Verborgene Gedanken

Kapitel 1

Heute sollte es wieder einmal soweit sein. Eine dieser Hexen w?rde zum Sonnenuntergang bei lebendigem Leibe dem Feuer ?bergeben werden. Solch ein Ereignis lie? sich keiner, der auch nur ein wenig an seinem Ansehen interessiert war entgehen. Auch ich tat dies nicht. Nachdem ich mich noch einmal im Spiegel betrachtet hatte und feststellte, dass ich mich mit meiner Kleiderwahl zufrieden geben konnte, verlie? ich das Haus meiner Eltern. Leider hatte ich noch keinen Edelmann getroffen, der mich ?berzeugen konnte. So lebte ich - manchmal zu meinem Leidwesen – noch in meinem Geburtshaus. St?ndig wetterte mein Vater ?ber mich. Er war davon ?berzeugt, eine Frau sollte nicht zu w?hlerisch und schon mit 15 verheiratet sein. Nat?rlich wollte er mich nur gut versorgt sehen, doch ich teilte seine Meinung nicht. Ich war nun schon weit ?lter als 15 und empfand es nicht als Schande, noch v?llig unber?hrt zu sein…

Mein Weg f?hrte mich zum Dorfplatz. Neugierig wanderte mein Blick ?ber die Dorfbewohner, welche sich vor dem riesigen Scheiterhaufen postiert hatten. Bewaffnet mit Mistgabeln, Dreschflegeln oder auch einigen K?chenabf?llen, standen sie erwartungsvoll da und starrten unabl?ssig auf das hoch aufget?rmte Holz, welches schon auf sein Opfer wartete. Schnell wurde noch mehr Reisig verteilt, damit das Feuer, das dort in wenigen Momenten brennen sollte, nicht verhungerte.
Eine erdr?ckende Hitze legte sich in meinen Nacken, was mich einen Schritt nach vorn zwang. Als ich mich umwandte, standen zwei stattliche M?nner vor mir. Unverst?ndliche Worte drangen aus ihren M?ndern, doch gen?gte dies, mich zur Seite weichen zu lassen, um ihnen Platz zu machen. Mit schwerf?lligen Schritten zogen sie an mir vorbei und versengten mit dem Feuer ihrer groben Fackeln den Menschen, die ihnen im Weg standen, Haar und Kleider. Kaum jemand wagte jedoch, zu protestieren, was nicht verwunderlich war, denn der Anblick zweier kr?ftiger, grimmig nach von gebeugter Gestalten sprach f?r sich. Nun, da auch das Feuer bereit war, wurden die Menschen um mich herum merklich unruhig und warfen immer wieder abwartende Blicke ?ber die Schulter. Ich f?hlte mich nun sichtlich unwohl zwischen den aufgew?hlten Menschen und den vielen Stimmen, die mir in die Ohren schlugen wie Peitschenhiebe. Mein Kopf qu?lte mein Gem?t und ich beschloss, mich weiter an den Rand des Geschehens zur?ckzuziehen, in der Hoffnung, dass es dort etwas ruhiger zugehen mochte. Ich schob mich durch die Menge und atmete tief durch, als ich dem Tumult entkommen war und betrachtete aus einiger Entfernung die recht beeindruckende Szenerie. Die Masse an Menschen begann sich stetig zu regen und zu pulsieren. Die Ungeduld war fast schon greifbar f?r mich.
Mit einem Raunen entlud sich die Spannung als ein protestierender und verzweifelter Schrei aus einem der hinteren H?user drang. Hunderte K?pfe drehten sich wie auf Kommando um. Ein sehr unheimlicher Moment, so kam es mir vor. Als w?ren die Menschen von einer ?u?eren, nicht nat?rlichen Kraft gelenkt worden. Auch ich richtete nun mein Augenmerk in die Richtung, aus der dieser markersch?tternde Schrei ert?nt war.
Eine junge Frau, etwa mein eigenes Alter, wurde in Fesseln zum Scheiterhaufen gef?hrt. Sie wand sich im Griff der Vollstrecker und wehrte sich unabl?ssig. Sie sah schrecklich aus. Das blonde Haar wellte sich in kraftlosen Locken. Ihre Augen waren tief in die H?hlen gesunken, stumpf und ausdruckslos. Dies sah ich, als sie an mir vorbei gef?hrt wurde. Die Menge gr?lte und jubelte. Hunderte Arme hoben sich und reckten die Waffen in die Luft, doch ich wurde dessen nur am Rande gewahr. Der Blick der Hexe hatte sich fast hilfesuchend in meine Augen gebohrt. Ich wich ihm aus. Ertrug ihren zusammengefallenen und mitleiderregenden Anblick nicht. Schmutzig und geschunden war sie. Die Spuren der Folter standen deutlich in jeder kleinsten Bewegung. Es war, als w?rde die Zeit nach ewigem Stillstand weiterlaufen, als sie ihren Blick endlich von mir l?ste.
Die beiden M?nner, die sie hielten, hatten betr?chtliche M?he, ihrer Aufgabe nachzukommen, denn trotz der ausgezehrten Gestalt, hatte sie anscheinend noch ausreichend Kraftreserven, um nach ihnen zu treten und sich st?ndig ihren Griffen zu entwinden. Ein Anzeichen ihrer Magie, wie mir schien. Auch die Dorfbewohner schienen diesen Eindruck gewonnen zu haben, denn sie johlten auf und einige Mistgabeln bohrten sich in die Waden der Hexe. Sie schrie nach jedem Sto? einer der Bauern leidend auf. Die Kraft in den Beinen lie? wohl nach, denn ich bemerkte, wie ihre Bewegungen deutlich lahmer wurden. Ich konnte es kaum mit ansehen, wie die M?nner ihre schwindenden Kr?fte ausnutzten und sie gegen das Holz des Scheiterhaufens schleuderten. Ich h?rte f?rmlich ihre Knochen nachgeben und schauderte. Allerdings zeigte ich keine Regung. Jede Art von Mitgef?hl, die man mir ansehen k?nnte, h?tte f?r die Umstehenden Mitt?terschaft bedeutet. So viel hatte ich bereits gelernt. Also unterdr?ckte ich jegliche Anwandlung von Gef?hlen und ?bte mich darin, einen ebenso kalten und erbarmungslosen Blick aufzusetzen, wie all die anderen, inzwischen f?r mich gesichtslosen Menschen.
30.1.06 18:09


