Verborgene Gedanken

Kapitel 12

Scharren.. schnuppern.. hastige Bewegungen dann wieder stilles Verharren und mit zitternden Schnurrhaaren jedes Signal der absolut feindlichen Umwelt wahrnehmend. Hier eine saftige Kakerlake da ein Stück faulendes Obst, ein paar Eier aus einem schlecht gewählten Nest eines Singvogels unter einem Mauervorsprung. Nichts anderes als die nächste Mahlzeit war wichtig. Einzig unterbrochen von den reizenden Düften eines heißen Weibchens, welches schnell besprungen und noch schneller wieder verlassen war. Die einzige Unterbrechung, die der nagende, immer gegenwärtige Hunger zuließ, sich aber sofort zurückmeldete und schmerzhaft intensiv auf seinem Recht beharrte, gestillt zu werden. Da… ein hoher Schrank… es duftete nach Brot… schnelles, hastiges Klettern, die verstaubte Rückwand hinauf... hier... ein kleiner Riss im Holz… Dahinter lag frisches Brot. Die Ratte begann den Riss zu vergrößern. Nagend und kratzend grub sie sich dem duftenden Fraß entgegen und ihr Hunger peitschte sie voran.
Ich zog meinen Geist zurück und schlug die Augen auf, gab mich noch eine Weile dem Nachhall der niederen Instinkte und flüchtigen Freuden des Rattendaseins hin und erhob mich dann. Mein Körper hatte genug geruht und ich ging zum Fenster, um die hohen Vorhänge beiseite zu schieben. Aus zusammengekniffenen Augen musterte ich die Straße und die vereinzelt vorbeiziehenden Bewohner.
Mac Caine erschien hüstelnd in der Tür und ich wandte mich ihm zu, um zu hören, was er erfahren hatte. Die Familie Katrinas war eine Bauernfamilie. Die „verstorbene“ Mutter war nicht mehr im Haus, sondern bereits in der Friedhofskapelle aufgebahrt. Die Beerdigung sollte morgen Nachmittag stattfinden, das Grab war schon ausgehoben. Der gebrochene Ehemann der Frau wachte seit den Nachtstunden am Sarg seiner Frau. Niemand hatte ihn überreden können nach Hause zu gehen. Die Kinder kümmerten sich um Haus und Feld. Ich nickte und ging an meinem Hausmeister vorbei zur Garderobe. Plötzlich hielt ich noch mal an. „Ach ja Mac Cain… nehmen Sie in der Küche das Brot aus dem Schrankfach, reparieren Sie die Rückwand und stellen sie ein paar Rattenfallen auf.“  Mich über Mac Cains entsetzten Blick köstlich amüsierend wandte ich mich wieder zur Garderobe, warf mich in Hut und Mantel und verließ das Haus mit schnellen Schritten. Ich hatte keinen konkreten Plan, aber ein drängendes Gefühl schnell handeln zu müssen trieb mich fort.
Vom Brunnen hörte ich aufgeregte Frauenstimmen, was mich aber nicht kümmerte und neugierigen weiblichen Blicken wollte ich mich schon gar nicht aussetzen. So verschwand ich schnellstens in einen Seitenweg einbiegend und dem Friedhof zustrebend, den ich alsbald erreichte. Im Schatten einer hohen Eiche verschwand ich für menschliche Augen, schwang mich über die niedrige Mauer und stand vor der Kapelle. Ein einfacher länglicher Bau mit spitzem Dach, weiß verputzt und ohne Fenster zum Innenraum. Nur direkt unter dem Dach befanden sich kleine Lichtschächte nach innen. Ich musste die Tür benutzen, um nach innen zu gelangen und das würde den Mann aufmerksam machen.
Grübelnd glitt mein Blick über die ordentlichen Grabreihen, die teils von Natursteinen, teils von schmiedeeisernen oder hölzernen Kreuzen geschmückt waren.
Der Zufall kam mir zu Hilfe oder vielmehr ein natürlicher Drang, dem auch ein trauernder Witwer nachgeben musste. Gebeugt und in sich versunken verließ ein kräftiger Mann die Kapelle und strebte zu einem nahen Gebüsch. Ich nahm die Einladung an und huschte lautlos durch die Eingangstür, die einen Spalt offen stand und ließ sie in genau diese Position wieder zurück gleiten. Schnelle Schritte brachten mich zu dem geöffneten Sarg und einen Moment schaute ich in das bleiche Antlitz meines jüngsten Opfers, ging aber daran vorbei und erklomm über eine schmale Holztreppe eine kleine rundum laufende Brüstung, von der man auf die Sitzreihen und den Sarg blicken konnte. An die Wand gelehnt wurde ich wieder sichtbar, beobachtete, wie der Bauer wieder erschien, sich neben den Sarg stellte und seine tote Frau anstarrte. Kein Zweifel. Es konnte nur ihr Ehemann sein. Katrinas Vater…
Ich erwog ein paar Möglichkeiten, ihn zu töten und konnte mich nicht so recht entschließen, denn es sollte nach einem Selbstmord aussehen. Der kräftige, leicht untersetzte Mann brachte mich selbst auf eine Idee, denn er zog ein recht großes Messer aus seinem Gürtel, setzte sich seufzend in die vorderste Sitzreihe, öffnete eine Umhängetasche und begann Brot und Käse zu verschlingen, welches er mit dem Messer in großen Stücken abschnitt. Ich ließ ihm seine karge Henkersmahlzeit, wartete auch, bis er alles wieder ordentlich verpackt und sich an seinen Platz neben dem Sarg gestellt hatte.
Mit einem Schwung flankte ich über die Brüstung und ging lächelnd auf den Mann zu, der erschrocken herumfuhr. „Ich grüße Euch Mr. Colm. Ich bin zu Euch geeilt, um Euch etwas über den Tod Eurer Frau mitzuteilen. Ich habe auch Eure schöne Tochter Katrina kennen gelernt. Hübsches Ding. Ich werde mich etwas um sie kümmern“
Mein Auftritt, aber wohl mehr meine Worte brachten ihn völlig aus der Fassung. Er starrte mich an wie einen Teufel. Wie Recht der gute Mann doch hat schmunzelte ich in Gedanken, legte freundlich lächelnd eine Hand an seine Schulter, der er mit seinem Blick brav folgte, zog in einer blitzschnellen Bewegung sein Messer aus seinem Gürtel und rammte es ihm ins Herz.
Seine Augen traten fast aus den Höhlen und sein Mund öffnete sich weit. „Leider muss ich auf ihren Segen verzichten Mr. Colm,“ setzte ich meine kurz unterbrochene Rede fort, „aber machen Sie sich keine Gedanken. Katrina wird es gut bei mir haben und Sie können jetzt zu Ihrer Frau gehen. Sie wartet schon auf Sie. Grüßen Sie sie von mir. Sicher ist sie mir noch dankbar, für die Befreiung von der irdischen Last, die sie mit sich herumtrug.“ Ein krächzendes Stöhnen kam noch über seine Lippen. Seine Hände fuhren zum Griff des Messers, hatten aber keine Kraft mehr und krampften sich nur darum. „Sehr schön.“, kommentierte ich diese Aktion, trat um ihn herum, gab ihm einen leichten Stoß und er fiel wie ein Brett nach vorne und mit einem klatschenden Geräusch auf den kalten Fliesenboden, die Hände immer noch um den Messergriff gekrallt.
