Verborgene Gedanken

Kapitel 3

Lange konnte ich diesen kalten, gefühllosen Gesichtsausdruck nicht halten. Als ihr rücksichtslos Hände und Füße in die Fesseln geschlagen wurden, die dünne Haut wie Pergament riss und ihre schwachen Schreie über den Platz hallten, sich gnadenlos in meine Gehörgänge fraßen, wandte ich den Blick ab. Mein Haar fiel nach vorn, als ich zu Boden sah und bildete eine Art Schutzvorhang. Es war eine dumme Angewohnheit von mir. Immer, wenn ich mich nicht wohl, eingeengt oder gar von einer Situation bedroht fühlte, konnte man dieses Verhalten bei mir beobachten. Es war wie eine stumme Abwehrreaktion oder gar Ablehnung. Nur wer mich sehr gut kannte, wusste jenes Zeichen zu deuten. Und tatsächlich fühlte ich mich in diesem Moment alles andere als wohl. Allerdings lag das nicht nur in den Schmerzensschreien der Hexe begründet, welche durchaus dazu geeignet waren, mich in heillose Flucht zu schlagen. Nein… Ich hatte das eigentümliche Gefühl, beobachtet zu werden und das gefiel mir ganz und gar nicht. Meine Intuition hatte mich noch nie im Stich gelassen und so warf ich verstohlen suchende Blicke durch die schwarzen Strähnen hindurch, um den Beobachter ausfindig zu machen, während die Anklageschrift der Hexe verlesen wurde. Doch ich konnte nicht viel erkennen.

„Der angeklagten Hexe werden folgende Widrigkeiten des Gesetzes des Staates und der heiligen Kirche vorgeworfen: Zauberei,...“

Meine Neugier gewann den innerlichen Kampf mit der Vorsicht mit Leichtigkeit und deshalb hob ich die Hand und warf das Haar zurück über die Schultern. In diesem Moment sah ich ihn.

„...Schwarzseherei,...“

Er löste seinen Blick gerade von mir, als ich ihn entdeckte. Er stand nicht weit entfernt und ich fragte mich, warum er mir nicht eher aufgefallen war.

„...Teufelsanbetung,...“

Seine Erscheinung wollte nicht so recht zu der Ansammlung einfacher Dorfbewohner, die sich am Leid einer wehrlosen Frau ergötzten, passen.

„...Mord,...“

Um nicht noch einmal seine Aufmerksamkeit zu erregen, musterte ich ihn nur aus den Augenwinkeln. Das schummrige Licht der fast verschwundenen Abendsonne und der flackernde Schein des Feuers vereinfachten dieses Unterfangen nicht gerade.

„...Verachtung des rechten Glaubens,...“

Er war edel gekleidet, was das Auffälligste an ihm war, denn dadurch hob er sich sehr von den Anwesenden ab.

„...und Gotteslästerung.“

Eine gewisse Attraktivität war wahrlich nicht von der Hand zu weisen und ich versuchte einen genaueren Blick zu bekommen, was bei meiner Körpergröße keine Schwierigkeit war. Darauf achtend, möglichst unauffällig zu bleiben, schob ich mich nur ein paar Zentimeter in seine Richtung und spähte über die Köpfe der Umstehenden hinweg.

„Leugnest du das, Hexe?“ – „Ja!“ Ein gellender Schrei „Leugnest du das?“ – „Nein... nein...“