Kapitel 2

Der Hunger w?hlte in meinem K?rper. Die unermessliche Gier, der dunkle, ?berm?chtige Drang nach vitaler Energie, die der rote Lebenssaft meiner sterblichen Opfer f?r meinen lechzenden K?rper spendete trieb mich hinaus. Ich musste sie haben. Ich brauchte sie. Meine spezielle Nahrung, die mir Kr?fte schenkte, von denen mein Schlachtvieh nur tr?umen konnte, die meiner Haut einen samtigen gesunden Glanz verlieh, meinen Bewegungen Kraft, Eleganz und ?bermenschliche Schnelligkeit schenkte, meinen Geist zu H?henfl?gen anstachelte und meine Sinne zu ?berempfindlichen Sensoren eines perfekten J?gers machte. Ich brauchte sie wie die Luft zum Atmen und nicht zuletzt war ich s?chtig nach dem Genuss, dem Rausch der Macht, dem Kick, der mich emporhob in den Himmel der G?tter und mir unendliche Wonnen schenkte.

Ich war seit etwa drei Monaten in diesem Dorf. Meine, aus den Erfahrungen vieler Jahrzehnte gewonnene, Vorsicht lie? mich den Wohnsitz oft wechseln. Ich war unabh?ngig und reich. Hatte viele Namen in vielen St?dten, bewohnte diesen Kontinent wie es mir passte und gefiel. Ich vermied den Kontakt zu anderen Vampiren. Es war nicht gut, zu viele J?ger an einer Stelle zu konzentrieren. Das Schlachtvieh war nicht dumm und Leichtsinn nicht angebracht. Es war einfach, menschliche Opfer zu besiegen. Keiner konnte den Kr?ften eines Vampirs etwas entgegensetzen, aber viele Hunde sind des Hasen Tod, wie eine der vielen Weisheiten meiner nahrhaften Mitbewohner lautete und ich war geneigt, dies zu respektieren. Es kam auch meinem Naturell entgegen. Ich war ein Einzelg?nger, unabh?ngig und frei. Frei von l?stigen, menschlichen Gef?hlen, Sorgen f?r mich und andere, frei von Verpflichtungen, lebte nur nach meinen Interessen und animalischen Bed?rfnissen und war zufrieden damit. Der Liebe hatte ich schon lange entsagt. Liebe war etwas f?r Dienstm?dchen. Sie machte nur abh?ngig und verletzlich. Der fleischlichen Lust dagegen war ich durchaus zugetan und genoss sie oft. Manchmal verband ich sie mit einer Mahlzeit, manchmal nicht, wie es gerade opportun war, wie ich es brauchte und abh?ngig von den ?u?eren Umst?nden, denn wie gesagt - sie waren nicht dumm, diese Sterblichen. Ich hielt nicht mehr viel von der Liebe, aber die Liebe hatte mich zu dem gemacht, was ich war. Ein kaltes L?cheln kr?uselte meine Lippen und mein Blick wurde leer.

