Verborgene Gedanken

Kapitel 8

Meine Zähne gruben sich in das Genick der vor Angst zitternden, völlig gelähmten Kreatur. Ihr Schweiß stank nach dieser Angst und würzte meinen Genuss. Blut benetzte meine Zunge und selbst als reines Bewusstsein im Körper dieses Tieres empfand ich den prickelnden Rausch und automatisch wollte ich mich ihm hingeben, jedoch entließ ich die Wildkatze dadurch aus meiner Kontrolle und diese biss einfach zu, brach dem Eichhörnchen das Genick mit einem lauten Knacken und beendete dieses kleine Jagdvergnügen viel zu abrupt. Leicht verärgert  drängte ich das animalische Bewusstsein wieder zurück, aber wozu? Die Katze hatte ihre Mahlzeit verdient und ich hatte meinen Spaß gehabt. Ich sollte mich wieder in meinen Körper zurückziehen.
Ich drehte den gelenkigen Kopf um noch einmal die Fähigkeiten von Katzenaugen in der Dunkelheit auf mich wirken zu lassen. Die Muskeln der Iris hatten den senkrechten Schlitz der Pupillen zu einem runden schwarzen Loch auseinander gezogen um auch das geringste Sternenlicht zu schlucken, die zelluläre Auskleidung der Netzhaut reflektierte und bündelte das Licht, was die Sehfähigkeit noch einmal verstärkte. Diese letzte Eigenschaft führte zu dem phosphorisierenden Effekt, der Katzenaugen im Dunkeln leuchten lässt, weshalb die einfachen Menschen sie oft für Geschöpfe des Teufels hielten.
Ich konnte sehen, als wäre es taghell, denn der Mond stand leuchtend am fast wolkenlosen Himmel und sein silbernes Licht reichte diesen Augen völlig, um jede Einzelheit in der Umgebung auszumachen.
So blieb mir auch die weibliche Gestalt nicht verborgen, die in der Nähe des umgestürzten Baumes stand und mich wohl die ganze Zeit beobachtet hatte. Ich wunderte mich darüber, dass sie mir nicht schon früher aufgefallen war, denn die feinen Ohren dieses perfekten Jägers hätten ihre Annährung wahrnehmen müssen. Aber vielleicht war sie schon da gewesen, als ich das Bewusstsein der Katze übernahm und mich in die Jagd stürzte. Möglich dass die Katze sie vorher gehört hatte, aber deren Empfindungen interessierten mich nicht und ich hatte sie nicht überprüft. Wie auch immer; sollte ich mir noch eine vampirische Mahlzeit gönnen? Das Angebot war verlockend. Eine Frau... ganz allein... schutzlos... viel zu weit weg vom Dorf, um mir noch zu entkommen... Ich grinste innerlich ein grausames Lächeln. Was für ein guter Tag. Ich war geneigt über die Stränge zu schlagen und meine Gier zu mästen.
Ein Sprung ins Gebüsch brachte mich mit Sicherheit aus dem Blickfeld der Frau. Das Eichhörnchen ließ ich fallen. Sollte die Katze sehen, wie sie es später wieder fand. Ich schloss die Lider so weit es ging, um mich nicht durch die reflektierenden Augen zu verraten. Mutwillig beschlich ich mein Opfer als Katze, um es zu betrachten, war wenige Sekunden später so dicht bei ihm, dass ich es hätte anspringen können, ohne dass sie mich bemerkte und unterdrückte mühsam ein Fauchen, welches meine Überraschung beinahe ausgelöst hätte. Ein gesträubtes Fell und einen monströs aufgebauschten Schweif konnte ich aber nicht verhindern: SIE stand vor mir... Ramona... Nein, nicht Ramona; ihre jüngere Ausgabe. Welch ein unglaublicher Zufall. Wie kam sie ausgerechnet hierher? Was hatte sie dazu getrieben, mir praktisch zu folgen?