Wäre ich nicht so sehr von seiner etwas düster wirkenden Ausstrahlung gefangen gewesen, hätte ich die johlende Menge, die Freude der Menschen, den lodernden Hass, der Flammen wie das Feuer des Scheiterhaufens schlug, bemerkt. Doch nichts von alle dem drang in mein Bewusstsein vor. Ich ignorierte es, verdrängte es, als wäre es nichtig, dass eine Masse an Tieren, denn das waren sie eindeutig in diesem Moment, einer Frau beim Sterben zusah.
Er war groß, scheinbar größer als ich selbst, was wahrhaftig nicht sehr oft vorkam. Dunkles, nicht zu kurzes Haar fiel ihm in die Augen, welche sich in das markante Gesicht beinahe perfekt einfügten. Er war sehr blass. Fast, als hätte er die Sonne seit Jahren nicht mehr gesehen. Unter seiner vornehmen Kleidung verbarg er scheinbar einen schlanken, muskulösen Körper. Starke Schultern ließen einen stattlichen Rücken vermuten und ich konnte mir vorstellen, dass dieser Herr nicht allein war. Jedoch konnte ich keine Frau in seiner Nähe ausmachen, die zu ihm gepasst hätte. Ich war vollkommen von seiner Erscheinung fasziniert, doch ich zwang mich zurück in die Realität. Mit einem Ruck wurde mir mein Umfeld wieder bewusst. Die Hexe gab keinen Laut mehr von sich. Sie war inzwischen tot. Verbrannt und verraten von Menschen, wie sie selbst es war. Jedoch auch erlöst von ihrem Leid.
Viele Stimmen redeten nun durcheinander. Lachten, plapperten und nahmen das Geschehen bis ins kleinste Detail auseinander, wie ein Schwein bei der Schlachtung, während die Überreste des Scheiterhaufens noch glühten. Fast unschuldig sah es aus. Als wäre es nur ein Lagerfeuer gewesen.
Ich konnte diesen Anblick nicht weiter ertragen. Jedes Mal aufs Neue wühlten mich diese Hinrichtungen sehr auf. Ich habe zwar nicht viele erlebt, doch für mich waren es genug.
Ich sah noch einmal zurück. Der Mann war verschwunden. Nachdenklich wandte ich mich wieder um und begab mich auf eine Wanderschaft durch die Gassen des Dörfchens.
Ich beschloss, keiner Vollstreckung mehr beizuwohnen. Diese hatte mich endgültig in dem Beschluss gestärkt, mich zumindest diesem Zwang zu entziehen. Ein Auflehnen gegen meine Eltern bedeutete zwar immer wochenlangen Streit, doch ich wollte mich ohnehin von meiner Familie lossagen. Jedoch wusste ich nicht, wie ich dies anstellen sollte, denn für eine Frau war es nicht leicht, gar unmöglich, fortzugehen, solange sie keinen Partner hatte.
Mich erfüllte ein unbändiger Freiheitsdrang und dieses Dorf gab sie mir nicht. Es engte mich unerträglich ein. Ich hatte jeden Menschen schon einmal gesehen, jeder Pflasterstein war mir vertraut. Ich hatte mein ganzes Leben in diesem Dorf verbracht und ich sehnte mich nach etwas Neuem. Nach der Ferne. Das Leben der Reisenden kam mir immer schon paradiesisch vor. Die Geschichten, die sie zu erzählen hatten, zogen mich immer wieder in ihren Bann. Ich war fasziniert, beeindruckt und hingerissen. Jede Geschichte, die ich hörte, trieb meine Sehnsucht voran.
Ich wusste, dass ich mich mit meinen Ansichten über mein Leben sehr von anderen Frauen unterschied. Sie wünschten sich Heim und Hof und eine sichere Existenz zum Altwerden. Am liebsten noch viele Kinder und ein ganzer Stall voll Tiere, die den Nahrungsvorrat auf Jahre garantierten. Doch für mich war ein solches Dasein nicht erstrebenswert. Jeden Tag aufs Neue immer der selbe Ablauf. Nein… Nichts für mich.
Unweigerlich wanderten meine Gedanken wieder zu dem eleganten Herren. Warum hatte er mich beobachtet? Plötzlich traf mich der Gedanke wie ein Schlag: Es war sehr leichtsinnig von mir, allein durch die dunklen Gassen des Dorfes zu wandern. Stille Beobachter hatten meist keine guten Absichten. Misstrauisch warf ich einen Blick über die Schulter. Meine Nackenhaare stellten sich auf. War es nur Einbildung oder hörte ich sehr leise Schritte? Sie stammten nicht von mir. Ich trieb meine Beine zur Eile an. Es waren eindeutig nicht meine Schritte, die ich da hörte. Auch sie wurden schneller. Wieder ein Blick über die Schulter. Er war es. Ich wusste es genau, spürte es. Mich beschlich das selbe Gefühl, das ich hatte, als er mich beobachtete. Schon kam ich mir vor wie der Fuchs vor dem Jäger. Was wollte er von mir? Warum folgte er mir? Eigentlich waren mir die Antworten auf diese Fragen zu diesem Zeitpunkt sehr egal. Angst trieb mich durch die Gassen, lies kein Halten zu. Immer schneller flogen die Häuser an mir vorbei. Ständig geriet ich ins Straucheln, doch ich zwang mich zurück in mein Gleichgewicht. Flüchtig sah ich mich um. Weit war es nicht mehr. Nur noch ein paar Meter. Die Schritte hinter mir… Keinen Moment verstummten sie. Wurden lauter, dröhnten in meinen Ohren, bis –
Schallend schlug die Tür hinter mir zu. Erschöpft sank ich daran nieder. Zu Hause… Sicherheit… Hoffentlich…
2.2.06 20:30


Kapitel 4

Meine Gedanken rasten. Die Hinrichtung interessierte mich nicht. Die Szenen waren vor meinen Augen, ohne mich zu erreichen. Wieder wurde dieses bedauernswerte Gesch?pf gequ?lt, irgendwelche Gest?ndnisse brutal erpresst und endlich schleppte man die Frau zum Pfahl in der Mitte des Scheiterhaufens. Ihre Schreie gingen im Prasseln der Flammen unter und die Menge tobte.

Es erstaunte mich oft, wie gnadenlos das Schlachtvieh mit seinesgleichen umging, aber es machte mich auch gelassener, wenn ich es t?tete. Es gab keinen Grund sich ?ber Menschen Gedanken zu machen. Sie waren nicht besser als Tiere. In vielerlei Hinsicht sogar schlechter.

Aber der Gedanke an Ramona und deren leibhaftiges, j?ngeres Abbild, welches neben mir stand, beherrschten mich, sodass ich mich nicht weiter damit befasste. Wie konnte dieses einfache M?dchen ihr so ?hnlich sehen? Ramona war schon lange tot. Das M?dchen viel zu jung um eine Tochter von ihr zu sein. Nat?rlich h?tte sie auch eine Urenkelin sein k?nnen. Leider hatte ich Ramona nie gefragt, ob es Kinder von ihr gab. Aber das bedauerte ich erst jetzt. Damals hatte es mich wirklich nicht interessiert. Ganz und gar nicht schmunzelte ich vor mich hin. Wieder einmal zogen Szenen an meinem inneren Auge vorbei die sich mit ihr besch?ftigten und immer wieder warf ich dem M?dchen dabei verstohlene Blicke zu.

Trotzdem verpasste ich den Augenblick, in dem sie verschwand und nur meine Instinkte lie?en mich in die richtige Richtung blicken als ich es bemerkte. Sie verschwand gerade um eine Ecke in einer langen Gasse und ich verfolgte sie ohne nachzudenken etwas ?berhastet, was mir wieder misstrauische Blicke von allen Seiten einbrachte. ?rgerlich ?ber mich selbst, bog ich in die Gasse ein. Ich w?rde wohl nicht mehr lange in diesem Dorf bleiben k?nnen, denn ich war aufgefallen, was mir so gut wie nie passierte. Schnell verringerte ich die Entfernung zu der in der D?mmerung kaum noch auszumachenden Gestalt vor mir und konnte nicht verhindern, dass sie dadurch meine Schritte h?rte.

Schon wieder ein Fehler. Was war nur mit mir los? Sie erstarrte einen Moment und ich dr?ckte mich in eine Toreinfahrt. Nun erst griff ich zu meiner F?higkeit des Verbergens, die ich sehr selten ben?tigte. Ramona hatte mir eine sehr n?tzliche Eigenschaft ?bertragen, als sie mich zu ihrem Gesch?pf machte. Ich konnte Licht von meinem K?rper abwehren. Nicht reflektieren, sondern es praktisch um mich herumleiten, so dass meine Konturen v?llig verschwammen und mich Schlachtvieh so gut wie nicht mehr wahrnehmen konnte. Ich benutzte diese F?higkeit nur zur Jagd und dort auch nur selten, denn normalerweise liefen mir die ahnungslosen Opfer auch so in die Arme. Auch in gro?en Menschenansammlungen wie eben auf dem Hinrichtungsplatz, war sie wenig n?tzlich. Zu leicht wurde man angerempelt und fiel mehr auf, als wenn man sichtbar mit der Menge verschmolz. Sie strengte mich an, kostete Vitalit?t und erh?hte die Gier nach Blut, also musste es sich lohnen, sie einzusetzen.