Meine Gedanken schweiften zu ihr, w?hrend die Sohlen meiner eleganten Stiefel kaum h?rbar ?ber das dreckige Stra?enpflaster wanderten. Ihr Name war Ramona Zadisz. Eine Vampirin seit Hunderten von Jahren. Ich hatte dieses Gesch?pf angebetet. Ich war ihr verfallen und so verr?ckt nach ihr, wie ein Mann nur sein konnte. Sie war sch?n, wie die S?nde selbst, mit einem engelsgleichen Gesicht und einem K?rper, der selbst den abstinentesten M?nch zum sabbernden Lustmolch gemacht h?tte. Langes schwarzes Haar, leicht gewellt umrahmte dieses zarte Antlitz, aus dem gr?ne Augen lachend funkelten. Ihre Brauen waren geschwungen wie die einer ?gyptischen K?nigin, ihre kleine Nase klassisch sch?n wie die einer griechischen Skulptur, ihre roten Lippen verf?hrerisch sch?n, blutrot wie die verbotenen Fr?chte des Paradieses und nicht zu gro?. Sie war nicht klein, ?berragte die meisten Frauen in ihrer N?he, aber ihr K?rper mit den un?bersehbaren Rundungen an den richtigen Stellen war das Sinnbild eines perfekten weiblichen K?rpers, eine G?ttin, der kein Mann widerstehen konnte der es wagte in ihre Augen zu sehen und genau das war mir passiert. Ich war ein gl?cklich verheirateter junger Mann gewesen und liebte meine Frau, aber diese laszive Egoistin beschloss einfach, dass ich eine Weile an ihrer Seite sein sollte und machte sich einen Spa? daraus, ihren bisherigen Gef?hrten eifers?chtig zu machen, was mein Tod h?tte sein k?nnen, denn er versuchte nat?rlich, mich aus dem Weg zu r?umen. Er stellte mich h?hnisch lachend und mit meinen schwachen menschlichen Kr?ften war ich ihm grenzenlos unterlegen. Er spielte mit mir, mit meiner verzweifelten Gegenwehr, meiner Angst und meiner Schw?che. Ich gab mich schon verloren, hing, wie es Schlachtvieh eben so ergeht, in seinen m?rderischen Klauen, schwer atmend, besiegt und unf?hig mich zu noch zu wehren, als sie endlich eingriff und ihren v?llig abgelenkten Gef?hrten mit einem ?berraschenden brutalen Angriff blitzschnell t?tete. Sie verbrannte seinen K?rper auf einem Scheiterhaufen, den sie schon vorbereitet hatte und dann befasste sie sich mit mir, brachte meine Sinne zum vibrieren und mein Verlangen zum kochen, nahm mir, als ich auf dem H?hepunkt der Gef?hle, auf Wolken schwebte, mein Blut. Nicht alles… sie beherrschte sich, machte mich in mehreren N?chten zu einem Gesch?pf, wie sie eines war. Lehrte mich zu jagen und lehrte mich vor allem, ihrer Lust und ihrem Vergn?gen zu dienen. Ich wei? nicht, ob sie mich wirklich liebte. Sie hatte jedenfalls Gefallen an mir gefunden und ich wiederum liebte sie abg?ttisch, betete sie grenzenlos an und w?re jederzeit f?r sie gestorben.