Ich schob diese Gedanken unwirsch beiseite. Sie waren nicht von Bedeutung. Das Ziel meiner jüngsten Pläne stand vor mir und ich gedachte, diese Chance zu nutzen. Ich ließ die Katze ein paar Sätze Abstand zu dem Mädchen nehmen und löste mich dann von ihr, so sanft es mir möglich war, um das Tier nicht in Angst zu versetzen. Nicht dass es mir darauf ankam, die Katze zu schonen, aber ich wollte das Mädchen nicht erschrecken. Noch nicht. Vielleicht später. Vielleicht gar nicht, denn ich wollte ja ihr Vertrauen gewinnen.
Ich schlug die Augen auf, tastete über das Moosbett, auf dem ich lag und erhob mich vorsichtig, den Blick sofort auf sie gerichtet. Wie sollte ich ihr begegnen? Einfach auf sie zu…? Nein… das hätte mit Sicherheit ihr Misstrauen geweckt. Ich verschwand lautlos hinter ihr auf dem Weg nach Callandar, den sie für den Rückweg benutzen würde, lehnte mich dort an einen Baum und wartete einfach auf ihr Auftauchen. Wie ein nächtlicher Spaziergänger, der eine kleine Pause machte, um die in silbernes Licht getauchte Landschaft auf sich wirken zu lassen.
Ich brauchte nicht lange zu warten. Auch die Augen eines Vampirs sind bei Dämmerlicht nicht zu unterschätzen. Doch bevor ich sie sah, hörte ich ihre leichten Schritte, die von dem weichen Untergrund sogar gedämpft wurden. Ich ließ sie kommen, bewegte, als sie recht Nahe war sogar meinen Arm, um meinen eleganten Hut etwas in den Nacken zu schieben. Sie bemerkte es nicht. Sie war im Begriff, einfach an mir vorbeizulaufen, als ich mich von dem Baum löste und einen Schritt auf sie zu machte. Nun erschrak sie natürlich doch. Leicht verärgert erinnerte ich mich an die schwach ausgestatteten Sinne des Schlachtviehs. Ihre unzulänglichen Augen hatten mich in dem Zwielicht nicht von dem Baum unterscheiden können. Aber in ihrem Blick lag nicht nur bloßes Erschrecken.  Auch ein Funken Überraschung lag darin, so als würde sie mich erkennen, aber das konnte ich mir nicht vorstellen. Wahrscheinlich interpretierte ich einfach zuviel in diese primitive Seele hinein. Ich reagierte einfach so schnell wie möglich, um ihr die Angst zu nehmen und sprach sie an:  „Verzeiht, kleine Lady, ich wollte Euch nicht erschrecken. Ich dachte, Ihr hättet mich gesehen. Was treibt Euch in der Nacht noch in die dunklen Highlands? Noch dazu allein? Ich hätte nicht erwartet, noch jemandem zu begegnen.“ Ich schenkte ihr ein warmes, Vertrauen erweckendes Lächeln bei diesen Worten und hoffte, sie würde sich schnell beruhigen, denn ihr reizender Brustkorb hob und senkte sich recht schnell durch die Aufregung, die sie wohl empfand. Dementsprechend fiel auch ihre Antwort recht knapp aus. „Ich bin keine Lady…“, stieß sie hervor und starrte mich dabei immer noch wie eine Erscheinung an. Innerlich schmunzelnd überlegte ich mir meine nächsten Worte. Allerdings nahm ich mir durch ihre ersten etwas vor. Ich werde eine Lady aus Dir machen meine Süße, ob Du willst oder nicht, dachte ich bei mir.
Ich ließ ihr einfach keine Zeit, lange nachzudenken und bot ihr meinen Arm. „Bitte macht mir das Vergnügen, Euch nach Hause begleiten zu dürfen. Die späte Stunde verpflichtet mich geradezu, Euch nicht alleine gehen zu lassen. Mein Name ist Dorian Hawkins“, ich lüftete kurz meinen Hut, „und ich bin für ein paar Wochen geschäftlich in Callandar. Ich besitze hier ein kleines Stadthaus.“
Sie hängte sich fast automatisch bei mir ein, ohne ihre weit aufgerissenen grünen Augen von meinen zu lösen, schüttelte dann den Kopf, wie um sich selbst zur Ordnung zu rufen, nickte danach aber sofort wieder, wohl damit ich das Kopfschütteln nicht als Ablehnung auffasste. Danach folgte eine schweigende Musterung meiner Person, deren Ergebnis wohl nicht zu meinen Ungunsten ausfiel, wie ich innerlich schmunzelnd an ihrer Mimik ablas. Natürlich ließ ich mir von meinem Amüsement nichts anmerken. Ich machte ein besorgtes Gesicht um einen möglichst wohlwollenden Ausdruck bemüht.
