiterzuverfolgen. Ich biss meinem Opfer den Kopf ab. Es sollte hässlich aussehen. Knackend zermalmte ich den Nackenwirbel und warf den Kopf beiseite. Mit der gezackten Klinge meines Dolches öffnete ich seinen Brustkorb und riss das Herz heraus, wickelte es in einen schmutzigen Lappen und steckte es zu meinen Utensilien. Der Leichnam sah nun wahrhaft teuflisch genug aus, um ihn so zurückzulassen und so bewegte ich mich wieder auf die Tür der Zelle zu. Den Schlüssel hatte mir mein Freund der Kerkermeister ja mundgerecht davor abgelegt. Er begann gerade wieder, sich zu bewegen als ich dort ankam, was keine gute Idee von ihm war, denn sein Gesicht machte daraufhin einige erneute Bekanntschaft mit dem Steinboden. Endlich lag er ruhig. Ich sah beiseite, denn aus seiner Nase floss nicht wenig Blut, richtete mich auf und steckte den Schlüssel ins Schloss. Ohne Maske betrat ich den stinkenden dunklen Raum.
Der nackte Körper Katrinas hing in Ketten an der Wand. Sie schrak auf, sah mich aus glasigen Augen an als wäre sie gerade aus einer Ohnmacht erwacht und hielt mich wohl im Dunkeln für einen neuen Interessenten ihrer Reize. Allerdings schenkte ich diesen im Moment nicht die gebührende Beachtung. Sie empfing mich mit wüsten Flüchen, brabbelte mit irrem Blick etwas vom Teufel und ihrer baldigen Befreiung und ich nickte ihr schmunzelnd zu, während ich mich an den Schlössern ihrer Eisenringe an den Gelenken zu schaffen machte. „Wie recht Du doch hast, meine nackte Schöne. Der Teufel ist da. Wo bitte ist Euer Besen für den Abflug? Und wo habt Ihr gelernt, zu fluchen wie ein Bierkutscher?“ Meine Fragen brachten sie sichtlich aus der Fassung. Ihr Gesicht lief in einem tiefen rot an und sie atmete tief ein. Das gab mir Gelegenheit ungestört ihre Fesseln zu lösen und sie aufzufangen, denn ihre eingeschlafenen Muskeln trugen ihren Körper nicht mehr. Ich setzte sie ab, lehnte sie an die Wand und massierte, nun selbst leise fluchend, ihre Gelenke, zog sie wieder hoch, aber anscheinend hatte sie alle Kraft verlassen, denn sie sank wieder nach unten. Schweigend ergab ich mich in das Notwendige und warf sie mir über die Schulter. Die Eisenringe verschloss ich wieder sorgfältig. Auch die Tür würde ich wieder schließen und die Schlüssel mitnehmen. Ich war bereit für meinen eigentlichen Auftritt und verließ die Zelle. Ein letzter Tritt an den bulligen Schädel des Kerkermeisters und ich befand mich wieder in dem langen Gang zur Kellertreppe.

Ohne jemandem zu begegnen erreichte ich das Obergeschoss und das Fenster, durch welches ich das Rathaus verlassen wollte. Einen Moment erwog ich sogar es gleich zu tun. Vielleicht war der Kerkermeister ja schon beeindruckt genug. Aber dann schüttelte ich den Kopf. Nein… es sollte nicht nur einen Zeugen geben. Dann würde das dumme Bauernvolk keinen Zweifel mehr haben.
Ich öffnete die kleine Tür zur Empore, legte Katrina dort ab und gab ihr ein beschwörendes Zeichen, ruhig zu sein. In ihren aufgerissenen Augen stand aber nur grenzenloses Staunen und sie schwieg mich weiter an. „Gut so, Kleines, genau so will ich Dich haben.“, murmelte ich noch, bevor ich mich abwandte und meine Päckchen und die Zündschnüre hervorkramte. „Vielleicht sollten wir Dir auch mal was anziehen, aber im Moment musst Du leider im Evakostüm dem Auftritt deines Geliebten beiwohnen, Hexe Katrina. Ich denke, das ist aber in Ordnung.“ So etwas wie ein leises Stöhnen war zu hören, welches ich geflissentlich ignorierte. Am Fuß der Treppenaufgänge standen zu beiden Seiten wuchtige hölzerne Schränke. Gutes Brennholz und so öffnete ich jeweils eine Tür und platzierte je ein Päckchen darin. Das dritte fand seinen Platz in einer Art Theke vor der Tür zu den Wachräumen. Die Zündschnüre brannten und während ich die Treppe hinaufstürmte zog ich mir wieder die Fratze über das Gesicht. Ich nahm die inzwischen völlig mit ihrer Fassung kämpfende Katrina auf die Arme, sorgte für einen malerischen Fall ihres üppigen Haares über meinen Arm und für eine möglichst nach vorne gut sichtbare Darbietung ihres reizenden Körpers und stellte mich in Positur auf der Empore.

Ein dreifaches, markerschütterndes Zischen war zu hören. Aus den Schränken und der Theke schlugen grüne und rote Flammen und es stank nach Schwefel, dass es sogar einem Vampir schlecht werden konnte. Endlich stürmte die Wache des Haupteingangs die Halle des Rathauses. Sie machte nicht gerade den Eindruck militärisch exakten Auftretens. Die Uniformen waren eher derangiert, manche waren wohl aus der Pritsche gefallen, in der sie ihre Ruhezeit verbrachten. Andere hatten scheinbar, statt zu wachen, lieber dem Alkohol gefrönt. Es waren vier und sie brachten es bei meinem Anblick wenigstens fertig, wie ein Mann zu stehen und in so etwas wie eine Grundstellung zu fallen, wenn man von den verzerrten Gesichtern einmal absah mit denen sie mich anglotzten. Inzwischen loderten die Flammen meterhoch und verloren allmählich ihre Farbe. Dichter Qualm zog durch die Halle und trieb die Männer hustend zurück, was kurz darauf in einer wilden Flucht und handgreiflichem Gerangel an der Ausgangstür endete. Ich nutzte diese Gelegenheit, mich zurückzuziehen. Wie es aussah, würde die Feuerwehr von Callandar sich über einen ruhmreichen Einsatz freuen können. Ich war gespannt, ob es ihr gelingen würde meinen Freund den Kerkermeister zu retten.

