Verborgene Gedanken

Kapitel 10

Hauchzarter Morgendunst umwehte ihre schlanke Gestalt vor dem Hintergrund des kleinen Dorfes wie ein Schleier. Sie verschwand mit hastigen Schritten und leicht wehendem schwarzen Haarschopf. Ein durchaus hübscher Anblick, trotz des undamenhaften Abgangs. Nein, sie war keine Lady. Ihre Erziehung war die eines einfachen Bauernmädchens, aber das würde sich ändern lassen. Ich war immer noch Überrascht von dem Verlauf unserer ersten Begegnung. Ich hatte zwar keine großen Schwierigkeiten erwartet, aber dass es so einfach sein würde gleich beim ersten Mal eine solche Vertrautheit herzustellen war eine Überraschung - ganz besonders deshalb, weil sie und nicht ich diese ganz spontan hergestellt hatte. 

Nunja - letztlich war ich dafür doch selbst verantwortlich gewesen. Ich hatte ihre Mutter getötet und das machte mich zutiefst misstrauisch, denn ich glaubte nicht an Zufälle. Der bisherige Verlauf unserer Bekanntschaft machte plötzlich den Eindruck auf mich, als wäre er von außen gesteuert, als wäre der Verlauf unausweichlich und schicksalhaft. Verlor ich die Kontrolle über das Geschehen? Waren andere Mächte die Spieler und ich nur eine Schachfigur? Das konnte ich auf keinen Fall akzeptieren und ich brauchte eine Weile um mich von diesem Gedanken zu befreien, denn er war zu abwegig. Nein, ich war der Regisseur und bestimmte den Verlauf des Schauspiels. Ich machte eine Ausnahme und ließ den Zufall gelten. Schließlich hatte ich sie bis zur Haustür verfolgt. Es war durchaus nicht unwahrscheinlich, dabei ihrer Mutter zu begegnen.

Aber ein unangenehmes Gefühl blieb doch. Meine Tat half mir beträchtlich, meine Pläne zu verwirklichen und das passte einfach zu gut. Unwillig schob ich die störenden Gedanken endgültig beiseite und beschäftigte mich mit dem Naheliegenden. Der Vater stand meinen Plänen noch im Weg. Dass Katrina nach dem Tod ihrer Mutter für ihn da sein wollte, war verständlich. Es war die Pflicht einer guten Tochter das zu tun. Aber dieses Hindernis ließ sich leicht beseitigen. Ich war sicher, mir würde etwas einfallen. Sie hatte mir ihren Familiennamen nicht verraten. Ich erkannte, dass es ein Fehler gewesen war, hier nicht nachzuhaken aber ich konnte auch nicht mit ihrem plötzlichen Verschwinden rechnen. Möglich dass sie sich darüber gewundert hatte, aber ich hielt es für nicht sehr wahrscheinlich und es war auch belanglos, denn ich kannte ihren Nachnamen längst von dem Schild an ihrer Haustür - Colm.

Sie war längst verschwunden als ich mich soweit gefasst hatte, dass ich ihrem Weg folgte, während die Welt um mich herum zu erwachen begann und die Vögel den heraufziehenden Morgen begrüßten. Die Landschaft der Highlands gewann an Kontur wie die niedergedrückten Häuser, auf die ich zuging. Ich ließ die Schönheit  dieser Morgenstunde beiläufig auf mich wirken, denn neue Pläne schmiedend waren meine Gedanken beschäftigt, aber nicht genug um meine Umgebung zu vernachlässigen, denn das Bewusstsein eines Jägers ist dafür zu wach und aufmerksam. Der Himmel war klar wie die kühle Luft. Es würde ein sonniger Tag werden. Nicht heiß, denn dazu war das Jahr noch nicht weit genug fortgeschritten. Außerdem konnte sich das im April leicht ändern.

Sonnenlicht war mir unangenehm. Es störte meine empfindlichen Augen und brannte auf meiner Haut, weshalb ich einen breitkrempigen Hut und Handschuhe zu tragen pflegte, wenn ich tagsüber unterwegs war. Nicht dass es mir direkt schadete. Das war nur der Fall, wenn meine Haut dem Licht schutzlos und über mehrere Stunden ausgesetzt war. Dann begann ein beschleunigter Verfall. Eine Austrocknung und Alterung im Zeitraffer, die mich einer galoppierenden Vergreisung anheim fallen ließ und mich bis zur völligen Hilflosigkeit schwächen konnte. Aber dagegen wusste ich mich zu schützen. Die Kindermärchen von Vampiren, die im Sonnenlicht verbrannten mochte das Schlachtvieh glauben. Zum Glück wissen sie nicht, wie sehr wir ihnen überlegen sind. Wir jagen sie wann immer es uns passt und wir schlafen auch nicht in Särgen, Höhlen oder Katakomben.