Schließlich nickte sie bestätigend und wir setzten uns in Bewegung, schritten nebeneinander auf das Dorf zu. Anscheinend hatte ich sie überrumpelt und mit meinem Gerede genug abgelenkt um ihr die Angst zu nehmen. Nach meinen ersten Sätzen ging ich ein paar Schritte schweigend neben ihr her, abwartend ob auch sie etwas von sich erzählen würde. Dabei genoss ich die Nähe dieses schönen Mädchens, betrachtete verstohlen ihre feinen Züge, ihr ebenholzfarbenes langes Haar, in dem der Wind spielte und konnte mir auch einen Blick in ihr wogendes Dekolleté nicht verkneifen. Auch ihr Geruch, der meine Nase kitzelte, sagte mir außerordentlich zu, aber von ihrer pochenden Schlagader am Hals wandte ich mich schnell ab und richtete meinen Blick mit einem wohligen Schauer wieder nach vorne. Sie war nur einfach gekleidet und überhaupt kein bisschen hergerichtet, aber ich wusste, was ich aus ihr machen konnte. Diese Dorfschönheit würde noch etliche Männerherzen höher schlagen lassen. Aber keiner außer mir würde sie erreichen. Dafür würde ich sorgen. Sie würde allein meinem Vergnügen dienen. Was für ein guter Tag. Ich konnte auf die zweite Mahlzeit leicht verzichten, denn alles lief in meinem Sinne.

Schließlich brach ich das Schweigen, denn so würde ich ihr nicht näher kommen. Ich erzählte ihr, dass ich sehr selten in dieser Gegend weilte, mich meistens in großen Städten aufhielt, wie London, Paris, Rom, Berlin und Moskau, was sie zu faszinieren schien, denn ich sah deutlich, wie ihr Interesse in den schönen Augen erwachte. Mehr als Interesse, ich sah deutliche Sehnsucht in ihrem Blick, auch wenn sie immer noch nichts sagte. Mehr musste ich eigentlich nicht herausfinden. Ich wusste nun, worüber ich mit ihr ins Gespräch kommen würde und ich wusste auch, dass ich ihre Sehnsucht weiter schüren würde. Um diese Strategie zu testen, erwähnte ich noch, dass ich in wenigen Tagen nach Edinburgh abzureisen gedachte und fand meinen Eindruck in ihren Augen mehr als bestätigt. Sie sollte erkennen, dass ich eine Chance für sie war, all diese Städte zu sehen. Der Rest würde sich praktisch ergeben, ohne dass ich mich groß würde anstrengen müssen.


 Aber sie sollte nun selbst mal etwas sagen. Nicht dass mich ihr Leben in diesem abgelegenen Dorf oder ihre Familie wirklich interessiert hätten, aber  einer persönlichen Frage würde sie nicht ausweichen können und so wandte ich mich ihr zu und fragte: „Verratet ihr mir Euren Namen, kleine Lady? Vielleicht kenne ich Eure Familie. Und wo ist Euer Zuhause in Callandar?“
18.3.06 20:12


Kapitel 9

Ein Schwall von Worten prasselte auf mich nieder. Ich hatte immer angenommen, die Klatschweiber könnten in ihrem Redefluss nicht mehr überboten werden. Aber wahrscheinlich übertrieb ich mit meinen Gedanken. Es war recht selten, dass viele Worte den Weg über meine Lippen fanden. Dementsprechend selten wurde auch mit mir gesprochen. Ich lauschte den Erzählungen des jungen Mannes, doch es drang nur das Wichtigste zu mir durch. Er erwähnte Städte, deren Namen ich teilweise noch nie gehört hatte, doch es klang faszinierend, wundervoll und vor allem klang es nach der großen Welt, die ich schon immer sehen wollte. Er erweckte das Fernweh in mir, welches schon so lange vor sich hin schlummerte. Zweifelsfrei waren seine Ausführungen höchst interessant und ich schalt mich innerlich für meine Unaufmerksamkeiten, doch ich war ein wenig abgelenkt…
Du solltest ihm nicht trauen... Er war einfach so aufgetaucht... Sah das nicht irgendwie geplant aus? Nein... Den Eindruck hatte ich nicht gehabt. Er hat dich doch verfolgt! Hatte ich nicht schon geklärt, dass meine Fantasie mir dort einen Streich gespielt hatte? Das glaubst du doch selbst…-
Mit einem Ruck holte er mich aus meinen Gedanken, als er mir plötzlich eine direkte Frage stellte. Seine angenehme Stimme veranlasste mich nun endgültig dazu, meine Gedanken zu verscheuchen. So rang ich mich doch dazu durch, ihm zu antworten.