Katrina lag steif in meinen Armen. Immer noch kam kein Ton über ihre Lippen. Kopfschüttelnd ging ich auf das Fenster zu, warf sie mir über die Schulter und sprang hinab in den hinteren Garten. Im Dunkel der Büsche zog ich die Maske vom Gesicht. „Etwas mehr Begeisterung wäre schon angebracht, mein Fräulein. Schließlich befinden Sie sich in den Armen Ihres Retters und wenn ich auch nicht der Teufel persönlich bin, so denke ich doch, dass eine echte Hexe wie ihr sich nicht wie eine Jungfrau wenn es donnert aufführen sollte.“ Wider Erwarten bekam sie doch noch ihren Mund auf und antwortete mir mit einem säuerlichen Gesichtsausdruck: „Augenscheinlich bin ich eine Jungfrau und Ihr habt soeben ein nicht zu kleines Donnerwetter veranstaltet.“ Es fehlte noch das leise Schnauben, welches durch die zierliche Nase stoßen sollte, um mir zu zeigen, dass ich einem Trampeltier scheinbar sehr ähnlich war, doch es blieb aus. Stattdessen schien die Kraft, die sie soeben noch gesammelt hatte, sie wieder zu verlassen und sie fiel erneut in Schweigen. Ich war nicht wenig verwundert über diese Worte und dass sie überhaupt etwas gesagt hatte, doch ich machte mich mit dem Gedanken vertraut, die süße Last nach Hause tragen zu müssen. Nicht dass mich das besonders gestört hätte, denn ich spürte ihr Gewicht kaum und so zog ich los. Ich verbrauchte etwas mehr Energie um auch den nackten Körper von Katrina unsichtbar zu machen und erreichte ungesehen mein Stadthaus. Aufatmend aber auch mit dem Hochgefühl des Siegers schloss ich die Tür und setzte sie ab. Wenigstens schien sie wieder auf eigenen Füßen stehen zu können. „Willkommen in meinem bescheidenen Heim Katrina, ich bin erfreut, Euch so schnell wieder zu begegnen.“ Es war hell genug in der Diele, dass sie mich nun erkennen musste, wenn sie es nicht vorher schon getan hatte, aber immer noch sagte sie kein Wort, versuchte nur beschämt ihre Blößen zu bedecken. Ich zuckte mit den Schultern und klingelte nach Mac Caines Weib. „Steck sie in die Wanne und bring sie dann ins Bett, in das vergitterte Zimmer und schließ die Tür ab. Besorg ein paar passende Kleider für unsere Hexe. Ich kümmere mich später um sie.“ Sprachs und verschwand in meiner eigenen Zimmerflucht. Katrina konnte noch eine Weile warten. Sie sollte erst einmal in der Verfassung sein, mir in die Augen zu sehen und mehr als ein Stöhnen von sich zu geben…
Andrej am 24.9.06 21:45