Ich roch Blut… ich sah es unter seinem Körper hervorquellen und schloss scharf einatmend die Augen. Die Gier, das Verlangen mich zu laben, packte mich mit Macht und mein Körper war wie ein wildes Tier, dem ich mühsamst meinen Willen aufzwang. Keuchend und mit rotglühenden Augen entfernte ich mich von Katrinas Vater. Es durfte nichts verändert werden. Alles war perfekt. Niemand würde an etwas anderes als Selbstmord denken und ich musste schnellstens von hier weg. An der Tür wurde ich unsichtbar und hatte Minuten später den Friedhof verlassen. Leicht geschwächt von der Anstrengung wankte ich auf die Häuser zu und wurde erst wieder sichtbar, als ich die ersten Häuser hinter mir gelassen und in die engen, schmutzigen Straßen eingetaucht war. Die Gier war immer noch da. Nicht mehr so stark, aber ich wusste, ich würde bald wieder töten müssen, denn ich hatte zu viel Energie verbraucht. Sogar das Sonnenlicht störte mich immer mehr.
Mir kamen zwei Frauen entgegen, die Wassereimer schleppten. Sie blieben weit vor mir an einer Kreuzung stehen und verabschiedeten sich wortreich und aufgeregt. Meine empfindlichen Ohren hörten das Wort Hexe und ich blieb stehen, tat so als würde ich die erbärmliche Auslage eines Schneidergeschäftes mustern und hörte zu. Ich war zu weit weg, als dass sie damit rechnen konnten, dass ich ihr Gespräch verfolgen konnte. Das Schlachtvieh hatte sehr viel schlechtere Ohren.
„Ich habe es schon immer gewusst.“, stieß die Dicke hervor, „Ich brauche sie gar nicht mehr zu beobachten, was ich aber tun werde.“ Die andere nickte eifrig. „Tu das, Aigneis. Auch ich werde auf dieses Luder achten. Wir müssen unbedingt wachsam sein, bevor noch mehr passiert.“ Die Dicke nickte heftig. „Mir tut nur der arme Mr. Colm leid. Was muss der arme Mann nicht alles durchmachen.“ Beide nickten seufzend und wichtigtuerisch und dann trennten sie sich mit vielsagenden Blicken. Die Dicke kam auf mich zu, nahm mich jetzt erst wahr und ihr Schritt wurde merklich langsamer. Die andere verschwand in der Nebenstraße. Ich wandte mich ihr zu und ging ihr ein paar Schritte entgegen. Sie war nicht nur korpulent sondern auch recht groß. Voller Blut… Ich hörte es in ihren Adern rauschen und leckte mir unwillkürlich die Lippen, was sie wohl etwas anders interpretierte, denn sie stellte gespielt keuchend ihre Eimer ab und fuhr sich durchs Haar. Nicht nur meine Gier war geweckt, sondern auch mein Interesse, wegen der Erwähnung des Namens Colm.
Ich näherte mich ihr weiter, lächelte und zog meinen Hut. „Dorian Hawkins… Kann ich Euch behilflich sein Miss?“ Mit diesen Worten nahm ich ihre Eimer in die Hände, deren Gewicht ich kaum spürte und bot ihr an, diese für sie zu tragen. Sie schmolz förmlich dahin. „Aigneis Frazer“, flötete sie mit geröteten Wangen und setzte ein halbherziges „Nicht doch… Das kann ich nicht annehmen.“ hinzu.
Ich ließ natürlich keinen Widerspruch zu, machte zwei Schritte in ihre Richtung und sah mich dann wortlos um. Mit einem zuckersüßen Lächeln rauschte sie an mir vorbei und wir hatten es gar nicht mehr weit. Schon drei Häuser weiter blieb sie vor einem Nebeneingang stehen, öffnete die unverschlossene Tür und winkte mich hinein. Ich musste mich etwas bücken um das Loch zu betreten, welches in eine art Abstellkammer führte. Ihre Haltung hatte sich geändert. Ihre Augen glänzten und sie gab sich Mühe sich möglichst vorteilhaft zu bewegen. Ich stellte die Eimer ab und machte einen Schritt. Das genügte völlig, um mich ihr bis auf wenige Zentimeter zu nähern. Sie roch ungewaschen und ihr Atem stieß mich ab. Aber nur einen Moment, denn das Rauschen ihres Blutes überlagerte alles andere. Eine blühende Frau und so viel Blut… Junges, frisches, köstliches Blut… Ekstase… Wonnen… Energie für Tage… Ich blickte in ihre weit aufgerissenen Augen und meine eigenen glühten in düsterem rot. Sie keuchte entsetzt auf, wollte zurückweichen, wollte schreien, aber ich packte sie mit einer Hand an der Kehle und drückte zu. Sie röchelte, wurde rot und dann blau; sie zappelte, schlug und trat um sich. Lächerlich; ich spürte es kaum und ihre Kraft ließ schnell nach. Mit dem letzten Rest meiner Vernunft ließ ich sie noch einmal los. „Nicht schreien, sonst…“ Ich ließ die Drohung unausgesprochen und sie nickte vor Angst zitternd. „Erzähl mir von der Hexe.“ Sie nickte hastig und die Worte sprudelten aus ihr heraus wie ein Wasserfall. Ich erfuhr von der Szene am Brunnen und was die Weiber im Begriff zu verbreiten waren. Katrina war in großer Gefahr. Mit solchen Verdächtigungen waren schon viele junge Frauen auf dem Scheiterhaufen gelandet. Der Redeschwall der Dicken wurde von einem Gurgeln unterbrochen, als ich sie mit raubtierhafter Geschwindigkeit packte, meine Zähne lustvoll in ihren Hals schlug und endlich trank, trank, trank… Bis zur absoluten Sättigung, bis ich glaubte vor Energie zu platzen und mich mächtiger fühlte als ein Gott. Ich trank sie leer. Jeden Tropfen aus ihren Adern und es war so viel…
Ihre Hülle ließ ich zu Boden gleiten. Wieder verwischte ich die Bissspuren mit meinem Messer, aber trotzdem würden sich die Leute wundern. Kein Tropfen Blut war zu sehen. Die Leiche war weiß wie ein Laken und in den gebrochenen Augen spiegelte sich pures Entsetzen. Ich konnte sie nicht liegen lassen. Sie musste verschwinden. Ich hatte wieder Kraft genug. Im Schutze meiner Deflektorfähigkeit und mit der Leiche über der Schulter verließ ich Callandar wieder und verschwand zu einem nahe gelegenen Moor in den Highlands…
Andrej am 28.5.06 21:40