Wieder ?rgerte ich mich ?ber mich selbst, weil ich durch meine unvorsichtige Ann?herung gezwungen war, darauf zur?ckzugreifen. Ich hatte n?mlich gar nicht vor, dieses M?dchen zu t?ten. Wollte nur wissen, wer sie war und wo sie wohnte. Sie interessierte mich viel zu sehr, um ihr Blut zu nehmen. Es gab genug andere, die zur Verf?gung standen.

Sie hastete davon, beschleunigte ihre Schritte und sah sich immer wieder um. Ich folgte ihr nat?rlich, war gezwungen ebenfalls schnell zu gehen und im Schutze meiner Unsichtbarkeit holte ich sogar noch auf, um nur ja nicht zu verpassen, wo sie wohnte. Sie f?hlte sich verfolgt. Das war offensichtlich. Ich bem?hte mich zwar leise zu sein, aber die schnellen Schritte waren wohl doch zu h?ren. Mittlerweile war es mir gleichg?ltig. Aber ich roch ihre Angst, ihren s??en Schwei? und automatisch verfiel ich in den Rauschzustand des Verfolgers. Ihre Flucht setzte alle meine dunklen Leidenschaften frei und reizte sie wie bei einem Wolf, der nichts lieber tut, als einer Beute nachzujagen. Ich sp?rte, dass ich die Kontrolle verlor, dass meine Gier nach Blut voll erwachte und hatte sie fast erreicht, als mein Verstand noch einmal siegte und ich etwas zur?ckblieb, allerdings war es eine gewaltige Kraftanstrengung und ich musste einfach wieder die Verfolgung aufnehmen. Zu ihrem Gl?ck erreichte sie endlich ihr Heim und schlug mir die T?r praktisch vor der Nase zu. Sperrte dadurch auch ihren Geruch und das Rauschen ihres Blutes aus. Wenn ich auch sp?rte, dass sie direkt an dieser T?r lehnte und das l?cherliche Schloss, was sie nicht einmal verriegelt sondern nur zugedr?ckt hatte mich keine zwei Sekunden aufgehalten h?tte, verhalf mir diese T?r dazu, wieder die Gewalt ?ber das Raubtier in mir zu gewinnen.

Ich merkte mir das Haus und den Namen an der T?r, wich zur?ck und betrachtete die Gegend. Weder das einfache Haus, noch die triste Umgebung konnten mich beeindrucken. Ein ?rmlicher Hauch lag ?ber den Geb?uden. Einfache Menschen, wahrscheinlich Handwerker oder Tagel?hner fristeten hier ihr unbedeutendes Dasein. Ich wandte mich ab, ging langsam die Stra?e weiter hinab, nach und nach wieder sichtbar werdend und versuchte mir einen Plan zu machen. Zweifellos hatte mich das M?dchen seltsam ber?hrt. Seine ?hnlichkeit mit Ramona hat l?ngst vergessene Gef?hle geweckt. Ich wollte sie haben. War neugierig auf sie. Wollte wissen, ob es noch etwas anderes gab, als zu jagen und zu t?ten. Ich musste einen Weg finden, mich ihr zu n?hern.

Pl?tzlich durchzuckte mich wieder die Gier und aufschauend sah ich auch warum. Ein zufriedenes L?cheln kr?uselte meine Lippen.
Eine weibliche Gestalt kam mir m?den Schrittes entgegen. ?rmlich gekleidet und schon in den mittleren Jahren. Man sah ihr an, dass viele Sorgen sie qu?lten und dass ihr Leben nicht leicht war, sondern aus harter Arbeit bestand. Sie schleppte schwer an zwei prall gef?llten Taschen und taumelte kurz vor mir. Mit einem Schritt war ich bei ihr und fing sie auf. Ihr Atem roch nach Hunger und einer sich bildenden Krankheit. Ihr Blick war der, eines aufgescheuchten Rehs und aus dieser N?he sah ich das sch?ne M?dchen, das sie einmal gewesen sein musste, von dem aber nichts mehr geblieben war. Ihre zuerst weit aufgerissenen Augen bekamen einen dankbaren Ausdruck. ?Wie nett von Euch, hoher Herr, dass Ihr Euch um mich k?mmert. Ich bin sehr geschw?cht vom langen Tagwerk und habe seit heute morgen nichts gegessen. Ich danke Euch sehr.? Ich l?chelte sie an. ?Ich werde Euch helfen, Euch nach Hause bringen, an den Ort, wo Eure Sorgen f?r immer enden werden...?
Ihr Blick wurde fragend, dann erstaunt, wechselte zu entsetzt wurde kurz von Schmerz durchdrungen, aber bevor er brach, spiegelte sich eine tiefe Erl?sung darin?
5.2.06 20:58