Kapitel 15

Es stank bestialisch und in meinem Schädel schien eine ganze Kolonne Handwerker auf etwas einzuhämmern. Es war mir unmöglich, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, weshalb ich einige Zeit brauchte, bis ich überhaupt begriff, wo ich war. Ich sah meine Umgebung nur verschwommen und undeutlich, als müssten sich meine Augen nach Tagen wieder daran gewöhnen, etwas zu sehen. Mein Zeitgefühl hatte sich scheinbar verflüchtigt. Ich hatte keine Ahnung, wie viele Stunden wohl vergangen waren. Ich hob den Kopf und blinzelte durch die Schleier, die sich auf meine Sicht gelegt hatten. Ich fand mich in einem winzigen, steinernen Raum wieder. Es gab keine Fenster. Nur eine schwere hölzerne Tür, die aussah, als hätte sie einer ganzen Armee Pferde standhalten können. Ungefähr in Augenhöhe war ein kleines rechteckiges Loch im Holz ausgespart. Es war vergittert.
Der Kerker... Wie sollte es auch anders sein? Es geht zu Ende mit dir, Katrina. Ich hätte mehr von dir erwartet, Kleines. Ich seufzte beinahe lautlos und nur allmählig lichtete sich der Nebel um meine Gedanken, wenn auch das stetige Hämmern in meinem Kopf damit eher zunahm. Ich ging dazu über, mich zu vergewissern, dass diese Schläger mich zumindest halbwegs heil gelassen hatten. Es kostete einige Mühe, meinen rechten Arm zu bewegen und kaum war es mir gelungen, vernahm ich ein leises, aber unheilvolles Klirren. Meine Stirn zog sich unwillkürlich in leichte Falten, als ich an meinem Arm hinauf sah. Schwere Ketten hielten ihn nach oben, sowie auch den anderen Arm. Scheinbar hing ich die ganze Zeit über so in diesen Ketten. Ich bezweifelte, dass ich mich jemals wieder normal bewegen könnte, sofern ich diese Ketten losbekommen würde. Ein weiterer Blick wanderte an mir hinunter und ein entsetztes Keuchen entfuhr mir. Ich war vollkommen nackt und stand aufrecht, nur von meinen Fesseln gehalten, an einer steinernen Wand. Augenblicklich drängte sich auch das Bewusstsein in meine Gedanken, dass es sehr zugig in diesem Loch war und jeder einzelne meiner Knochen schmerzte. Ich fröstelte, was die Ketten laut klirren lies.
Still, Weib! Du wirst noch jemanden auf dich aufmerksam machen! Ein leises Schnauben zischte durch meine Nase. Ich war es leid. Diese Stimme fiel mir auf die Nerven. War ich denn vollkommen verrückt? Oder auf dem besten Wege in diese Richtung?
Wenn du wüsstest, Kleines… Diese Aussage machte mich nun doch stutzig und… Moment mal… Ich hätte mehr von dir erwartet… Waren das nicht vor einigen Momenten erst die Worte dieser Stimme? Aber noch nie hatte dieses Etwas von sich selbst gesprochen. Und nie zuvor hatte es überhaupt eine eigene Stimme. Bisher hatte ich immer den Eindruck, es war meine eigene, die in meinem Kopf widerhallte. Aber diese war nun anders. Tief und rauchig…
Aber was tat ich dort? Ich dachte über etwas nach, was in meiner Lage eigentlich vollends unerheblich war. Eben in jenem Moment, als ich dies dachte, drehte sich krachend ein Schlüssel im Schloss um und die schwere Tür wurde aufgestoßen, als wäre sie nur aus leichten Brettern, statt aus wuchtigen Eichenbohlen gefertigt.
Die Luft, die in den Raum wehte, brachte einen noch durchdringenderen Gestank nach menschlichen Ausscheidungen und Tod mit sich. Scheinbar hatte ich doch eines der angenehmeren Zimmer in diesem Gasthaus erwischt. Der unruhig tanzende Lichtschein einer Fackel drang herein und – ob ich es mir nun einbildete oder nicht – ich glaubte, einen gequälten Schrei zu hören, bevor schwere Stiefel auf den Steinboden trafen und die Tür wieder ins Schloss fiel. Es bereitete mir einige Mühe, den Kopf zu heben und gegen das Fackellicht zu blinzeln. Es war sicherlich nicht besonders hell, doch das Dämmerlicht, welches mich zuvor noch umgab, war um einiges gnädiger zu meinen Augen gewesen. Ich versuchte zu erkennen, wer dort den Raum betreten hatte, doch kaum, dass ich einen Blick auf den hünenhaften Mann erhaschte, explodierte erneut ein heftiger Schmerz in meinem Kopf. Er reichte nicht aus, um mich wieder zurück in die erbarmungsvolle Dunkelheit sinken zu lassen, doch ich senkte mit einem leisen Wimmern, das ich nicht unterdrücken konnte, den Kopf. Ich tat dies so ruckartig, dass die Ketten erneut laut klirrten.
Nein! Keine Träne! Nicht eine einzige! Ob es nun mein weiblicher Stolz oder das vor Genugtuung triefende, leise Lachen war, welches ich hörte, – vielleicht sogar beides – ich bemühte mich tatsächlich darum, mich zu beherrschen. Es gelang mir auch. Ich hörte, wie die Fackel in eine eiserne Halterung an der Wand glitt und kurz darauf, wie die Schritte der schweren Stiefel näher kamen. Sie bewegten sich in mein Gesichtsfeld und blieben schließlich dicht vor mir stehen. Eine wahre Pranke hob sich an mein Kinn und instinktiv wollte ich zurückweichen, doch es war mir durch meine missliche Lage ohnehin nicht möglich, mich zu bewegen. Grob wurde mein Kinn angehoben, sodass ich gezwungen war, diesen Kerl anzusehen. Er verdeckte mit seinen breiten Schultern das Licht der Fackel und ich erkannte den Kerkermeister vor mir. Ich hatte ihn zuvor schon ab und zu auf der Straße gesehen und schon, als ich mich noch in Freiheit befand, war er mir unheimlich gewesen.
„Wenn du einmal wach bist, erlaube mir eine Frage: Was treibt dich denn hier hinunter in mein Reich, hübsches Kind?“ Sein Atem schlug mir entgegen und machte die in Ironie ertränkte Stimme nicht sonderlich angenehmer. Eine Antwort bekam er nicht von mir. Lediglich einen wenig von Sympathie zeugenden Blick schenkte ich ihm. Er hatte scheinbar nichts anderes erwartet, denn das spöttische Lächeln auf seinem Gesicht wurde noch eine Spur tiefer. Er war mir so nahe, dass ich ihn riechen konnte. Es machte die Sache nur noch unangenehmer, denn ich schloss aus diesem Geruch, dass er weder sonderlich fromm lebte, noch den Genuss von Alkohol verachtete. Ich verzog unwillig das Gesicht, was ich mir lieber hätte verkneifen sollen, denn ich handelte mir eine saftige Ohrfeige ein. Mein vielmehr überraschter Aufschrei hallte an den steinernen Wänden wider und noch bevor ich mich sammeln konnte, fand ich mein Gesicht abermals im Griff des Hünen.
„Sei lieber nett zu mir, wenn du die Zeit bis zu deiner Anhörung noch überleben möchtest, Schätzchen.“ Seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, doch die unverhohlene Drohung darin war kaum zu überhören. Seine Worte riefen mir auch augenblicklich in Erinnerung, dass ich vollkommen nackt vor ihm an eine Wand gekettet war. Ich war wehrlos. Ihm völlig ausgeliefert. Scheinbar ist auch ihm dieser Umstand in eben jenem Augenblick wieder eingefallen, denn etwas in seinem Blick änderte sich. Plötzlich lag ein solch übertriebener Sanftmut darin, dass es einfach nicht echt sein konnte. Ich ahnte, was mir bevorstand, als er mich - nein, nicht mich, sondern meinen Körper – mit Augen musterte, in denen die Gier nicht deutlicher stehen konnte. Seine grobe Hand ließ mein Kinn los und meine Zähne verbissen sich in meiner Unterlippe, als ich jene Hand an meiner Hüfte spürte. Mich überkam ein unglaubliches Ekelgefühl, als auch seine zweite Hand begann, meinen Körper zu erkunden. Ich zwang mich, die Augen zu schließen. Es war besser so. Sein Anblick hätte mir in diesem Moment sicherlich noch die restliche Beherrschung geraubt und ich zweifelte nicht an der Ernsthaftigkeit seiner Drohung.
Lass das nicht zu! Wenn du schon grundlos stirbst, dann wenigstens unbefleckt. Merkwürdig… Eine gewisse Ironie lag in diesem Tonfall. Meinte Es diese Worte nun ernst, oder war es nur ein erneuter, beißender Hohn?
Was zögerst du? Mach schon! Wehr dich! „Wie denn?“, antwortete ich verzweifelt und mir wurde erst klar, dass ich dies laut ausgesprochen hatte, als der Hüne vor mir plötzlich in seinem Tun inne hielt. Seine Hände waren inzwischen ein Stück nach oben gewandert. „Was hast du gesagt?“
Dass ich dich in Stücke reiße, sobald ich diese Ketten los werde, du dreckiger Lustmolch!
Nun machte meine andere Wange Bekanntschaft mit der Art des Hünen, Ohrfeigen auszuteilen. Gepfeffert und sehr schmerzhaft. Ich schaffte es noch immer, die Tränen zurückzuhalten. Im ersten Moment fürchtete ich, ich hätte die Worte des Etwas laut ausgesprochen, doch ein hasserfüllter Blick in das Gesicht des Hünen verriet mir, dass ich einfach nur beharrlich geschwiegen hatte. In seinem Gesichtsausdruck lag ein grimmiger Befehl und keine maßlose Empörung.
„Nichts… Gar nichts…“, antwortete ich hastig. Wohl etwas zu hastig. Er kam noch näher und ich schickte ein Stoßgebet wohin auch immer, dass ich nicht die Kontrolle verlieren würde. Sein Gesicht war nun nur noch wenige Zentimeter von meinem entfernt. „Sicher doch, Schätzchen… Mit wem hast du geredet? Sicherlich nicht mit mir.“
Was für ein unglaublich kluger Bursche. Du sprachst mit dem Teufel persönlich. Sag ihm das! Ich starrte in das Gesicht des Hünen und glaubte nicht, was ich dort hörte. Konnte dieses Etwas denn tatsächlich… ?
Natürlich nicht, dummes Mädchen. Aber dieser Lustmolch kann das doch nicht wissen. Also los! Sag es ihm! Ich konnte es noch immer nicht fassen. Was diese Stimme dort verlangte, kam doch einem offenen Geständnis gleich. Nein, es war eines.
Tu es einfach! Es wird dir noch helfen, glaube mir… Aber wie konnte Es denn wissen, was mir irgendwann einmal helfen würde? Andererseits… Ich ahnte bereits voraus, dass sich die Hand des Hünen im nächsten Moment wieder heben würde. Was hatte ich noch zu verlieren?
„Also?“, fuhr er mich an. „Nun…“,setzte ich an und bemühte mich, einen möglichst hinterlistigen Blick aufzusetzen, „…mit Luzifer persönlich. Dem Leibhaftigen.“ Es kostete mich nur noch wenig Mühe, ein Flackern in meine Augen zu zaubern, welches ohne Zweifel ausdrückte, dass ich den Verstand verloren haben musste. Die Augen des Kerkermeisters weiteten sich vor Schreck und ich konnte nicht umhin, noch etwas Nachdruck in meine vorangegangenen Worte zu legen: „Er wird mich aus deinen Klauen befreien! Ich werde nur noch für ihn leben!“ Ich ließ ein Lachen folgen, welches jeden Zweifel davon fegen sollte und dies auch offensichtlich tat, denn er wich mit angsterfülltem Blick vor mir zurück. „Du… du verdammte Teufelshure!“, rief er aus und stolperte beinahe über seine eigenen klobigen Stiefel, als er fluchtartig den Raum verließ und die Tür hinter sich beinahe in ihr Schloss prügelte.
Ein fast schon zufriedenes Gefühl machte sich in mir breit. Auch wenn ich nicht zu ahnen wagte, was ich dort ausgelöst hatte. Unbarmherzig stach mir nun das Licht der Fackel wieder in die Augen. Es wurde nicht mehr von breiten Schultern verdeckt und in seiner Hast hatte der Hüne das Feuer scheinbar vergessen. Wieder explodierte dieser Schmerz im hinteren Teil meines Kopfes und dieses Mal reichte es aus, um mich der sanften Umarmung der Dunkelheit hinzugeben…
Arcana am 11.9.06 20:46