Aber…- Still jetzt! Ich hatte Mühe, die Worte nicht mit einem Zischen tatsächlich auszusprechen.
„Ich wohne nicht sehr weit von Dorfplatz entfernt…“ Mehr wagte ich dazu nicht zu sagen. Wenn es wirklich er war, dem dieses prachtvolle Haus, es gab nur ein Stadthaus in Callandar, gehörte, so würden ihn die ärmlichen Verhältnisse, in denen ich lebte, wohl weniger interessieren. Aber nicht nur deswegen verschwieg ich meinen vollständigen Namen: „Man nennt mich Katrina…“ Er hakte nicht nach; fragte nicht nach dem weiteren Namen, was mich doch verwunderte. Stattdessen sah er mich aus warmen Augen an. „Ein sehr schöner Name… Katrina…“ Er deutete eine leichte Verbeugung an. Ich lächelte, doch ich hielt seinem Blick nicht stand und sah auf das dunkel daliegende Dorf hinab. „…und ich bin keine Lady…“, fügte ich noch einmal leise hinzu. Ich sah aus den Augenwinkeln heraus, dass er nickte und ich glaubte auch, ein leicht amüsiertes Lächeln zu erkennen.
Er macht sich über dich lustig. Ich konnte ihm sein Lächeln nicht verübeln. Schließlich benahm ich mich doch irgendwo wie eine zu groß geratene Bauerngöre. Die entstandene Stille erinnerte mich daran, was mich in meinem Elternhaus erwarten würde. Ich schauderte, doch ich unterdrückte den aufkommenden Schmerz. Scheinbar war dieser Versuch nicht sehr überzeugend, denn er fragte mich noch einmal, warum ich um diese Zeit außerhalb des Dorfes herumstreifte.
Du solltest es ihm nicht sagen. Das macht dich angreifbar… Entgegen jede Vernunft schrie etwas in mir förmlich danach, den Schmerz einfach herauszulassen. Ich blieb stehen; sah ihn immer noch nicht an. „Meine Mutter… Sie… wurde ermordet…“ Ich erlaubte mir weiterhin nicht, ihn anzusehen. Ich wollte ihn damit nicht belästigen, doch es drängte sich aus mir heraus, doch auch eine gewisse Angst mischte sich hinein, welche sich auch sofort in meiner von Schluchzen durchbrochenen Stimme niederschlug: „Ich werde für meinen Vater das Haus halten müssen… ich… ich…“ Mir versagte endgültig die Stimme, denn die Gewissheit, dass ich wohl tatsächlich nie mehr von hier fortkommen würde, traf mich wie ein Schlag ins Gesicht.