Kapitel 5

Schwei?gebadet wachte ich auf. ?ber mir war nur undurchdringliche Schw?rze, als ich die Augen aufschlug. Ich starrte in die Dunkelheit und lauschte. Nicht meine absurden Tr?ume von aussichtslosen Fluchtversuchen hatten mich geweckt. Ein dumpfes Rumpeln drang vom unteren Stockwerk zu mir herauf. Gefl?sterte Rufe und ein Scharren waren zu h?ren, bevor die Haust?r wieder ins Schloss fiel. Reglos blieb ich einen Moment lang liegen. Kein Finger r?hrte sich. Sogar mein Atem ging nur sehr sparsam und nicht einmal ein Blinzeln zeigte sich. Allerdings vernahm ich kein weiteres Ger?usch. Was ging dort unten mitten in der Nacht vor sich? Langsam stand ich auf und trat an das kleine Fenster meines Zimmers. Mit in Falten gelegter Stirn sp?hte ich nach unten auf die Stra?e. Ich sah jedoch nur undeutliche Schemen und das Flackern zweier Fackeln. Mich darum bem?hend, m?glichst leise zu sein, ?ffnete ich das Fenster und hoffte, dass dessen Knarren mich nicht verriet.
Ich h?rte die Stimme meines Vaters. Sie klang merkw?rdig dumpf und erstickt, daher verstand ich nicht, was er sagte. Irgendetwas war geschehen und ich konnte mich nicht mehr zur?ck halten. Ich schnappte mir den n?chstbesten Mantel, den ich finden konnte und der nicht v?llig von Motten zerfressen war und ?ffnete leise die T?r. Vorsichtig ging ich die Holztreppe hinunter. Barfuss wohlgemerkt und die Holzsplitter, die sich in meine Fu?sohlen bohrten, lie?en mich innerlich fluchen, doch kein Laut verlie? meine Lippen. Als ich endlich unten ankam, flog die Haust?r mit ohrenbet?ubendem L?rm auf. Ein energisches Zischen folgte und augenblicklich war es wieder ruhiger. Ich zuckte f?rchterlich zusammen und fror in meiner Bewegung ein. Ertappt starrte ich zur T?r, doch keiner von den Hereinkommenden nahm auch nur geringste Notiz von mir. Zwei M?nner trugen einen zusammengesunkenen K?rper herein. Ich erkannte im schummrigen Licht meinen Vater als einen der M?nner. Der andere war einer unserer Nachbarn. Mein Blick wanderte zu der leblosen Gestalt, die in den Armen der beiden M?nner lag. Es war eine Frau. Lange, dunkle Haare ergossen sich ?ber die Arme meines Vaters. Sie legten sie auf dem ausgefransten Fell vor dem Kamin nieder und als das Feuer ihr Gesicht beschien, keuchte ich auf. Ich klammerte mich am Treppengel?nder fest und glaubte nicht, was ich dort sah. Mein Vater drehte sich ruckartig um, als er mich h?rte. Er war kreidebleich und man sah ihm an, dass auch er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Zum zweiten Mal in dieser Nacht war ich vollkommen reglos. Auch er r?hrte sich nicht. Wir starrten uns einfach nur gegenseitig an. Tr?nen stiegen in mir auf. Nur m?hsam konnte ich sie zur?ckhalten. Sie war tot... Schlaff und ohne jegliche Farbe, sicherlich auch eiskalt war ihr K?rper. Meine Mutter war tot... „Es war Raubmord.“, durchbrach die Stimme des Nachbarn die Stille. Mein Vater fuhr zu ihm herum. Ich stand immer noch reg- und fassungslos da und klammerte mich an das Gel?nder. „Ihre Taschen sind nicht da. Sie brachte doch einen Teil der Ernte nach Hause. Es ist fort.“ Mein Vater biss sich auf die Unterlippe. Es war nicht erkennbar, was ihm mehr zu schaffen machte. Der Tod seiner Frau oder die Tatsache, dass ihm ein Teil der Ernte und somit die sichere Versorgung seiner Kinder verloren gegangen war.
Ich selbst konnte keinen klaren Gedanken fassen. Langsam drehte ich mich um und stieg die Treppe wieder hinauf. Sogleich bereute ich mein m??iges Tempo.
„Ihr wurde der Hals fast komplett durchtrennt und sie ist so eingefallen... V?llig blutleer... Wer tut so etwas nur?“ – „ Ich wei? es nicht... Wenn ich es w?sste, w?rde der jenige...“ Die Stimme meines Vaters ging in einem erstickten Schluchzen unter.
Ich flog buchst?blich den Rest der Treppe hinauf. Die T?r meines Zimmers schlug ger?uschvoll zu und wieder lehnte ich mich von innen gegen eine ebensolche, wie ich es einige Stunden zuvor aus Ersch?pfung getan hatte. Nun tat ich es aus Fassungslosigkeit, Verwirrung, Trauer, Schmerz... Die Frage hallte st?ndig in meinem Kopf wider: „Wer tut so etwas nur?“
Weinen? Nein... Weinen war viel zu ausdrucksschwach in dieser Situation. Ich konnte es nicht. Es war den Gef?hlen, die in mir tobten nicht w?rdig. Es reichte nicht aus. Pl?tzlich kochte neben der Trauer Wut in mir hoch. Ich stie? mich von der T?r ab, bevor ich daran zu Boden sinken konnte. Die schwarzen Str?hnen fielen mir wirr ins Gesicht, doch es k?mmerte mich nicht. Wie ein Raubtier zog ich Kreise durch mein Zimmer. Diese Frage h?mmerte sich f?rmlich in mein Hirn. „Wer tut so etwas nur?“ Doch die Frage wendete meine blinde Wut. Der Gedanke war absurd, aber konnte man diese Begebenheit nicht nutzen? Allerdings... Der Gedanke war absurd. Meine Mutter war gestorben und ich dachte an eine Flucht unter dem Vorwand, den M?rder zu suchen? Ich hielt inne, beendete meine Kreisbahnen. Nachdenklich zog sich meine Stirn in Falten und gleichzeitig h?tte ich vor mir selbst zur?ckschrecken k?nnen. Wo kam dieses eiskalte Planungsverm?gen so pl?tzlich her? Um ehrlich zu sein, war mir der Grund daf?r doch eigentlich gleichg?ltig. Einen Moment lang verharrte ich noch. Eigentlich wollte ich nicht nur aus Freiheitsmangel fliehen. Ich konnte unm?glich hier bleiben. Zu sehr hatte ich meine Mutter geliebt. Alles w?rde mich an sie erinnern. Scheinbar war ich doch nicht so kalt und dieser Gedanke beruhigte mein Gewissen sichtlich. Ich verengte die Augen und starrte erneut in die Dunkelheit. Mein Blick war suchend, doch ich wusste nicht so recht, was ich denn suchte. Er fiel wieder auf die T?r. Ich wollte weg... Nur weg von hier, doch ich konnte nicht einfach gehen. Ich konnte meinen Vater jetzt unm?glich allein lassen. Mein Entschluss stand jedoch fest. Ich w?rde gehen. Allerdings nicht sofort...
9.2.06 19:48