Kapitel 14

Vereinzelte Nebelschwaden krochen über den trügerischen Boden des kleinen Sumpfgebietes, in dem ich die Leiche verschwinden lassen wollte. Es war ein ruhiger, fast verwunschener Platz. Natürlich empfingen meine empfindlichen Ohren trotzdem das leise Rascheln der Insektenwelt, das vorsichtige Trippeln kleiner Pfoten und andere Geräusche der Tierwelt, die hier aber irgendwie gedämpft waren. Als würde die Atmosphäre des Ortes allein genügen, jeden Besucher zur Zurückhaltung zu mahnen. Leise zu sein, vorsichtig aufzutreten, wachsam zu lauschen und nur ja selbst keinen Laut von sich zu geben. Lange bevor ich den Rand des Moores erreicht hatte, war mir schon der typische Geruch von Moder und Fäulnis in die Nase gestiegen. Es sah aus wie eine weitläufige Lichtung, an deren Rand schmale Rinnsaale von Bächen versickerten. Braune Erde die hier und da kleine Gasblasen platzen ließ, mit kleinen Inseln von Gras und kleinem Buschwerk bewachsen.
Die Blasen erinnerten mich an etwas und ich öffnete die Bauchdecke der bleichen Hülle, die einmal Aigneis Frazer gewesen war, mit zwei schnellen Messerschnitten um zu verhindern, dass die Leiche durch Bildung von Verwesungsgasen wieder an die Oberfläche treiben konnte. Spuren hinterließ ich dadurch keine, denn der Körper war absolut blutleer. Die Stelle, an der sie ihr modriges Grab finden sollte, hatte ich schon ausgesucht. Sie lag nur wenige Schritte weit vom Ufer entfernt. Ich hatte schon früher ausprobiert, dass sie zuverlässig auch größere Teile gierig verschlang und so konnte ich es mir ersparen, meine teure Kleidung zu verschmutzen und hob die schwere Aigneis einfach über meinen Kopf und warf sie zielsicher dorthin. Das Aufplatschen des massigen Körpers klang wie ein Schmatzen in meinen Ohren und ich sah zu, wie sie langsam versank. Nur eine Menge Blasen zeugten noch von dem Geheimnis, dass diese Stelle nun barg und hoffentlich lange bergen würde.