Kapitel 11

Wie ich schon erwartet hatte, konnte ich kaum schlafen. Ich warf mich von einer Seite auf die andere und wenn ich doch einmal in einen leichten Dämmerzustand verfiel, schreckte ich nach wenigen Minuten aus grässlichen Träumen hoch. Ich gab es schließlich auf, setzte mich an den Rand meines Bettes, dessen Matratze ein unbequemer Strohsack darstellte, und stützte den Kopf in die Hände, wobei sich meine knochigen Ellbogen etwas schmerzhaft in meine Oberschenkel bohrten. Es war mir egal. Vielleicht sagte mir dieser Schmerz ja auch, dass ich noch nicht völlig den Verstand verloren hatte und ich ließ ihn deswegen einfach zu? Auch die Antwort auf diese Frage war mir völlig gleich. Ich saß sehr lange so da, während das Sonnenlicht langsam durch das Fenster in mein Zimmer kroch und es in ein warmes Orangerot tauchte. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so müde gewesen zu sein und trotzdem kreisten meine Gedanken unaufhörlich ihre Bahnen um diesen Mann, was mich nur noch mehr ermüdete. Ich wollte nicht über ihn nachdenken. Ich wollte auch nicht über meine Mutter oder meine Zukunft nachdenken. Ich wollte einfach nur in einen erlösenden Schlaf fallen und wenigstens für ein paar Stunden all das vergessen, was mich umgab und mir Sorgen bereitete. Doch es wurde mir nicht gegönnt und ich versuchte es auch nicht weiter. Nach schier endloser Zeit hob ich den Kopf von den Händen und sah durch die wirren schwarzen Strähnen, die mir im Gesicht hingen, zum Fenster hinüber. Das Orangerot hatte sich aufgehellt und auch die Hähne im Dorf haben ihre unerträglichen Begrüßungsschreie an die Sonne zum Ende kommen lassen. Ich stand auf. Langsam, denn ein leichtes Schwindelgefühl hatte sich in meinen Kopf geschlichen. Mit trägen Bewegungen streifte ich mein Kleid über und trat ans Fenster. Reges Treiben herrschte unten auf der Straße. Die Frauen begaben sich zum Dorfbrunnen, um Wasser zu holen. Sie trugen große hölzerne Eimer mit sich und unterhielten sich auf ihrem Weg unablässig.
„Katrina! Verschlafenes Weibsbild!“
Ich zuckte heftig zusammen, als die herrische Stimme meines Bruders durch das Haus schallte. Irritiert trat ich zur Tür und lugte die Treppe hinunter. Da stand er. Schon so früh am Morgen waren seine Hände über und über mit Erde bedeckt und sein braunes Haar hing ihm wirr und ungeordnet in die Augen. Ein durchaus hübscher Anblick, doch offenbar hatte er vor dem Frühstück schon die Pferde auf dem Feld umher gescheucht. Mir taten die Tiere leid. Dass Rajo vor Hunger der Magen knurrte, rang mir jedoch umso weniger Mitleid ab.
„Faules Stück! Warum hast du noch kein Wasser geholt? Und warum ist der Ofen kalt? Vor allem: Warum gibt es hier noch kein Essen? Glaubst du, du kannst hier immer noch faul sein, nachdem Mutter nun nicht mehr ist? Los! Scher dich endlich!“
Was bildete er sich eigentlich ein? Leicht geschockt blinzelte ich zu ihm hinunter und konnte nicht so recht fassen, was ich da gerade gehört hatte. Es widerstrebte mir eindeutig, den Forderungen meines Bruders nachzukommen. Es war, als würde ich meine nun nicht mehr abänderbare Zukunft endgültig anerkennen, wenn ich Rajo folgen würde. Aber ich wollte es nicht. Natürlich hatte ich schon zuvor meiner Mutter geholfen, wo ich nur konnte, doch mein Leben war in meiner freien Zeit, die mir gegönnt war, doch von vielen Überraschungen geprägt. Das war nun vorbei. Von jetzt an würde mein Dasein nur noch aus Arbeit und nichts anderem bestehen.
Rajo deutete eine befehlende Geste an und der aufkommende Protest in mir erlosch schlagartig, da ich doch einsah, dass er Recht hatte. So setzte ich mich in Bewegung, lief die Treppe hinunter und blieb auf der letzten Stufe stehen, als er mir nicht aus dem Weg trat.
„Eile, Katrina. Eile!“
Ich sah ihn verwirrt an, doch er hielt mir nur wortlos zwei große Eimer entgegen, die ich ohne darüber nachzudenken sofort nahm. Nun hatte ich es also wirklich zugelassen…
Auf dem Weg nach draußen erkannte ich meine Schwester, wie sie versuchte ein Feuer zu entzünden.
Ich seufzte und sah zu, wie meine Sehnsucht nach Freiheit einer Resignation wich, die eine merkwürdige Leere in mir hervorrief. Du willst aufgeben? Vielleicht würde sich ja irgendwann die Gelegenheit bieten, die ich nutzen konnte, um von hier fortzukommen? Eine Gelegenheit? Oder ein Mann? Mein Blick richtete sich starr auf das Pflaster vor meinen Füßen, während ich durch die Gassen zum Dorfbrunnen lief. Doch ich verscheuchte meine Gedanken, die sich wieder nur um ein und denselben Punkt drehten, als das Stimmengewirr der Frauen am Brunnen an meine Ohren drang. Ich blieb mit skeptischem Blick, den ich nicht einmal zu verbergen suchte, in sicherer Entfernung stehen. Die Frauen, die sich dort am Seil des Brunnens zu schaffen machten, waren allesamt in eine scheinbar höchst interessante Unterhaltung vertieft. Zaghaft trat ich ein Stück näher und mit einem Mal verstummten sie. Ich vermochte die Blicke, die mich trafen, nicht zu deuten. Mitleid? Oder gar Misstrauen? In der Luft lag eine merkwürdige Spannung. Ich wusste, dass meine Mutter diese Frauen gut kannte. Ich hingegen konnte nur vage sagen, wer sie waren. Da waren zum Beispiel die Frau des Müllers, die Tochter des Wirtes und die Gattin des Schmiedes. Bei den anderen war ich mir nicht sicher, wer sie waren.