Kapitel 6

Welche Wonnen, welche Ekstase... die Vitalit?t meines weiblichen Opfers floss mir wie ein brennender Lavastrom durch die Adern, lie? mich aufbl?hen, an Kraft gewinnen, mich gottgleich f?hlen und alle meine Sinne vibrieren. Mein Verlangen war gr??er als erwartet. Ich war erregt und gierig und h?rte nicht auf, bis der berauschende Trank zur Neige ging. Meine Augen schimmerten in d?sterem rot und mein Mund war eine blutverschmierte Fratze, als ich langsam wieder zu mir kam und den gl?cklichen Umstand willkommen hie?, der mich mitten auf einer Stra?e unbeobachtet meiner Lieblingsbesch?ftigung nachgehen lie?.

Ich wusste zwar, dass der Vorgang des Saugens nur kurze Zeit dauerte. Von dem Moment an, als ich zubiss bis zu dem Zeitpunkt, als ich von ihr ablie? waren sicher nicht mehr als zwei Minuten vergangen, auch wenn es mir selbst immer vorkam als w?rden Stunden vergehen. Aber ich rief mich selbst zur Ordnung. So etwas war nichts weiter als grenzenloser Leichtsinn. Die Tat eines sehr jungen unerfahrenen Vampirs und meiner nicht w?rdig.

Zerknirscht gab ich meinem schlechten Gewissen recht. Ich hatte mich, aufgew?hlt wie ich war, zu dieser unbedachten Tat hinrei?en lassen und einfach nur Gl?ck gehabt. Da ich das Gl?ck f?r eine sehr launische Lady hielt, gedachte ich nicht l?nger auf sie zu bauen und meine n?chsten Schritte sehr viel bed?chtiger zu tun. Aber nun musste ich schnell handeln und den Ort des Geschehens verlassen.

Ich warf die blutleere Leiche ?ber eine Mauer, wo man sie bald finden w?rde. Zuvor trennte ich ihren Hals mit meinem Stilett auf, um die Bissmale zu verschleiern. Es musste ja nicht sein, dass meine potentiellen Opfer allzu sehr beunruhigt wurden. Die schweren Taschen nahm ich mit, ging im Schutz meiner Deflektorf?higkeit in die N?he des Marktplatzes und kippte den Inhalt an einem Stand, der von seinem Besitzer bereits verlassen war, aus. Minuten Sp?ter balgte sich bereits eine Horde verwahrloster Kinder darum.

Vom Markt- zum Dorfplatz war es nicht weit. Dieses Callandar war ein Kaff, aber sehr malerisch inmitten des schottischen Hochlandes gelegen, dessen ausgedehnte oft nebelige Moorlandschaften mich besonders des Nachts faszinierten, warum es mich immer wieder einmal alle paar Jahre hierher zog. Die Menge hatte sich gr??tenteils verlaufen, aber der Holzsto? brannte immer noch, war aber in sich zusammengefallen. Von der Hexe war nichts mehr ?brig. Nichts mehr erinnerte an diese ungl?ckliche Existenz, die hier so sinnlos ausgel?scht und deren Blut verschwendet worden war. Mutwillig warf ich die leeren Taschen auf den Scheiterhaufen, auf dem sie in Sekundenbruchteilen in einem kurzen Auflodern vergingen. Niemand nahm davon Notiz und mir war es recht.

Ziemlich gut gelaunt wanderte ich durch die Stra?en von Callandar, wurde wieder sichtbar und bewegte mich unauff?llig. Ich vermied den Besuch eines Pub, denn ich fiel dort zu sehr auf. Zwar waren meine Augen inzwischen wieder von einem dunklen Jadegr?n, aber meine elegante Erscheinung machte mich in diesem Provinznest ?berall zu einem Fremden, dem automatisch Misstrauen entgegenschlug. Trotzdem w?rde ich mich nicht dazu herablassen, mich auch noch wie diese Bauern zu kleiden. Soweit w?rde ich es nur im Notfall kommen lassen.

Meine Gedanken besch?ftigten sich immer noch mit Ramona und diesem M?dchen, dass ich verfolgt hatte. Mir war klar, dass ich diese Begegnung nicht auf sich beruhen lassen w?rde. Diese Sch?nheit musste mir geh?ren und ich dachte dabei nicht an eine kurze, berauschende Begegnung. Nein, ihre ?hnlichkeit zu meiner schmerzlich vermissten Liebe machte sie zu wertvoll. Ich w?rde nicht nur ihr Blut, sondern auch ihren K?rper genie?en. Solange es mir passte. Danach konnte ich sie immer noch t?ten oder auch, wenn sie mich gut unterhielt zu meinem Gesch?pf machen. Ja... der Gedanke gefiel mir immer besser. Eine Frau wie sie hatte mich erschaffen. Aus v?llig egoistischen Gr?nden, nur um als ihr Spielzeug ihre Langeweile zu vertreiben und um ihrer Lust zu dienen. Welch Ironie, wenn ich das gleiche mit ihrem j?ngeren Abbild tun w?rde. Ein breites Grinsen zeichnete sich in meinen Z?gen ab, was wohl nicht allzu freundlich wirkte, denn eine Passantin, die mir entgegenkam, fl?chtete hastig auf die andere Stra?enseite. Leise lachend setzte ich meinen Weg fort.

Ich w?rde morgen wieder dort sein. Heute erschien mir zu fr?h, denn die Leiche war bestimmt schon entdeckt worden. Wahrscheinlich herrschte dort Aufregung und Wachsamkeit. Nein, morgen am fr?hen Abend w?rde es besser sein. Vielleicht ergab sich eine Gelegenheit das M?dchen kennen zu lernen, ihr Vertrauen zu gewinnen und ganz menschlich eine Beziehung herzustellen. Das w?rde es reizvoller machen. Ich k?nnte mit ihr und ihren Gef?hlen spielen und mich an ihrer Verwirrung erg?tzen. Ich w?rde sie mit ihrem begrenzten Horizont und ihrer sicher nicht vorhandenen Bildung leicht beeindrucken k?nnen. Ich w?rde sie mitnehmen. Ihr ein St?ck der gro?en Welt zeigen. Sie immer fester an mich binden und irgendwann w?rde ich sie bei?en. Ich leckte mir genie?erisch die Lippen bei dieser Vorstellung...