Als ich mich umdrehte, hatte ich die Episode bereits vergessen und ein feines Lächeln spielte um meine Mundwinkel, denn ich glaubte, dass meinen Plänen nun nichts mehr im Wege stand. Ich vermutete, dass der “Selbstmord“ von Katrinas Vater inzwischen entdeckt worden war und ich gedachte, den gramgebeugten Hinterbliebenen meine selbstlose Unterstützung angedeihen zu lassen und für ihr Auskommen zu sorgen. Es würde mich nicht ärmer machen und es war eine gute Gelegenheit Katrina endgültig näher zu kommen. Ich schmunzelte bei dem Gedanken den rettenden Engel zu spielen, in dankbare Gesichter zu blicken, die nichts davon ahnten wer für ihre Lage verantwortlich war. Das Mädchen würde bald mir gehören und wir würden diesen langweiligen Ort hinter uns lassen. Ja, es war total einfach. Aber hatte ich im Ernst Schwierigkeiten erwartet? Grinsend schüttelte ich den Kopf. Das Dorf erschien am Horizont und ich ging beschwingt darauf zu, bereit die Beute einzusacken die ich mir redlich verdient hatte.
Aufgeregte Stimmen schlugen mir entgegen, als ich durch eine verwinkelte Gasse auf den Marktplatz zuging, den ich passieren musste um das Stadthaus zu erreichen. Wieder hörte ich das Wort “Hexe“ und runzelte die Stirn. Hatte ich nicht die Rädelsführerin der Hexenjagd beseitigt? Ärgerlich mischte ich mich unter die aufgeregte Menge. Ich fiel nicht besonders darin auf und nahm die eine oder andere Musterung aus meist weiblichen Augen gelassen hin. Ich war zwar nicht scharf darauf gesehen zu werden, aber verstecken musste ich mich nicht. Schließlich war ich eine Respektperson, ein reicher Mann, der es sich leisten konnte, sich dem Müßiggang hinzugeben. Allerdings war meine Gelassenheit nur vorgetäuscht, denn ich erfuhr natürlich den neuesten Aufreger des Ortes in fast allen Einzelheiten. Mir entging auch Geflüstertes nicht. Katrina war als Hexe verhaftet worden. Man machte sie für alles verantwortlich. Für das Unglück ihrer Familie und auch für das Verschwinden von Aigneis Frazer. Bei letzterer wurde mein Name sogar ins Spiel gebracht und ich versteifte mich, bis mir klar war, dass es anscheinend um ein Eifersuchtsmotiv für Katrinas böswilliges vorgehen gegen Aigneis ging. Nun verstand ich die verstohlenen Blicke besser und entfernte mich rasch von diesem Ort der Aufregung und des Geschwätzes, als ich wusste, dass man Katrina im Keller des Rathauses sicher untergebracht hatte. Einen Prozess würde es morgen Mittag geben und am Abend würde sie brennen. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche, denn die Frauen vor so einem Gericht hatten keine Chance.

Wütend stieß ich mit dem Fuß gegen einen Stein. Ich ärgerte mich über die neuen Schwierigkeiten. Selbst ich konnte es mir nicht leisten, offen gegen eine Hexenverbrennung vorzugehen. Selbst wenn ich es verdeckt tat, war das Risiko groß, aufzufallen. Dann konnte ich mein Stadthaus hier vergessen und mich die nächsten hundert Jahre nicht blicken lassen, wenn man mich nicht noch landesweit verfolgte. Bei Hexenjagden verstand das Schlachtvieh keinen Spaß. Der dumpfe Glaube, dem es anhing, konnte beachtliche Kräfte entwickeln. Missmutig erwog ich die Möglichkeiten. Ich hatte einen Tag Zeit, etwas zu tun. Katrina wurde von zwei Stadtwachen bewacht und vor dem Rathaus war immer viel los. Ich musste ungesehen den Keller erreichen, die Wachen ausschalten, Katrina ungesehen herausbringen und dann…? Ja… was dann? Ich konnte nicht sofort mit ihr fliehen. Mein Fehlen würde auffallen. Ich musste sie verstecken und wegen des Zeitmangels musste ich auch noch schnell handeln. Konnte nichts vorbereiten, sondern nur improvisieren. Kopfschüttelnd dachte ich darüber nach sie aufzugeben. War sie es wirklich wert, dermaßen hohe Risiken einzugehen? Meine ruhige Existenz in der Nähe meiner zweibeinigen Nahrung zu gefährden?
Eigentlich doch eher nicht. Wer war sie schon? Ein Bauerntrampel. Allerdings ein Bauerntrampel im Körper Ramonas. Ich zischte einen Fluch. Ich wollte sie zurück. Wollte wenigstens diesen reizenden Körper wieder spüren. Wollte mir zurückholen, was man mir vor langer Zeit nahm und gleichzeitig eine willige und perfekte Begleiterin auf meinem jahrhunderte langen Weg aus ihr machen. Sollte ich mir das von diesen Tölpeln nehmen lassen? Ich atmete tief durch. So betrachtet, sah es wieder anders aus. Katrina war meine Beute und niemand wilderte in meinem Revier. Entschlossen ging ich auf mein Haus zu, verschwand durch die Tür, traf meine Vorbereitungen und wartete auf meine beste und zuverlässigste Freundin – die Nacht.