Nach einigen Momenten, welche von einer knisternden Stille beherrscht wurden, setzte ein leises Murmeln ein. Ich näherte mich noch einige Schritte und im selben Maße züngelten die Geflüsterfeuer aufgeregter. …und aggressiver? Schließlich ergriff eine der Frauen das Wort: „Gutes Kind…“ Kind? Sie ist kaum älter als du. „…übernimmst du von nun an den Haushalt?“ Ich sah sie schweigend an. Taktgefühl schien ihr ein unbekannter Begriff zu sein.
„…Oder hat sie doch nur ihren Hass auf ihre Familie und dieses Dorf ausgelassen?“ Es war nicht mehr als ein Zischen, doch ich hörte es, als hätte jenes Weib die Worte ihrer Freundin ins Ohr geschrieen und nicht geflüstert. Langsam wandte ich mich ihr zu und sah sie mit einem Stirnrunzeln an. Ich genoss in der Tat keinen guten Ruf im Dorf, doch dass es so weit gehen würde, wäre mir nie eingefallen. Allerdings verstand ich sie in einem gewissen Maße Du bist zurückgezogen, still, in deinem Alter und mit deiner Schönheit noch immer allein... Mein Verhalten ist anders und somit erregt es Misstrauen. Aber ist das ein Grund, dir ein so übertriebenes Gefühl wie Hass nachzusagen? Scheinbar war es ein Fehler, so ein Leben zu führen. Schlagartig wurde mir bewusst, welch wilde Gerüchte im Dorf von Ohr zu Ohr gehen mussten. Meine Mutter war gestorben und ich, ihre sonderbare Tochter, spazierte durch das Dorf und verzog nur mäßig eine Trauermiene. Vielleicht hatten einige der Dorfbewohner sogar gesehen, wie ich letzte Nacht das Dorf verlassen hatte?
„Du brauchst mich gar nicht so verwirrt anzusehen.“, raunte die Frau. Sie war kaum kleiner als ich und maß einen beachtlichen Umfang und als ich sie musterte, fiel mir ein, dass über dieses Weib auch einige Gerüchte im Umlauf waren. Die Männer sollten ihr sehr gewogen sein, doch ich scherte mich wenig darum. Wahrscheinlich hatte sich diese Geschichte auch schon in Luft aufgelöst. Viel wichtiger war in diesem Moment, dass sie sich in meine Richtung bewegte. Wie ein lauerndes Tier sah sie mich an und trat einen Schritt nach dem anderen auf mich zu. Dieser Anblick erinnerte mich an die Wildkatze die ich außerhalb des Dorfes beobachtet hatte, doch ich zwang meine Gedanken, bei der Sache zu bleiben. Ich schwieg beharrlich weiter und bemühte mich, ihren Blick fest zu erwidern, auch wenn ich es inzwischen bereute, meine Eimer nicht an dem kleinen Gebirgsbach gefüllt zu haben, auch wenn der Weg weiter gewesen wäre. Meine Hände schlossen sich fester um die Griffe der Eimer, um ein leichtes Zittern zu verbergen, als sie sich auf wenige Handbreit genähert hat und ihr Blick sich stechend in meine Augen bohrte. „Warst es nicht du, die sich draußen im Moor mit diesem edlen Herren traf?“, fragte sie mit schneidender Stimme und es fiel mir immer schwerer, ihr standzuhalten. Woher weiß sie das? Ich zog es immer noch vor, ihr nicht zu antworten, auch wenn mir eine bissige Entgegnung auf der Zunge lag. Es wäre wohl nicht klug gewesen, sie zurechtzuweisen. Willst du dir das denn wirklich gefallen lassen? Dennoch brodelte eine leise Wut in mir.
„Ich deute dein Schweigen als ein ‚Ja’.“ Sie kam noch ein Stück näher und ich unterdrückte den Impuls zurückzuweichen. Um uns herum war kein Laut zu hören. Die anderen Frauen sahen gespannt zu und allmählig sah ich, worauf es hinauslaufen sollte und in die Wut mischte sich Angst. Angst vor dem, was unweigerlich folgen musste.
„Wie schaffst du es, dich für diesen anspruchsvollen Mann interessant zu machen? Du...“ Sie musterte mich abfällig. „... in deinen abgetragenen Kleidern, mit...“ Ihre Finger schnappten sich eine Strähne meines Haars. „... diesem stumpfen Haar.“ Ihre braunen Augen trafen die meinen. „Und mit diesen verschlagenen Augen.“ Sie ließ mein Haar los, allerdings nicht, ohne unnötigerweise einen Ruck durch es hindurchgehen zu lassen. Mir entfuhr ein schmerzerfülltes Schnauben, was ihr ein Lächeln entlockte, welches vor Genugtuung fast schon triefte. Sie wird doch nicht neidisch sein? Diese Frau, um die sich unzählige Männergeschichten ranken mussten? Auf mich? Neidisch? Natürlich... Und in Wahrheit beneidet sie dich auch um all die Dinge, die sie gerade so verächtlich benannt hat. Meine Angst wuchs und die Wut wurde vollkommen zurückgedrängt. Neid konnte aus Menschen wahre Bestien machen und ich traute ihr durchaus zu, dass die folgenden Worte die schlimmsten sein konnten. Wehr dich endlich! Ich war wie gelähmt. Ich hätte zum Bach gehen sollen. Ich hätte den Brunnen meiden sollen. Meine Verzweiflung stand mir scheinbar ins Gesicht geschrieben, denn ihr Lächeln wurde noch eine Spur hämischer.
„Hast du ihn etwa...“ Sie legte eine theatralische Pause ein und sah achtungheischend in die Runde, bevor sie mich wieder mit ihren Blicken erdolchte. „... verhext?“ Meine Augen weiteten sich. Sie hat es tatsächlich getan. Sie beschuldigte mich der Hexerei und fast alle weiblichen Dorfbewohner haben es gehört. Meine Eimer fielen lärmend zu Boden. Ich sah sie fassungslos an und schüttelte verzweifelt den Kopf, während ich nun doch langsam vor ihr zurückwich.
Arcana am 20.5.06 21:16