Meine von der Mahlzeit euphorische Stimmung lie? mich noch nicht ans Schlafen denken und ich unternahm einen weiten Spaziergang durch die schottischen Highlands. Die Nacht brach herein und entlie? deren Gesch?pfe. Ich bewegte mich nahezu lautlos, fast schwebend, gewandt und wie ein Raubtier durch die Schatten und Nebel, lauschte den Stimmen und Ger?uschen der Tierwelt, nahm den einen oder anderen Geruch war, sp?rte den immerw?hrenden Kampf zwischen J?gern und Gejagten, die ihr schwaches Leben zwischen scharfen Z?hnen und spitzen Krallen aushauchten. Mein Geist schien ?ber mir zu schweben, jagte mit dem Fuchs, sp?rte das letzte zappeln eines Kaninchens zwischen seinen Lefzen, h?rte das brechen des Genicks und f?hlte die Gier des Hungers. Schlug meine F?nge in die Weichteile einer gro?en Ratte und erhob mich mit den langsamen kraftvollen Fl?gelschl?gen der Eule, das zappelnde, vor Schmerzen schreiende Tier mit mir tragend und es gierig auf einem Ast mit dem Schnabel zerfetzend.

Auch das war eine Leidenschaft, der ich gerne nachging. Meine Empathie f?r die Tierwelt nahm mich immer wieder gefangen. Das Gef?hl mit dem Wolf zu jagen bis Blut und Schwei? des Opfers auf der Zunge sich mischten mit dem machtvollen Gef?hl des Bisses m?rderischer Kiefer, mit dem Adler zu fliegen, hinabzusto?en und mit der Schnelligkeit eines Pfeils zu t?ten, war so berauschend, dass ich es oft tat, meistens nach einer guten Blutmahlzeit, wenn meine Sinne noch gesch?rft und offen waren f?r die feinen Schwingungen, die uns st?ndig umgaben und die so wenige Gesch?pfe wahrnehmen konnten. Ich hatte oft versucht, den Geist eines Tieres zu ?bernehmen und war oft gescheitert. Aber ich hatte viel Zeit gehabt, niemals aufgegeben und es gelang mir nach und nach das Richtige zu tun.

Mein erster bewusst gesteuerter Flug im Bewusstsein eines Habichts w?re fast in einer Katastrophe geendet, denn ich verlor mich in diesem k?stlichen Rausch schwerelos ?ber der Landschaft zu segeln, bekam nicht genug davon durch die scharfen Augen zu sehen und selbst kleinste Bewegungen am fernen Boden wahrzunehmen. Ich blieb viel zu lange in diesem Tier und als ich zur?ckwollte gelang es mir zun?chst nicht. Voller Panik flatterte ich ziellos und unbeholfen herum, schmierte ab und nur der Instinkt des Tieres, der den Sturz automatisch abfing dr?ngte mein aufgeregtes Bewusstsein so weit zur?ck, dass ich mich doch noch l?sen konnte. Aber ich hatte meine Lektion gelernt und ging weit vorsichtiger zu Werke. Im Laufe vieler Jahre vervollkommnete ich die Technik bis zur Perfektion. Ich lenkte jedes Tier, welches mein suchender Geist wahrnahm, dr?ngte sein verwirrtes animalisches Bewusstsein einfach beiseite und erg?tzte mich an den neuen Sinneseindr?cken, die mir dadurch zu teil wurden. Manchmal dachte ich dar?ber nach es auch einmal bei einem Menschen zu versuchen, aber bisher reizte mich das nicht besonders und so sehr ich das Schlachtvieh auch verachtete, seine geistigen Kr?fte waren mit denen tierischer Bewusstseine nicht zu vergleichen und ich wollte keine unangenehmen ?berraschungen erleben.

Mein K?rper fiel dabei in eine leichen?hnliche Starre. Ich musste eine einigerma?en gesch?tzte Stelle finden. Meistens w?hlte ich dichtes Buschwerk oder ein sicheres Geb?ude. Dort wo ich jetzt war, schien das nicht n?tig. Ich legte mich einfach unter eine knorrige Ulme auf ein weiches Moosbett und schloss die Augen. Suchend ?ffnete ich meinen Geist und nahm fast sofort ein lauerndes Gesch?pf war. Gar nicht weit von mir, auf einem halb im Sumpf vergrabenen Baumstamm kauernd. Eine gro?e Wildkatze. Ein absolut perfekter J?ger. Mit Augen wie die einer Eule, scharfen Waffen an den Pfoten und einem beeindruckenden Gebiss, einem perfekten, schnellen und gewandten K?rper. Ich drang in sie ein, schaute aus riesig geweiteten Pupillen, eingebettet in gelbe Augen ?ber den vor mir ausgebreiteten gedeckten Tisch. Was w?rde ich w?hlen? Eine Maus? Ein Kaninchen? Nein... Ich wollte etwas Interessanteres, ich wollte jagen und mich an diesem K?rper erfreuen. Ein Eichh?rnchen war so dumm, noch einmal seine Nase aus seinem Kogel zu stecken. Das war fein... Das war perfekt... Ich w?rde ihm eine Chance geben und es zun?chst entkommen lassen, es auf leisen Sohlen verfolgen, es immer wieder erschrecken, es schlie?lich mit Tatzenschl?gen verletzen, mit ihm spielen, verfolgen wie es sich wehrte, wie seine Kr?fte nachlie?en, wie Resignation seine Augen verdunkelte und schlie?lich w?rde ich noch einmal t?ten an diesem herrlichen Tag...
21.2.06 23:46