Mit den Händen auf dem Rücken stand ich kurz darauf im Salon und starrte aus dem Fenster. Die einfachste Möglichkeit, die des Frontalangriffs, schloss ich nach einer Weile aus, oder betrachtete sie als Plan B in meinen Erwägungen. Natürlich konnte ich die Wachen ausschalten. Ich konnte sie töten oder ich könnte alle töten, die sich mir in den Weg stellen würden, aber was würde ich damit erreichen? Ich würde ein Schlachtfeld zurücklassen und damit in ein Wespennest stechen. Es musste etwas besseres geben. Ich musste dem Volk eine Erklärung für Katrinas Verschwinden geben, an die es glauben konnte, ohne das ganze Land aufzuscheuchen. Es musste etwas unerklärliches sein. Etwas magisches. Am besten schob ich es dem Teufel persönlich in die Schuhe. Passenderweise zauberte ich ein diabolisches Lächeln in mein Gesicht, was aber nicht lange anhielt, denn ich hatte nun zwar den Unhold für die Bauerntrampel ausgesucht, aber noch keine Idee wie ich im Rathaus auf höllische Weise zuschlagen würde, um meine Braut, die Hexe, zu mir zu holen. Ich brauchte eine Inspiration. Nachdenklich warf ich einen Blick auf meine schwer beladenen Bücherregale.

Stundenlang blätterte ich mich durch das eine oder andere Thema ohne viel zu finden, was ich nicht schon vorher gewusst hätte. Der Teufel stank nach Schwefel. Er liebte es, sich in Rauch zu hüllen, Angst und Schrecken zu verbreiten, Gott zu lästern und Hexen glücklich zu machen. Feuer sollte also eine Rolle spielen, was auch genügend Aufregung verursachen und für ausreichend Rauch sorgen würde. Den Schwefel würde mir Mac Caine besorgen und den Teufel, würde ich wohl höchstselbst geben müssen. Ich hatte noch von meinem letzten Besuch Venedigs eine hübsche Maske in meinem Fundus und hoffte, dass niemand den Bocksfuß vermissen würde, wenn er dem Teufel gegenüberstand. Trotzdem blätterte ich weiter und fand doch noch etwas Interessantes. Es gab diverse Salze, die Flammen in bunten Farben flackern ließen und die Vermengung von Schwefel, Salpeter und Holzkohle konnte für beeindruckende Effekte sorgen, die nicht ungefährlich waren. Die Liste für Mac Caine wurde länger. Sicher würde der Apotheker über diese Ingredienzen verfügen und ich sollte mich beeilen, ihn auf den Weg zu schicken. Ich klappte die Bücher wieder zu, rieb mir recht gut gelaunt die Hände, schickte Mac Caine zum Einkaufen und suchte mir die übrigen Sachen zusammen, die ich anziehen und die ich mitnehmen wollte.

Das Stadthaus hatte einen tiefen Gewölbekeller, in dessen unterstem Geschoss sogar eine Feuerstelle angebracht war. Der Kamin zog sich von ganz unten bis zum Dach und so hatte ich mich gleich nach Mac Caines Rückkehr dorthin verzogen, um im Schein von mehreren Fackeln die Mischungen herzustellen und zu testen. Es ging mir nicht darum, dass es laut knallte, sondern darum, dass es zischte, qualmte und nach Schwefel stank. Das Buch hatte mir ein paar Hinweise gegeben und so mischte ich eine, wie ich meinte, schwache Ladung zusammen. Auch eine lange Zündschnur stellte ich her, indem ich etwas von der Pulvermischung mit Harz an einen Faden klebte und diesen mit Zwirn umwickelte. Danach schnitt ich die Zündschnur in kleinere Stücke für meine hoffentlich funktionierenden Päckchen. Ich wartete auf die Dunkelheit, wegen der Rauchentwicklung, Nichts sollte die Aufmerksamkeit der Bauerntölpel auf den Kamin meines Hauses lenken. Ich verbrauchte die Hälfte meines Materials bis ich zufrieden war. In dem Keller stank es inzwischen infernalisch nach Schwefel, aber das störte mich wenig. Hauptsache war, dass niemand etwas durch die meterdicken Mauern hören würde. Das letzte Päckchen zischte, dass es jedem Überraschten einen gehörigen Schrecken einjagen musste und verglühte dabei ziemlich heiß, setzte mit Leichtigkeit Holz in Brand, welches ich in kleinen Mengen dazu gelegt hatte und dieses brannte solange das beigemischte Barium- oder Strontiumsalz reichte in grünen oder roten, sehr hoch schlagenden zuckenden Flammen. Zufrieden stellte ich weitere Päckchen her, solange mein Vorrat noch reichte. Viele waren es nicht mehr, aber drei mussten eben reichen. Ich packte sie in einen Beutel an meinen Gürtel, an dem noch mehr Dinge befestigt waren, die ich brauchen würde. Inzwischen war es dunkle Nacht und Zeit für den Auftritt des Herrn der Hölle. Dass ich durch die Experimente einen etwas strengen Geruch ausstrahlte konnte meinem Auftritt nur förderlich sein und so verzichtete ich darauf, das Bad aufzusuchen. Ich hatte sowieso keine Zeit mehr dafür.