Kapitel 10

Hauchzarter Morgendunst umwehte ihre schlanke Gestalt vor dem Hintergrund des kleinen Dorfes wie ein Schleier. Sie verschwand mit hastigen Schritten und leicht wehendem schwarzen Haarschopf. Ein durchaus hübscher Anblick, trotz des undamenhaften Abgangs. Nein, sie war keine Lady. Ihre Erziehung war die eines einfachen Bauernmädchens, aber das würde sich ändern lassen. Ich war immer noch Überrascht von dem Verlauf unserer ersten Begegnung. Ich hatte zwar keine großen Schwierigkeiten erwartet, aber dass es so einfach sein würde gleich beim ersten Mal eine solche Vertrautheit herzustellen war eine Überraschung - ganz besonders deshalb, weil sie und nicht ich diese ganz spontan hergestellt hatte. 

Nunja - letztlich war ich dafür doch selbst verantwortlich gewesen. Ich hatte ihre Mutter getötet und das machte mich zutiefst misstrauisch, denn ich glaubte nicht an Zufälle. Der bisherige Verlauf unserer Bekanntschaft machte plötzlich den Eindruck auf mich, als wäre er von außen gesteuert, als wäre der Verlauf unausweichlich und schicksalhaft. Verlor ich die Kontrolle über das Geschehen? Waren andere Mächte die Spieler und ich nur eine Schachfigur? Das konnte ich auf keinen Fall akzeptieren und ich brauchte eine Weile um mich von diesem Gedanken zu befreien, denn er war zu abwegig. Nein, ich war der Regisseur und bestimmte den Verlauf des Schauspiels. Ich machte eine Ausnahme und ließ den Zufall gelten. Schließlich hatte ich sie bis zur Haustür verfolgt. Es war durchaus nicht unwahrscheinlich, dabei ihrer Mutter zu begegnen.