Ich spürte seine Hand auf meiner Schulter. Wohlige Wärme ging von dieser aus. Mit dieser Geste brachte er mir eine Geborgenheit entgegen, die ich so nicht kannte. Ein Sturm brach in mir los und fegte jede Vorsicht davon… So fand ich mich leise weinend in seinen Armen wieder. Ich verlor jedes Zeitgefühl und wusste nicht, wie lange ich all der Angst und dem Schmerz in Tränen Ausdruck verlieh und wie lange wir so dastanden. Er sprach kein Wort. Stattdessen drückte er mich an sich und strich sanft über mein Haar und meinen Rücken. Dies gab mir mehr, als es irgendein Wort des Trostes je gekonnt hätte…
Was tust du da eigentlich? Ich wollte mich nicht von ihm lösen. Ich wollte bei ihm bleiben… Du kannst ihm nicht trauen! Nur widerwillig löste ich mich doch von ihm. Was war nur in mich gefahren? Was hatte ich mir da erlaubt? „Ver… Verzeiht…“ Ich spürte, wie das Blut in mein Gesicht schoss. Mein nunmehr unruhiger Blick huschte zum Dorf. „Ich… Ich… Verzeiht!“, wiederholte ich noch einmal. Er hatte gar keine Zeit zu antworten, denn ich wirbelte herum und fast schon fluchtartig stolperte ich in Richtung Dorf davon. Ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn einfach stehen ließ, hatte ich nicht. Merkwürdigerweise war mir dies vollkommen gleich. Meine Gedanken schossen nur in ungeordneten Bahnen durch meinen Kopf. Ich hatte ihm vertraut. All mein misstrauen war in jenem Moment einer grenzenlosen Vertrautheit gewichen. Ebenso kannte meine Verwirrung nun kein Ende. Ich erreichte, nun beinahe in einen Laufschritt gefallen, das Dorf und bog prompt in eine falsche Gasse ein. Fahrig machte ich kehrt, blieb jedoch stehen um mich zu orientieren.
Der Horizont erhellte sich langsam. Die Nacht begann, den Platz für den Tag zu räumen und trieb den Mond vor sich her, der sich allmählig dem Ende seiner Bahn zuneigte. Ich war müde, denn wahrlich war mir nicht viel Schlaf gegönnt worden. Kopfschüttelnd rief ich mich zur Ordnung. Eine Frau, die vor dem ersten Hahnenschrei allein in den dunklen Gassen eines mittelgroßen Dorfes herumstreifte, fiel auf… und lebte nicht ungefährlich, wenn die Trunkenbolde aus ihrem Rauschschlaf erwachten. Meine Beine trugen mich fast von allein auf den richtigen Weg zurück, während meine Gedanken sich nun klar und einen Punkt drehten: um ihn. Doch warum konnte ich nicht sagen. Warum beschäftigte er mich so? Er war doch nur… Ein Mann. Was? Du bist 25 Jahre alt; eine hübsche und junge Frau. Und er ist ein unglaublich attraktiver und viel gereister Mann… Natürlich war nicht abzustreiten, dass er einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hatte und diese Nähe, die ich zugelassen hatte, war erschreckend. Nicht nur, weil sie von mir ausging. Ich wusste nicht, was es gewesen war, doch etwas hatte sich in mir geregt. Während ich darüber nachdachte, bemerkte ich nicht, wie meine Beine wie von selbst stehen geblieben waren. Erst als ich blinzelnd aufsah, registrierte ich, dass ich vor dem Haus meiner Eltern stand. Den kleinen Hinterhof mit einigen Tieren verbarg die Fassade des für unsere Verhältnisse doch recht großen Hauses. Mein Vater hatte es geerbt. Nur aus diesem Grund konnten wir es uns leisten. Wenngleich das niedrige, jedoch zweistöckige Haus recht verfallen aussah und in einem ebenso heruntergekommenen Teil des Dorfes stand. Überall bröckelte der Putz und an einigen Stellen lugten Lehm und Stroh aus der Wand hervor.
Ich nahm den Blick von der maroden Fassade und trat schließlich ins Haus. Es war vollkommen still. Meine Mutter war nicht mehr dort, wo ich sie zuletzt gesehen hatte. Das hieß, ihre Leiche war nicht mehr dort. Auch mein Vater schien nicht mehr da zu sein. Wahrscheinlich hatte er das Grundstück verlassen. Suchte sein Heil in der Kirche oder versuchte auf ähnlichen Wegen, seiner Trauer Luft zu machen...
24.3.06 22:29



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