Geschützt von den Schatten der Nacht verließ ich mein Anwesen wieder in weicher, bequemer und vor allem schwarzer Lederkleidung. Ein dunkler Umhang vervollständigte die Ausstattung, in dem zwei Miniarmbrüste gespannt und gesichert befestigt waren. Die Teufelsmaske hatte ich ebenso dort verstaut. An meinem Gürtel hingen meine Utensilien, ein zierliches Kurzschwert und zwei Wurfdolche. Ein paar kleinere Einbruchswerkzeuge hatte ich ebenfalls eingepackt. Ich wollte sie erst zurücklassen, denn ich sah keinen Grund einzubrechen. Im Schutze meiner Deflektorfähigkeit würde ich schon ungesehen ins Rathaus kommen, aber man konnte nie wissen und die kleinen Haken und Dietriche, die an einem Eisenring aufgereiht waren, behinderten mich nicht.
Schon weit vor dem Rathaus verschwand ich trotz der Dunkelheit für menschliche Augen. Auf weichen Ledersohlen erreichte ich lautlos das Gebäude, in dem trotz der nächtlichen Stunde Licht brannte und der Eingang war bewacht. Ich wartete einfach ab, denn ich wusste die beiden würden abgelöst werden und so traten auch zur nächsten vollen Stunde zwei verschlafene Kumpane vor die Tür und hielten ein kurzes Schwätzchen mit ihren Vorgängern, während ich an ihnen vorbei in die Eingangshalle huschte. Die beiden Abgelösten verschwanden in einer Kammer direkt hinter dem Eingang um zu schlafen, bis sie wieder an der Reihe waren. Ich gedachte allerdings, sie um diesen Schlaf zu bringen. Mich kurz orientierend suchte ich das Treppenhaus in den Keller, was ich schließlich seitlich der eigentlichen Empore hinter einer einfachen unverschlossenen Tür fand. Der Keller war nicht tief. Nur zwei Treppen führten hinab. Fackelschein erhellte die unteren Gänge und menschliche Stimmen waren zu hören. Ich unterschied wieder zwei. Es gab also genug potenzielle Zeugen, die den Teufel persönlich sehen und davon erzählen konnten. Ich ging zunächst die Stufen nach oben, um einen Fluchtweg zu planen. Im ersten Stock öffnete ich ein hinteres Fenster. Einen Sprung dort hinab, auch mit Katrina als Gepäck, wäre eine leichte Übung. Nun musste ich nur noch einen geeigneten Platz für meine Päckchen suchen. Es sollte ja schön brennen, die Wachen sollten aufgescheucht werden und Katrina sollte nichts passieren. Eine kleine Tür fiel mir auf, die ebenfalls unverschlossen in einen kleinen Erker mündete, über den man um eine Ecke die Empore der Eingangshalle betreten konnte. Das war gar nicht schlecht. Ich war geneigt, meine Pläne etwas abzuändern, Katrina zuerst zu befreien, danach den Auftritt des Teufels zu inszenieren und dann mit ihr zu verschwinden. Die weite Treppe der Eingangshalle mit der Empore war sicher geeignet, dem Herrn der Hölle ein angemessenes Ambiente zu geben. Mit einem übertrieben teuflischen Grinsen machte ich mich auf den Weg.
Andrej am 27.8.06 19:07


Kapitel 13 (Dreizehn!! ;) )