Aber ein unangenehmes Gefühl blieb doch. Meine Tat half mir beträchtlich, meine Pläne zu verwirklichen und das passte einfach zu gut. Unwillig schob ich die störenden Gedanken endgültig beiseite und beschäftigte mich mit dem Naheliegenden. Der Vater stand meinen Plänen noch im Weg. Dass Katrina nach dem Tod ihrer Mutter für ihn da sein wollte, war verständlich. Es war die Pflicht einer guten Tochter das zu tun. Aber dieses Hindernis ließ sich leicht beseitigen. Ich war sicher, mir würde etwas einfallen. Sie hatte mir ihren Familiennamen nicht verraten. Ich erkannte, dass es ein Fehler gewesen war, hier nicht nachzuhaken aber ich konnte auch nicht mit ihrem plötzlichen Verschwinden rechnen. Möglich dass sie sich darüber gewundert hatte, aber ich hielt es für nicht sehr wahrscheinlich und es war auch belanglos, denn ich kannte ihren Nachnamen längst von dem Schild an ihrer Haustür - Colm.

Sie war längst verschwunden als ich mich soweit gefasst hatte, dass ich ihrem Weg folgte, während die Welt um mich herum zu erwachen begann und die Vögel den heraufziehenden Morgen begrüßten. Die Landschaft der Highlands gewann an Kontur wie die niedergedrückten Häuser, auf die ich zuging. Ich ließ die Schönheit  dieser Morgenstunde beiläufig auf mich wirken, denn neue Pläne schmiedend waren meine Gedanken beschäftigt, aber nicht genug um meine Umgebung zu vernachlässigen, denn das Bewusstsein eines Jägers ist dafür zu wach und aufmerksam. Der Himmel war klar wie die kühle Luft. Es würde ein sonniger Tag werden. Nicht heiß, denn dazu war das Jahr noch nicht weit genug fortgeschritten. Außerdem konnte sich das im April leicht ändern.

Sonnenlicht war mir unangenehm. Es störte meine empfindlichen Augen und brannte auf meiner Haut, weshalb ich einen breitkrempigen Hut und Handschuhe zu tragen pflegte, wenn ich tagsüber unterwegs war. Nicht dass es mir direkt schadete. Das war nur der Fall, wenn meine Haut dem Licht schutzlos und über mehrere Stunden ausgesetzt war. Dann begann ein beschleunigter Verfall. Eine Austrocknung und Alterung im Zeitraffer, die mich einer galoppierenden Vergreisung anheim fallen ließ und mich bis zur völligen Hilflosigkeit schwächen konnte. Aber dagegen wusste ich mich zu schützen. Die Kindermärchen von Vampiren, die im Sonnenlicht verbrannten mochte das Schlachtvieh glauben. Zum Glück wissen sie nicht, wie sehr wir ihnen überlegen sind. Wir jagen sie wann immer es uns passt und wir schlafen auch nicht in Särgen, Höhlen oder Katakomben.

Jedenfalls ich nicht. Ich zog einen gepflegten Lebensstil vor. Es mochte allerdings niedere Kreaturen unseres Schlages geben, die sich zu diesen Orten hingezogen fühlten. Dies würde sicher von dem jeweiligen Vampir abhängen, durch den man selbst einer wurde. Ich lachte mit einem leicht arroganten Ausdruck, denn ich war durchaus zufrieden, mit den Kräften, die ich durch Ramona empfangen hatte und die es mir ermöglichten, ein fast normales Leben unter denen zu führen die mich nährten.

Das Dorf erwachte endgültig aus seinem Schlaf. Die Hähne begannen ihren morgendlichen Terror und da ich nicht auffallen wollte, hüllte ich mich in meine Deflektorfähigkeit. Meine Umrisse verschwammen und ich wurde für menschliche Augen unsichtbar. Ohne viel Zeit zu verlieren erreichte ich mein Domizil in Callandar. Eines meiner bescheideneren in den vielen Städten, in denen ich eines besaß. Es hatte nur zwei volle Stockwerke und ein spitzgiebeliges Dachgeschoss, welches noch von einem kleinen, runden Turm überragt wurde, der sich an die hintere Seite des Hauses schmiegte.

Das Grundstück war von einer niedrigen Granitmauer umgeben, deren oberer Rand ein schmiedeisernes Gitter säumte, in welches kunstvoll stählerne Rosen eingehämmert waren. Die Spitzen des Gitters waren messerscharf geschliffen und ragten mehr als sechs Fuß in die Höhe. Ich öffnete das komplizierte Schloss des ebenfalls stählernen und reichhaltig verzierten Tores und wurde wieder sichtbar. Es schwang lautlos auf und fiel während ich durch die Blumenrabatte des Vorgartens ging fast unhörbar von selbst wieder zu. Das Hausmeisterehepaar, welches ich hier umsonst wohnen ließ und zusätzlich bezahlte, wusste was es mir schuldig war und hielt die Anlage tadellos in Schuss.
Ich nahm die drei Stufen mutwillig mit einem Satz, passierte die beiden griechischen Säulen, welche das Vordach trugen und öffnete die schwere Eichentür aus jahrhundertealtem und daher fast schwarzem, eisenhartem Holz, betrat die zwar kleine aber in italienischem Marmor gehaltene und daher für diesen Ort völlig ausreichende Empfangshalle und hängte Mantel und Hut in die Garderobe. Bevor ich die geschwungene Freitreppe zu meinen oben liegenden Räumen betrat, betätigte ich die Klingel um den Hausmeister zu mir zu rufen, denn ich brauchte ein paar Informationen, die ich versäumt hatte, bei Katrina zu erfragen. Aber wozu hat man Dienstboten?

Der Hausmeister, erschien wenige Augenblicke später. Ein Mann, der seine besten Jahre schon hinter sich hatte. Er war aber immer noch eine stattliche Erscheinung. Groß, schlank und bestens ausgebildet. Eine verarmte schottische Adelsfamilie konnte sich keine Dienstboten mehr leisten und so nahm ich ihn und seine Frau bei mir auf, bezahlte ihn besser als vorher und konnte mir seiner Dankbarkeit und Diskretion gewiss sein. Er verbeugte sich knapp und nahm schweigend meine Wünsche entgegen.