Kapitel 7

Ich hatte mir noch schnell etwas wärmeres übergeworfen und mir etwas für meine Füße gesucht. Nun stand ich wieder unterhalb der Treppe. Meine Geschwister waren ebenfalls da. Meine Schwestern kümmerten sich um meinen Vater, welcher scheinbar völlig aufgelöst an der Wand lehnte. Er hatte das Gesicht in den Händen vergraben. Er bot einen erbärmlichen Anblick, der mir schier das Herz zeriss. Ich blinzelte eine Träne weg und wandte mich ein wenig ab, doch der Anblick, der sich mir nun bot, war nicht viel angenehmer. Meine Brüder, wie meine Schwestern allesamt jünger als ich, hatten einige Kerzen um meine Mutter aufgestellt. Sie hatten sie auf ein ausgefranstes Schaffell gelegt. Ich wusste, dass wir keine Möglichkeit hatten, sie aufzubahren, doch diese Alternative grenzte nahezu an Spott. Ich versuchte mein Bestes, mir meine Gedanken nicht anmerken zu lassen und rührte ich mich nicht. Es sah so aus, als hätten sie auch ohne mich alles sehr gut unter Kontrolle.
Rajo, der älteste meiner Brüder, schien dies allerdings anders zu sehen. Mit düsterer Miene kam er auf mich zu und raunte mir feindselig eine sehr unerfreuliche Frage entgegen: „Willst du dort Wurzeln schlagen? Ich weiß, dass dir an unserer Familie nicht sehr viel liegt, aber musst du es so offensichtlich zeigen?“ Meine Augen weiteten sich ob seiner Worte. Hatte er etwa Recht? Lag mir tatsächlich nicht viel an ihnen? Ich sah ihn entsetzt an, während er mit einem Blick auf unseren Vater weitersprach: „Du solltest deinen unansehnlichen Hintern bewegen und uns helfen.“ Das Entsetzen in meinen Augen wich purer Empörung und es dauerte nur einige Augenblicke, bis daraus Zorn geworden war. „Ihr bekommt das sehr gut allein hin, Kleiner“, knurrte ich und war mir der Ironie bewusst, die diese Betitelung mit sich brachte. Er hat mit seinen 23 Jahren 2 Sommer weniger als ich gesehen, doch er überragte mich um eine Handbreite. Womit er wohl der einzige Spross meiner Familie bleiben würde, der diese Größe erreichte. Das war schon vorauszusehen. Überhaupt war ich ungewöhnlich groß im Gegensatz zu dem Rest meiner Familie.
„Du bist so schrecklich selbstsüchtig“ Mein Bruder sah mich mit einer Mischung aus Wut und Enttäuschung an, wobei die Enttäuschung nur einen winzigen Funken ausmachte. Ich musste mich beherrschen. Schon meinem Vater zuliebe, auch wenn ich Rajo am liebsten eine schallende Ohrfeige verpasst hätte. Er hatte keine Ahnung, was es für mich bedeutete, dass unsere Mutter tot war. Wenn ich nicht schleunigst etwas unternahm, würde ich in ihre Rolle gepresst werden und für immer an dieses Dorf gebunden sein. Ich zitterte, doch ich bezweifelte, dass er es wahrnahm. Ich schaffte es tatsächlich auf die Ohrfeige zu verzichten und beschränkte mich nur darauf, ihn aus dem Weg zu stoßen und an ihm vorbei hinaus ins Freie zu rauschen. Das wutschnaubende „Katrina!“, welches er mir nachschleuderte, ignorierte ich völlig. Er hatte gründlich dafür gesorgt, dass ich die nächsten Stunden dieses Haus nicht mehr betrat.

Recht schnell hatte ich den Rand des Dorfes erreicht, nachdem ich die dunklen Gassen mit energischen Schritten durchquert hatte. Mittlerweile war meine Wut fast vollständig verraucht. Der Anblick der umgebenden Landschaft beruhigte mein Gemüt vollends. So sehr ich dieses Dorf auch als Kerker sah; ich liebte diese wunderschöne Umgebung, in der es eingebettet lag. Besonders nachts ließ mich der Anblick kaum los. Scheinbar jede Nacht lag ein sanfter Nebel über dem Moor und je nach Wetterlage gesellte sich gern ein sanfter Regen dazu, dessen leises Plätschern vom Mond beobachtet wurde. Aber auch starker Regen hatte in den Highlands durchaus seine Faszination. Durch die spärliche Vegetation gab es immer wieder kleine Sturzbäche, die rauschend die runden Berge hinabdonnerten und versiegten, sobald die Wolken kein Wasser mehr zu geben vermochten.
Am Tage konnte die Gegend den Blick in gleicher Weise fesseln. Wenn die Sonne am Morgen langsam an den Flanken der Berge hinaufkroch oder ihr Licht sich im Wasser eines der zahlreichen Lochs brach...
Ich warf einen Blick zurück auf das Dorf. Ich hatte mich schon ein gutes Stück davon entfernt. Es lag vollkommen ruhig und friedlich da. Von dem Feuer, das vor wenigen Stunden noch einen Menschen verschlang, war nichts mehr zu erkennen. Davon, dass eine Frau ermordet wurde jedoch auch nicht.

Bist du eigentlich völlig verrückt? Irgendetwas in mir sagte mir, dass es wohl nicht sehr klug war, nachts hier heraufzukommen, wenn ein Mörder durch Callandar streifte. Du wurdest heute Nacht doch schon einmal verfolgt. Dieses Etwas erinnerte mich auch daran, dass ich einem Mann, gerade noch die Tür vor der Nase zuschlagen konnte und somit wohl knapp einem weniger angenehmen Schicksal entkommen bin. Vielleicht hat sich das Schicksal ja nur deine Mutter genommen, weil deine hübschen Beine einfach zu schnell waren? Dieses Etwas gab mir die Schuld am Tod meiner Mutter? Ich schüttelte energisch den Kopf. Ich hatte meinen Verfolger noch nicht einmal gesehen. Ich hatte nur etwas gehört. Inzwischen war ich mir auch gar nicht mehr so sicher, ob es überhaupt dieser elegante Herr war, den ich auf dem Dorfplatz gesehen habe. Einbildung? Ja... Das war es wohl. Nichts als Einbildung. Oder doch... Mit einem weiteren Kopfschütteln brachte ich meine innere Stimme zum Schweigen und schrieb diesen ‚Verfolger’ meiner Fantasie zu. Ich drehte mich wieder um, wandte den Blick vom Dorf ab und ging weiter meines Weges.