Hast du tatsächlich vor zurück zu kehren? Ich konnte sie nicht allein lassen. Nein… Die Dorfbewohner glaubten sehr wahrscheinlich an die Wahrheit dessen, was dieses Weib verbreitete. Ich war sicher, dass sie genau in jenem Moment jedem, den sie traf, mitteilte, wer als nächste brennen würde. Im Falle, dass sie die vermeintliche Hexe nicht fanden, musste ihre Familie dafür büßen, dass sie eine Hexe unter sich hatten und es deckten oder gar nicht bemerkten. Ich schnaubte verächtlich bei diesem Gedanken. Es müsste jeder einzelne gefoltert werden, der je Kontakt mit ihr hatte, würde man dieser Begründung penibel folgen.
Du kannst nicht zurück. Es ist zu spät. Ich lief mit hastigen und etwas unbeholfenen Schritten am Ufer des kleinen Wasserlaufs am Rande des Dorfes entlang. Meine Eimer hatte ich in meiner Fassungslosigkeit komplett vergessen. Sie lagen noch immer am Brunnen, von dem ich Hals über Kopf geflohen bin. Kein kluges Verhalten. Sie werden es dir sicher anhängen. Meine Gedanken rasten. Ich wollte meine Familie nicht für mich leiden lassen, doch ich hatte eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was passieren würde, wenn irgendein unglückseliger Zufall dazu beitragen würde, dass meine „Schuld“ bewiesen werden konnte.
Und doch… Eine Gelegenheit…? Wieder schlich sich eine dieser absurden Ideen in meinen Kopf, denn es bot sich eine Möglichkeit zu verschwinden. Und diese Möglichkeit war fast zum Greifen nah. Ich musste sie nur nehmen und festhalten…
Mit einem energischen Kopfschütteln warf ich diese Gedanken von mir und schon trugen mich meine Beine zurück in Richtung Dorf. Zuerst schlug ich noch ein schnelles Tempo an, doch je weiter ich in das Dorf hineinkam, desto langsamer wurde ich. Unruhe ergriff mich und immer öfter sah ich mich verstohlen um, obwohl es dafür keinen ersichtlichen Grund gab. Das Dorf lag ruhig da. Vielleicht ist es zu ruhig? Meine Stirn zog sich in leichte Falten. Viele der Dorfbewohner waren sicherlich auf den Feldern. Aber kein einziges Kind sprang durch die Gassen. Keine Frau war vor dem Haus, um die Wäsche zu schleudern. Nicht einmal ein Hund bellte. Es war unheimlich. Noch unheimlicher wurde es, als plötzlich hastige Schritte die Stille durchbrachen.
„Katrina!“
Ich kannte die Stimme, konnte sie aber nicht zuordnen. Es war eine hohe, mädchenhafte Stimme. Die Schritte kamen näher.
„Katrina!“
Die Stimme klang aufgeregter. Ich trat einige Schritte nach vorn und blieb an der Ecke eines Hauses stehen. Nun erkannte ich ein leises Pfeifen in den Atemzügen des Mädchens, welches meinen Namen rief. Es war…
„Kat-“
…meine Schwester. Mit einer Geschwindigkeit, als wäre der Leibhaftige persönlich hinter ihr her gewesen, fegte sie um die Ecke des Hauses und stieß mich beinahe von den Füßen. Ich strauchelte, doch sie klammerte sich sofort an mir fest, sodass ich mein Gleichgewicht wahren konnte. Allerdings verdarb mir ein Blick in ihr Gesicht jede Freude über ein verschontes Hinterteil.
Ihr Atem rasselte und das charakteristische Pfeifen war laut zu hören. Sie hatte einmal eine schwere Lungenkrankheit und jenes Pfeifen war die bleibende Erinnerung daran. „Katrina!“ Fragend sah ich sie an. Als ich allerdings keine Antwort bekam, verdrehte ich die Augen, ging vor ihr in die Hocke und sah sie fest an. Ich war nun mit ihr fast auf gleicher Höhe. „Ganz ruhig. Was ist passiert?“ Ich erwartete nichts Weltbewegendes. Mary hatte schon immer einen Hang zu Überreaktionen und regte sich viel zu heftig auf, was ihrer Gesundheit natürlich weniger zu Gute kam.
Sie schluckte schwer, um sich zu beruhigen. „Katrina!“ Ja, das kennen wir nun schon… Ich schüttelte den Kopf. Was ich jetzt brauchte, waren klare Gedanken und keine innere Stimme, die mich ständig ablenkte. „Sprich doch!“, animierte ich meine jüngste Schwester, die mir immer mehr wie ein aufgescheuchtes Huhn vorkam. „Sie… Sie haben…“ – „Was haben sie?“ – „Vater! Er ist… Er ist… Er hat sich…“ Wieder schüttelte ich den Kopf. Jedoch nicht abwehrend, sondern fassungslos. Ich sah in ihren Augen, was geschehen sein musste. Es war nicht nötig, dass sie weitersprach. Das Grauen, welches in den braun-grünen Tiefen lag, sprach Bände. Ich wollte sie in die Arme nehmen, doch sie wehrte ab. Verwirrt sah ich sie an. „Du musst weg von hier, Katrina!“ Sogar dieses Balg hat es schon erkannt. Hör auf sie und verschwinde! „Aber… aber warum denn, Mary?“ Wie naiv kann man sein? Was fragst du noch? Hätte die Stimme eine Hand und eine Stirn; Ich war sicher, jene wären in diesem Moment unsanft aufeinandergetroffen. „Sie suchen nach dir. Sie sagen, du seiest an all dem Schuld. Sie glauben, du hättest alle verhext. Und es wird jemand vermisst.“ – „Wer?“ – „Aigneis Frazer.“ Meine Augen weiteten sich vor Schreck. Das war allerdings ein Grund besorgt zu sein. Nicht, dass der Selbstmord meines Vaters allein gereicht hätte. Scheinbar machte sich jemand einen Spaß daraus, mir das Leben schwer zu machen… Oder es gar zu beenden? „Katrina, was hat das alles zu bedeuten?“ Ich konnte es kaum mit ansehen. Tränen stiegen in die Augen meiner Schwester. Sie war gerade erst 14 und Vollwaise. Wie sollte sie all dies nur verstehen? Wie sollte sie verstehen, dass Ihre Familie scheinbar nichts anderem als reinem, willkürlichen Hass zum Opfer fiel? Hass, dessen Ursprung ich nicht einmal kannte.
„Bitte, Katrina.“, sagte sie, als sie statt einer Antwort nur ein sanftes Streicheln über ihr Haar von mir bekam. „Du musst verschwinden! Nimm dir Samira und flieh so schnell du nur kannst! Mach dir keine Sorgen um uns, wir schaffen das. Rajo passt auf uns auf.“
Dieses naive Mädchen. Noch naiver als du? Langsam wurde mir dieses innere Etwas unheimlich, denn es begann eigene Gedankengänge zu führen. Allerdings war mir das zu diesem Zeitpunkt recht egal. Ich verdrängte es und schob es auf die Aufregung, die ich empfand.
Samira, unsere alte Kaltblutstute, die auf dem Feld half, würde mit Sicherheit keine hektische Flucht überleben. Sie stand einem Herzanfall schon nahe, wenn sie ihre Zeit nur ruhig kauend im Stall verbrachte. Wir besaßen noch einen Hengst, doch dieser war zu wertvoll, um ihn der Familie zu nehmen. Er war ein wahres Schlachtross und stand hoch im Blut. Der ganze Stolz und der letzte verbliebene Rest von etwas Lohnendem der Familie, was ihn aber leider nicht vor der Feldarbeit bewahrte.
„Katrina, geh!“ Marys Stimme war von Schluchzen erstickt, doch sie brachte die Kraft auf, mich von sich zu stoßen. Schwankend und leicht überrascht richtete ich mich wieder auf und fand mich neuerlich in die Seite gestoßen. „Geh! Es ist besser, wenn du gehst!“ Das wolltest du doch immer. Warum gehst du nicht, wenn man es von dir verlangt? Ja… Warum nicht? Vor wenigen Augenblicken hatte ich noch darüber nachgedacht, und nun? Was hielt mich an diesem Ort?
„Geh zu ihm. Er nimmt dich sicherlich mit. Es ist besser, wenn ihr beide von hier fortgeht.“ Irritiert sah ich Mary an. Er? „Ja, der Besitzer des Stadthauses. Ich weiß, dass all das hier wahrscheinlich nur wegen Mrs. Frazers Neid auf dich entstand. Er interessiert sich für dich und sie wollte es nicht wahrhaben.“ Was für ein schlaues Mädchen deine Schwester doch ist. Mich überraschte dies tatsächlich ein wenig.
„Und genau deswegen hat sie Aigneis verschwinden lassen!“
Ich fuhr herum und instinktiv verbarg ich Mary hinter meinem Rücken. Misstrauisch blinzelte ich gegen die Sonne, bis ich einen Mann ausmachen konnte. Jedoch konnte ich nur dunkle Umrisse sehen, denn ich war zu geblendet.
„Deine Schwester wirst du auch nicht mehr schützen können, doch wir lassen Gnade vor Recht ergehen. Ihr wird nichts geschehen. Doch du, Hexe, wirst brennen, das schwöre ich beim Allmächtigen Herrn!“
Mary stieß einen spitzen Schrei aus und bevor ich mich auch nur ansatzweise wehren konnte, packten mich zwei kräftige Hände aus dem Hinterhalt und ein plötzlich explodierender Schmerz an meinem Hinterkopf löschte die Welt um mich herum augenblicklich aus…
Arcana am 26.7.06 11:36


Ich entschuldige mich mal ganz offiziell und vollkommen demütig.
Leider fehlte mir in den letzten 4-5 Wochen die Zeit oder Muse und in den nächsten beiden sieht es nicht besser aus. Also... An die eventuelle Leserschaft, die ich nicht persönlich kenne: Bald...
Bald geht es weiter. Ihr dürft Hoffnung haben, 
denn der erste Absatz ist schon geschrieben.
Arcana am 5.7.06 19:14


 [eine Seite weiter]
Archiv





Gratis bloggen bei
myblog.de