Jedenfalls ich nicht. Ich zog einen gepflegten Lebensstil vor. Es mochte allerdings niedere Kreaturen unseres Schlages geben, die sich zu diesen Orten hingezogen fühlten. Dies würde sicher von dem jeweiligen Vampir abhängen, durch den man selbst einer wurde. Ich lachte mit einem leicht arroganten Ausdruck, denn ich war durchaus zufrieden, mit den Kräften, die ich durch Ramona empfangen hatte und die es mir ermöglichten, ein fast normales Leben unter denen zu führen die mich nährten.

Das Dorf erwachte endgültig aus seinem Schlaf. Die Hähne begannen ihren morgendlichen Terror und da ich nicht auffallen wollte, hüllte ich mich in meine Deflektorfähigkeit. Meine Umrisse verschwammen und ich wurde für menschliche Augen unsichtbar. Ohne viel Zeit zu verlieren erreichte ich mein Domizil in Callandar. Eines meiner bescheideneren in den vielen Städten, in denen ich eines besaß. Es hatte nur zwei volle Stockwerke und ein spitzgiebeliges Dachgeschoss, welches noch von einem kleinen, runden Turm überragt wurde, der sich an die hintere Seite des Hauses schmiegte.

Das Grundstück war von einer niedrigen Granitmauer umgeben, deren oberer Rand ein schmiedeisernes Gitter säumte, in welches kunstvoll stählerne Rosen eingehämmert waren. Die Spitzen des Gitters waren messerscharf geschliffen und ragten mehr als sechs Fuß in die Höhe. Ich öffnete das komplizierte Schloss des ebenfalls stählernen und reichhaltig verzierten Tores und wurde wieder sichtbar. Es schwang lautlos auf und fiel während ich durch die Blumenrabatte des Vorgartens ging fast unhörbar von selbst wieder zu. Das Hausmeisterehepaar, welches ich hier umsonst wohnen ließ und zusätzlich bezahlte, wusste was es mir schuldig war und hielt die Anlage tadellos in Schuss.
Ich nahm die drei Stufen mutwillig mit einem Satz, passierte die beiden griechischen Säulen, welche das Vordach trugen und öffnete die schwere Eichentür aus jahrhundertealtem und daher fast schwarzem, eisenhartem Holz, betrat die zwar kleine aber in italienischem Marmor gehaltene und daher für diesen Ort völlig ausreichende Empfangshalle und hängte Mantel und Hut in die Garderobe. Bevor ich die geschwungene Freitreppe zu meinen oben liegenden Räumen betrat, betätigte ich die Klingel um den Hausmeister zu mir zu rufen, denn ich brauchte ein paar Informationen, die ich versäumt hatte, bei Katrina zu erfragen. Aber wozu hat man Dienstboten?

Der Hausmeister, erschien wenige Augenblicke später. Ein Mann, der seine besten Jahre schon hinter sich hatte. Er war aber immer noch eine stattliche Erscheinung. Groß, schlank und bestens ausgebildet. Eine verarmte schottische Adelsfamilie konnte sich keine Dienstboten mehr leisten und so nahm ich ihn und seine Frau bei mir auf, bezahlte ihn besser als vorher und konnte mir seiner Dankbarkeit und Diskretion gewiss sein. Er verbeugte sich knapp und nahm schweigend meine Wünsche entgegen.


 „Gestern wurde eine Frau ermordet, Mac Caine. Ich möchte wissen, wer sie war. Ihren Namen, wer zu ihrer Familie gehört, wo sie wohnte und wovon die Familie lebt. Auch wann das Begräbnis stattfindet. Vielleicht lasse ich den armen Hinterbliebenen etwas zukommen.“ Ich winkte und genauso diskret wie er erschienen war, zog er sich zurück. Bis zum Nachmittag würde ich alles wissen, was ich noch wissen musste und konnte mich dann daran machen das Ableben von Katrinas Vater zu inszenieren. Von einem weiteren Mord in dieser Familie wollte ich absehen. Es würde zu viel Staub aufwirbeln. Ein kleiner bedauerlicher Unfall würde genügen….
Vorerst konnte ich nichts mehr tun und so zog ich mich in meine Zimmerflucht zurück. Im Dämmerlicht hinter geschlossenen Vorhängen genoss ich die angenehme Stille, die mich umgab, gönnte meinem Körper ein paar Stunden Ruhe auf der Couch des Salons, während ich meinen ruhelosen Geist von ihm löste und mich damit beschäftigte in den Körper einer Ratte zu wechseln, die ich hinter der Wand des Kamins gehört hatte, um die dunkeln Instinkte und Sinneseindrücke dieses hässlichen Tieres auf mich wirken zu lassen…

20.4.06 21:48



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