An die Berge schloss sich eine ausgedehnte Moorlandschaft an, die sich fast friedlich wirkend in die flachen Täler legte. Einige wenige Bäume neigten ihre knorrigen Kronen über das versumpfte Grasland und da es Nacht war, zeigten sich auch einige Tiere. Eine Eule flog lautlos über meinen Kopf hinweg. Ich schien ihr wohl keine passende Beute zu sein. Man sah ihr an, dass ihr scharfer Blick jeden Winkel nach Kleingetier absuchte. Das friedliche Bild täuschte. Auch hier gab es Jäger und Gejagte, wie überall. Ich erblickte tatsächlich einen Fuchs. Ein sehr seltener Jäger, in diesem Teil des Landes. Er präsentierte sein Opfer stolz und lief mit federnden Schritten quer über den dürftig befestigen Weg. Ich blieb stehen und sah ihm nach.
Es war doch verwunderlich. Die Menschen hier lebten eng an der Natur. Deshalb hatten die Tiere allenfalls Respekt, doch keine Angst vor Menschen. Wieder sah ich zurück. Das Dorf lag immer noch im Tal unter mir. Immer noch still und als wäre dieser Ort der Inbegriff von harmonischem Leben. Doch das war er nicht. Vielleicht war es doch besser für die Tiere, wenn sie etwas Angst gehabt hätten. Immerhin verbrannten die Menschen, die hier lebten ihresgleichen bei lebendigem Leibe. Konnte so etwas denn verantwortbar sein? Ich traute meinen eigenen Gedanken kaum, aber lautete nicht eines der Gebote „Du sollst nicht töten“? Ich konnte mir leider keine Bibel nehmen und nachsehen. Mir fehlte es leider an der Fähigkeit, lesen zu können. Ich verstand es nicht so recht. Ich glaubte eigentlich nicht an Magie. Ich konnte mich lediglich in die Menschen hineinversetzen und nachvollziehen, worin sie Magie sahen. Aber wenn es keine Magie gab, waren es dann nicht Unschuldige, die auf den Scheiterhaufen brannten? War es dann nicht ein Verstoß gegen eben jenes Gebot?
Meine eigenen Gedanken verwirrten mich zusehends, weshalb ich aufgab und mich anderen Dingen zuwandte. Mein Blick streifte einen dürren Baum, dessen Äste einen skurrilen Schatten aus dem Mondlicht heraus auf einen alten, wohl schon steinharten Baumstamm warfen. Ich blieb stehen, denn ich sah eine Bewegung im Schatten. Kaum sichtbar und durch das düstere Mondlicht nur schemenhaft zu erkennen. Mich bemühend, leise zu sein, verließ ich den Weg und schlich ein wenig näher. Dort auf dem Baumstamm hockte eine Wildkatze. Sie lauerte, was mich dazu veranlasste, noch leiser zu sein. Jeder Muskel, jede Sehne des grazilen Körpers war gespannt, was man noch unter dem dichten Fell gut sehen konnte. Ich folgte dem Blick des Raubtieres und erblickte ein Eichhörnchen. Ich stand wie versteinert und beobachtete fasziniert, wie die Natur ihren Kreislauf von Leben und Tod schloss.

Ein haarsträubendes Fauchen zerfetzte die Stille, was mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Wäre ich an der Stelle des Beutetieres gewesen, hätte ich wohl keinen Muskel bewegen können, doch es reagierte instinktiv und reflexartig. Mit einem aufgeregten Laut jagte es davon, doch die Katze setze ihm sofort nach. Ich empfand das Fauchen der Katze als Fehler, doch nun hatte ich den Eindruck, dass es ihre volle Absicht gewesen war, das Eichhörnchen aufzuscheuchen. Sie genoss die Angst ihres Opfers und die Macht, die sie über es hatte. Das Tierchen hatte keine Chance, der Katze zu entkommen, doch es raste immer weiter durch das Buschwerk, wobei es die Katze in einem großen Kreis um mich herum führte. Ein merkwürdiges Verhalten, doch ich nahm an, das Eichhörnchen sah keine Chance darin, sich auf einen Baum zu retten. Ich drehte mich langsam um meine eigene Achse, während ich dem Schauspiel zusah. Das Raubtier holte mühelos ein Stück auf und ich hörte ein angstvolles Quieken, bevor die Katze sich wieder zurückfallen ließ. Sie hatte ihre Krallen in ihr Opfer geschlagen, es jedoch wieder laufen lassen. Die Freude an ihrem Spiel war ihr anzusehen.
Ich hatte aufgehört, die Runden zu zählen, die sie um mich drehten, jedoch stieg allmählig ein leichtes Schwindelgefühl in mir auf. Scheinbar wurde weder das Eichhörnchen, noch die Katze müde. Immer wieder verpasste sie dem ängstlichen Nervenbündel, zu dem ihr Opfer inzwischen geworden war, Krallenhiebe, um es weiter anzutreiben und immer wieder gab das kleine Tier die erwartete Reaktion.
Mir fiel nun, nachdem schier eine Ewigkeit vergangen war, es waren wohl doch nicht mehr als ein paar Minuten, auf, dass das grausame Spiel an Tempo verlor und schließlich setzte die Jägerin zum entscheidenden Sprung an.
Ich hörte ein hässliches Knacken, als sie ihre Zähne unbarmherzig in das Fleisch ihres Opfers schlug; mit solcher Gewalt, dass sie ihm dabei das Genick brach und ihm sofort das Leben aushauchte.
Mit der Beute im Maul drehte sich ihr Kopf langsam in meine Richtung. Mit einem durchdringenden Blick starrte sie mich an und ich sah etwas in ihren Augen. Doch das konnte nicht sein. Dieser fesselnde Blick besaß eine seltsame... Intelligenz...
28.2.06 21:44


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