 „Gestern wurde eine Frau ermordet, Mac Caine. Ich möchte wissen, wer sie war. Ihren Namen, wer zu ihrer Familie gehört, wo sie wohnte und wovon die Familie lebt. Auch wann das Begräbnis stattfindet. Vielleicht lasse ich den armen Hinterbliebenen etwas zukommen.“ Ich winkte und genauso diskret wie er erschienen war, zog er sich zurück. Bis zum Nachmittag würde ich alles wissen, was ich noch wissen musste und konnte mich dann daran machen das Ableben von Katrinas Vater zu inszenieren. Von einem weiteren Mord in dieser Familie wollte ich absehen. Es würde zu viel Staub aufwirbeln. Ein kleiner bedauerlicher Unfall würde genügen….
Vorerst konnte ich nichts mehr tun und so zog ich mich in meine Zimmerflucht zurück. Im Dämmerlicht hinter geschlossenen Vorhängen genoss ich die angenehme Stille, die mich umgab, gönnte meinem Körper ein paar Stunden Ruhe auf der Couch des Salons, während ich meinen ruhelosen Geist von ihm löste und mich damit beschäftigte in den Körper einer Ratte zu wechseln, die ich hinter der Wand des Kamins gehört hatte, um die dunkeln Instinkte und Sinneseindrücke dieses hässlichen Tieres auf mich wirken zu lassen…

Andrej am 20.4.06 21:48


Kapitel 9

Ein Schwall von Worten prasselte auf mich nieder. Ich hatte immer angenommen, die Klatschweiber könnten in ihrem Redefluss nicht mehr überboten werden. Aber wahrscheinlich übertrieb ich mit meinen Gedanken. Es war recht selten, dass viele Worte den Weg über meine Lippen fanden. Dementsprechend selten wurde auch mit mir gesprochen. Ich lauschte den Erzählungen des jungen Mannes, doch es drang nur das Wichtigste zu mir durch. Er erwähnte Städte, deren Namen ich teilweise noch nie gehört hatte, doch es klang faszinierend, wundervoll und vor allem klang es nach der großen Welt, die ich schon immer sehen wollte. Er erweckte das Fernweh in mir, welches schon so lange vor sich hin schlummerte. Zweifelsfrei waren seine Ausführungen höchst interessant und ich schalt mich innerlich für meine Unaufmerksamkeiten, doch ich war ein wenig abgelenkt…
Du solltest ihm nicht trauen... Er war einfach so aufgetaucht... Sah das nicht irgendwie geplant aus? Nein... Den Eindruck hatte ich nicht gehabt. Er hat dich doch verfolgt! Hatte ich nicht schon geklärt, dass meine Fantasie mir dort einen Streich gespielt hatte? Das glaubst du doch selbst…-
Mit einem Ruck holte er mich aus meinen Gedanken, als er mir plötzlich eine direkte Frage stellte. Seine angenehme Stimme veranlasste mich nun endgültig dazu, meine Gedanken zu verscheuchen. So rang ich mich doch dazu durch, ihm zu antworten.
Aber…- Still jetzt! Ich hatte Mühe, die Worte nicht mit einem Zischen tatsächlich auszusprechen.
„Ich wohne nicht sehr weit von Dorfplatz entfernt…“ Mehr wagte ich dazu nicht zu sagen. Wenn es wirklich er war, dem dieses prachtvolle Haus, es gab nur ein Stadthaus in Callandar, gehörte, so würden ihn die ärmlichen Verhältnisse, in denen ich lebte, wohl weniger interessieren. Aber nicht nur deswegen verschwieg ich meinen vollständigen Namen: „Man nennt mich Katrina…“ Er hakte nicht nach; fragte nicht nach dem weiteren Namen, was mich doch verwunderte. Stattdessen sah er mich aus warmen Augen an. „Ein sehr schöner Name… Katrina…“ Er deutete eine leichte Verbeugung an. Ich lächelte, doch ich hielt seinem Blick nicht stand und sah auf das dunkel daliegende Dorf hinab. „…und ich bin keine Lady…“, fügte ich noch einmal leise hinzu. Ich sah aus den Augenwinkeln heraus, dass er nickte und ich glaubte auch, ein leicht amüsiertes Lächeln zu erkennen.
Er macht sich über dich lustig. Ich konnte ihm sein Lächeln nicht verübeln. Schließlich benahm ich mich doch irgendwo wie eine zu groß geratene Bauerngöre. Die entstandene Stille erinnerte mich daran, was mich in meinem Elternhaus erwarten würde. Ich schauderte, doch ich unterdrückte den aufkommenden Schmerz. Scheinbar war dieser Versuch nicht sehr überzeugend, denn er fragte mich noch einmal, warum ich um diese Zeit außerhalb des Dorfes herumstreifte.
Du solltest es ihm nicht sagen. Das macht dich angreifbar… Entgegen jede Vernunft schrie etwas in mir förmlich danach, den Schmerz einfach herauszulassen. Ich blieb stehen; sah ihn immer noch nicht an. „Meine Mutter… Sie… wurde ermordet…“ Ich erlaubte mir weiterhin nicht, ihn anzusehen. Ich wollte ihn damit nicht belästigen, doch es drängte sich aus mir heraus, doch auch eine gewisse Angst mischte sich hinein, welche sich auch sofort in meiner von Schluchzen durchbrochenen Stimme niederschlug: „Ich werde für meinen Vater das Haus halten müssen… ich… ich…“ Mir versagte endgültig die Stimme, denn die Gewissheit, dass ich wohl tatsächlich nie mehr von hier fortkommen würde, traf mich wie ein Schlag ins Gesicht.
Ich spürte seine Hand auf meiner Schulter. Wohlige Wärme ging von dieser aus. Mit dieser Geste brachte er mir eine Geborgenheit entgegen, die ich so nicht kannte. Ein Sturm brach in mir los und fegte jede Vorsicht davon… So fand ich mich leise weinend in seinen Armen wieder. Ich verlor jedes Zeitgefühl und wusste nicht, wie lange ich all der Angst und dem Schmerz in Tränen Ausdruck verlieh und wie lange wir so dastanden. Er sprach kein Wort. Stattdessen drückte er mich an sich und strich sanft über mein Haar und meinen Rücken. Dies gab mir mehr, als es irgendein Wort des Trostes je gekonnt hätte…
Was tust du da eigentlich? Ich wollte mich nicht von ihm lösen. Ich wollte bei ihm bleiben… Du kannst ihm nicht trauen! Nur widerwillig löste ich mich doch von ihm. Was war nur in mich gefahren? Was hatte ich mir da erlaubt? „Ver… Verzeiht…“ Ich spürte, wie das Blut in mein Gesicht schoss. Mein nunmehr unruhiger Blick huschte zum Dorf. „Ich… Ich… Verzeiht!“, wiederholte ich noch einmal. Er hatte gar keine Zeit zu antworten, denn ich wirbelte herum und fast schon fluchtartig stolperte ich in Richtung Dorf davon. Ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn einfach stehen ließ, hatte ich nicht. Merkwürdigerweise war mir dies vollkommen gleich. Meine Gedanken schossen nur in ungeordneten Bahnen durch meinen Kopf. Ich hatte ihm vertraut. All mein misstrauen war in jenem Moment einer grenzenlosen Vertrautheit gewichen. Ebenso kannte meine Verwirrung nun kein Ende. Ich erreichte, nun beinahe in einen Laufschritt gefallen, das Dorf und bog prompt in eine falsche Gasse ein. Fahrig machte ich kehrt, blieb jedoch stehen um mich zu orientieren.
Der Horizont erhellte sich langsam. Die Nacht begann, den Platz für den Tag zu räumen und trieb den Mond vor sich her, der sich allmählig dem Ende seiner Bahn zuneigte. Ich war müde, denn wahrlich war mir nicht viel Schlaf gegönnt worden. Kopfschüttelnd rief ich mich zur Ordnung. Eine Frau, die vor dem ersten Hahnenschrei allein in den dunklen Gassen eines mittelgroßen Dorfes herumstreifte, fiel auf… und lebte nicht ungefährlich, wenn die Trunkenbolde aus ihrem Rauschschlaf erwachten. Meine Beine trugen mich fast von allein auf den richtigen Weg zurück, während meine Gedanken sich nun klar und einen Punkt drehten: um ihn. Doch warum konnte ich nicht sagen. Warum beschäftigte er mich so? Er war doch nur… Ein Mann. Was? Du bist 25 Jahre alt; eine hübsche und junge Frau. Und er ist ein unglaublich attraktiver und viel gereister Mann… Natürlich war nicht abzustreiten, dass er einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hatte und diese Nähe, die ich zugelassen hatte, war erschreckend. Nicht nur, weil sie von mir ausging. Ich wusste nicht, was es gewesen war, doch etwas hatte sich in mir geregt. Während ich darüber nachdachte, bemerkte ich nicht, wie meine Beine wie von selbst stehen geblieben waren. Erst als ich blinzelnd aufsah, registrierte ich, dass ich vor dem Haus meiner Eltern stand. Den kleinen Hinterhof mit einigen Tieren verbarg die Fassade des für unsere Verhältnisse doch recht großen Hauses. Mein Vater hatte es geerbt. Nur aus diesem Grund konnten wir es uns leisten. Wenngleich das niedrige, jedoch zweistöckige Haus recht verfallen aussah und in einem ebenso heruntergekommenen Teil des Dorfes stand. Überall bröckelte der Putz und an einigen Stellen lugten Lehm und Stroh aus der Wand hervor.
Ich nahm den Blick von der maroden Fassade und trat schließlich ins Haus. Es war vollkommen still. Meine Mutter war nicht mehr dort, wo ich sie zuletzt gesehen hatte. Das hieß, ihre Leiche war nicht mehr dort. Auch mein Vater schien nicht mehr da zu sein. Wahrscheinlich hatte er das Grundstück verlassen. Suchte sein Heil in der Kirche oder versuchte auf ähnlichen Wegen, seiner Trauer Luft zu machen...
Arcana am 24.3.06 22:29