Als letztes t?tete sie meine vor Angst fast wahnsinnige Frau vor meinen Augen und ich empfand nichts dabei, lie? es geschehen. Selbst ihre flehenden Augen lie?en mich kalt und ich hatte meine menschliche Vergangenheit in jenem Moment hinter mir, als die blutleere H?lle meiner ehemaligen Gef?hrtin zu Boden sank. Ich sah nur noch sie… Lebte nur f?r sie und wollte nichts anderes, als in ihrer N?he sein. War es wirklich Liebe? War es nur Leidenschaft?
Ich wei? es nicht und es ist im Nachhinein auch egal, denn diese Zeit ging schnell vorbei. Sie hatte mir ihre Welt gezeigt und ich genoss meine neue Macht in vollen Z?gen. Sie wollte ein paar Gesch?fte erledigen. Auch sie hatte sich in vielen L?ndern Existenzen geschaffen und musste diese pflegen. Sie reiste allein und kehrte nicht mehr zur?ck. Ich folgte ihr und fand nur verkohlte Tr?mmer vor, statt des Hauses, nach dem sie hatte sehen wollen. Verzweifelt suchte ich diese ab und fand untr?gliche Zeichen eines Mordes, den Vampire begangen haben mussten. Einen abgebrannten Scheiterhaufen und in der Asche einen mir gut bekannten Ring, den ich seitdem an einer Kette um den Hals bei mir trug. Sie war einer Rache zum Opfer gefallen. Ob es Freunde ihres Ex-Gef?hrten waren oder eine andere alte Geschichte, erfuhr ich nie. Ich mied seitdem jeden Kontakt zu Vampiren. Ging jeder Begegnung aus dem Weg. Und so vergingen die Jahrzehnte und ich gew?hnte mich daran einsam aber frei zu sein.

Ich h?rte Stimmen, viele Stimmen, aufgeregtes Gemurmel, Geschrei und das Wehklagen einer Frau. Ich wollte mich schon entfernen, denn gro?e Ansammlungen von Schlachtvieh mied ich normalerweise, aber diesmal gab ich meiner Neugier nach, schimpfte mich zwar einen Narren, aber ging entschlossen auf den Tumult zu. Was ich sah war keine ?berraschung mehr. Die Ger?usche hatten mir genug verraten. Ein gro?er Scheiterhaufen erwartete sein weibliches Opfer: Eine Hexe. Sicherlich unschuldig, aber was spielte das f?r eine Rolle in dieser Welt. Sie war nicht mehr zu retten, war totes verkohltes Fleisch und keinen Gedanken mehr wert, wurde brutal gegen den Scheiterhaufen gesto?en und zu dem Pfahl geschleift, an dem schwere Ketten hingen und eiserne Ringe mit Klemmen f?r H?nde und F??e. Mein Interesse lie? nach und mein Blick schweifte ab, musterte die Menge und taxierte das Vieh mit dem Interesse eines Metzgermeisters an seiner Arbeit, als mich der Anblick einer jungen Frau wie ein Blitzschlag traf. Ich keuchte auf und fing mir ein paar misstrauische Blicke ein. Meine elegante Erscheinung passte nicht zu den einfachen Menschen auf diesem Platz.
Ich musste mich schnell in den Griff bekommen, aber es fiel mir schwer, sehr schwer, denn da stand sie… Ich ging wie in Trance auf sie zu, murmelte „Ramona…“ aber je n?her ich kam, umso mehr Details wurden mir bewusst, bis ich kurz von ihr entfernt stehen blieb und sie mit Blicken verschlang, bis ich mich zur Ordnung rief und mich halb abwandte und sie nur noch aus den Augenwinkeln betrachtete. Nein… Sie war es nicht… Sie sah ihr zum Verwechseln ?hnlich, aber sie war j?nger, zarter und viel unschuldiger als meine Ramona. Sie war auch kein Vampir, denn das h?tte ich aus dieser N?he gesp?rt. Ich atmete schwer und l?ngst vergessene Gef?hle verwirrten meine Empfindungen. Unf?hig etwas zu tun, stand ich einfach da, inmitten dieser barbarischen Hinrichtung, die Schreie des Opfers ignorierend, den L?rm der Menge wie durch Watte ged?mpft h?rend, denn meine Gedanken waren bei ihr
30.1.06 23:07



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