Kapitel 8

Meine Zähne gruben sich in das Genick der vor Angst zitternden, völlig gelähmten Kreatur. Ihr Schweiß stank nach dieser Angst und würzte meinen Genuss. Blut benetzte meine Zunge und selbst als reines Bewusstsein im Körper dieses Tieres empfand ich den prickelnden Rausch und automatisch wollte ich mich ihm hingeben, jedoch entließ ich die Wildkatze dadurch aus meiner Kontrolle und diese biss einfach zu, brach dem Eichhörnchen das Genick mit einem lauten Knacken und beendete dieses kleine Jagdvergnügen viel zu abrupt. Leicht verärgert  drängte ich das animalische Bewusstsein wieder zurück, aber wozu? Die Katze hatte ihre Mahlzeit verdient und ich hatte meinen Spaß gehabt. Ich sollte mich wieder in meinen Körper zurückziehen.
Ich drehte den gelenkigen Kopf um noch einmal die Fähigkeiten von Katzenaugen in der Dunkelheit auf mich wirken zu lassen. Die Muskeln der Iris hatten den senkrechten Schlitz der Pupillen zu einem runden schwarzen Loch auseinander gezogen um auch das geringste Sternenlicht zu schlucken, die zelluläre Auskleidung der Netzhaut reflektierte und bündelte das Licht, was die Sehfähigkeit noch einmal verstärkte. Diese letzte Eigenschaft führte zu dem phosphorisierenden Effekt, der Katzenaugen im Dunkeln leuchten lässt, weshalb die einfachen Menschen sie oft für Geschöpfe des Teufels hielten.
Ich konnte sehen, als wäre es taghell, denn der Mond stand leuchtend am fast wolkenlosen Himmel und sein silbernes Licht reichte diesen Augen völlig, um jede Einzelheit in der Umgebung auszumachen.
So blieb mir auch die weibliche Gestalt nicht verborgen, die in der Nähe des umgestürzten Baumes stand und mich wohl die ganze Zeit beobachtet hatte. Ich wunderte mich darüber, dass sie mir nicht schon früher aufgefallen war, denn die feinen Ohren dieses perfekten Jägers hätten ihre Annährung wahrnehmen müssen. Aber vielleicht war sie schon da gewesen, als ich das Bewusstsein der Katze übernahm und mich in die Jagd stürzte. Möglich dass die Katze sie vorher gehört hatte, aber deren Empfindungen interessierten mich nicht und ich hatte sie nicht überprüft. Wie auch immer; sollte ich mir noch eine vampirische Mahlzeit gönnen? Das Angebot war verlockend. Eine Frau... ganz allein... schutzlos... viel zu weit weg vom Dorf, um mir noch zu entkommen... Ich grinste innerlich ein grausames Lächeln. Was für ein guter Tag. Ich war geneigt über die Stränge zu schlagen und meine Gier zu mästen.
Ein Sprung ins Gebüsch brachte mich mit Sicherheit aus dem Blickfeld der Frau. Das Eichhörnchen ließ ich fallen. Sollte die Katze sehen, wie sie es später wieder fand. Ich schloss die Lider so weit es ging, um mich nicht durch die reflektierenden Augen zu verraten. Mutwillig beschlich ich mein Opfer als Katze, um es zu betrachten, war wenige Sekunden später so dicht bei ihm, dass ich es hätte anspringen können, ohne dass sie mich bemerkte und unterdrückte mühsam ein Fauchen, welches meine Überraschung beinahe ausgelöst hätte. Ein gesträubtes Fell und einen monströs aufgebauschten Schweif konnte ich aber nicht verhindern: SIE stand vor mir... Ramona... Nein, nicht Ramona; ihre jüngere Ausgabe. Welch ein unglaublicher Zufall. Wie kam sie ausgerechnet hierher? Was hatte sie dazu getrieben, mir praktisch zu folgen?
Ich schob diese Gedanken unwirsch beiseite. Sie waren nicht von Bedeutung. Das Ziel meiner jüngsten Pläne stand vor mir und ich gedachte, diese Chance zu nutzen. Ich ließ die Katze ein paar Sätze Abstand zu dem Mädchen nehmen und löste mich dann von ihr, so sanft es mir möglich war, um das Tier nicht in Angst zu versetzen. Nicht dass es mir darauf ankam, die Katze zu schonen, aber ich wollte das Mädchen nicht erschrecken. Noch nicht. Vielleicht später. Vielleicht gar nicht, denn ich wollte ja ihr Vertrauen gewinnen.
Ich schlug die Augen auf, tastete über das Moosbett, auf dem ich lag und erhob mich vorsichtig, den Blick sofort auf sie gerichtet. Wie sollte ich ihr begegnen? Einfach auf sie zu…? Nein… das hätte mit Sicherheit ihr Misstrauen geweckt. Ich verschwand lautlos hinter ihr auf dem Weg nach Callandar, den sie für den Rückweg benutzen würde, lehnte mich dort an einen Baum und wartete einfach auf ihr Auftauchen. Wie ein nächtlicher Spaziergänger, der eine kleine Pause machte, um die in silbernes Licht getauchte Landschaft auf sich wirken zu lassen.
Ich brauchte nicht lange zu warten. Auch die Augen eines Vampirs sind bei Dämmerlicht nicht zu unterschätzen. Doch bevor ich sie sah, hörte ich ihre leichten Schritte, die von dem weichen Untergrund sogar gedämpft wurden. Ich ließ sie kommen, bewegte, als sie recht Nahe war sogar meinen Arm, um meinen eleganten Hut etwas in den Nacken zu schieben. Sie bemerkte es nicht. Sie war im Begriff, einfach an mir vorbeizulaufen, als ich mich von dem Baum löste und einen Schritt auf sie zu machte. Nun erschrak sie natürlich doch. Leicht verärgert erinnerte ich mich an die schwach ausgestatteten Sinne des Schlachtviehs. Ihre unzulänglichen Augen hatten mich in dem Zwielicht nicht von dem Baum unterscheiden können. Aber in ihrem Blick lag nicht nur bloßes Erschrecken.  Auch ein Funken Überraschung lag darin, so als würde sie mich erkennen, aber das konnte ich mir nicht vorstellen. Wahrscheinlich interpretierte ich einfach zuviel in diese primitive Seele hinein. Ich reagierte einfach so schnell wie möglich, um ihr die Angst zu nehmen und sprach sie an:  „Verzeiht, kleine Lady, ich wollte Euch nicht erschrecken. Ich dachte, Ihr hättet mich gesehen. Was treibt Euch in der Nacht noch in die dunklen Highlands? Noch dazu allein? Ich hätte nicht erwartet, noch jemandem zu begegnen.“ Ich schenkte ihr ein warmes, Vertrauen erweckendes Lächeln bei diesen Worten und hoffte, sie würde sich schnell beruhigen, denn ihr reizender Brustkorb hob und senkte sich recht schnell durch die Aufregung, die sie wohl empfand. Dementsprechend fiel auch ihre Antwort recht knapp aus. „Ich bin keine Lady…“, stieß sie hervor und starrte mich dabei immer noch wie eine Erscheinung an. Innerlich schmunzelnd überlegte ich mir meine nächsten Worte. Allerdings nahm ich mir durch ihre ersten etwas vor. Ich werde eine Lady aus Dir machen meine Süße, ob Du willst oder nicht, dachte ich bei mir.
Ich ließ ihr einfach keine Zeit, lange nachzudenken und bot ihr meinen Arm. „Bitte macht mir das Vergnügen, Euch nach Hause begleiten zu dürfen. Die späte Stunde verpflichtet mich geradezu, Euch nicht alleine gehen zu lassen. Mein Name ist Dorian Hawkins“, ich lüftete kurz meinen Hut, „und ich bin für ein paar Wochen geschäftlich in Callandar. Ich besitze hier ein kleines Stadthaus.“
Sie hängte sich fast automatisch bei mir ein, ohne ihre weit aufgerissenen grünen Augen von meinen zu lösen, schüttelte dann den Kopf, wie um sich selbst zur Ordnung zu rufen, nickte danach aber sofort wieder, wohl damit ich das Kopfschütteln nicht als Ablehnung auffasste. Danach folgte eine schweigende Musterung meiner Person, deren Ergebnis wohl nicht zu meinen Ungunsten ausfiel, wie ich innerlich schmunzelnd an ihrer Mimik ablas. Natürlich ließ ich mir von meinem Amüsement nichts anmerken. Ich machte ein besorgtes Gesicht um einen möglichst wohlwollenden Ausdruck bemüht.
Schließlich nickte sie bestätigend und wir setzten uns in Bewegung, schritten nebeneinander auf das Dorf zu. Anscheinend hatte ich sie überrumpelt und mit meinem Gerede genug abgelenkt um ihr die Angst zu nehmen. Nach meinen ersten Sätzen ging ich ein paar Schritte schweigend neben ihr her, abwartend ob auch sie etwas von sich erzählen würde. Dabei genoss ich die Nähe dieses schönen Mädchens, betrachtete verstohlen ihre feinen Züge, ihr ebenholzfarbenes langes Haar, in dem der Wind spielte und konnte mir auch einen Blick in ihr wogendes Dekolleté nicht verkneifen. Auch ihr Geruch, der meine Nase kitzelte, sagte mir außerordentlich zu, aber von ihrer pochenden Schlagader am Hals wandte ich mich schnell ab und richtete meinen Blick mit einem wohligen Schauer wieder nach vorne. Sie war nur einfach gekleidet und überhaupt kein bisschen hergerichtet, aber ich wusste, was ich aus ihr machen konnte. Diese Dorfschönheit würde noch etliche Männerherzen höher schlagen lassen. Aber keiner außer mir würde sie erreichen. Dafür würde ich sorgen. Sie würde allein meinem Vergnügen dienen. Was für ein guter Tag. Ich konnte auf die zweite Mahlzeit leicht verzichten, denn alles lief in meinem Sinne.

Schließlich brach ich das Schweigen, denn so würde ich ihr nicht näher kommen. Ich erzählte ihr, dass ich sehr selten in dieser Gegend weilte, mich meistens in großen Städten aufhielt, wie London, Paris, Rom, Berlin und Moskau, was sie zu faszinieren schien, denn ich sah deutlich, wie ihr Interesse in den schönen Augen erwachte. Mehr als Interesse, ich sah deutliche Sehnsucht in ihrem Blick, auch wenn sie immer noch nichts sagte. Mehr musste ich eigentlich nicht herausfinden. Ich wusste nun, worüber ich mit ihr ins Gespräch kommen würde und ich wusste auch, dass ich ihre Sehnsucht weiter schüren würde. Um diese Strategie zu testen, erwähnte ich noch, dass ich in wenigen Tagen nach Edinburgh abzureisen gedachte und fand meinen Eindruck in ihren Augen mehr als bestätigt. Sie sollte erkennen, dass ich eine Chance für sie war, all diese Städte zu sehen. Der Rest würde sich praktisch ergeben, ohne dass ich mich groß würde anstrengen müssen.


 Aber sie sollte nun selbst mal etwas sagen. Nicht dass mich ihr Leben in diesem abgelegenen Dorf oder ihre Familie wirklich interessiert hätten, aber  einer persönlichen Frage würde sie nicht ausweichen können und so wandte ich mich ihr zu und fragte: „Verratet ihr mir Euren Namen, kleine Lady? Vielleicht kenne ich Eure Familie. Und wo ist Euer Zuhause in Callandar?“
Andrej am 18.3.06 20:12


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