Verborgene Gedanken

Kapitel 11

Wie ich schon erwartet hatte, konnte ich kaum schlafen. Ich warf mich von einer Seite auf die andere und wenn ich doch einmal in einen leichten Dämmerzustand verfiel, schreckte ich nach wenigen Minuten aus grässlichen Träumen hoch. Ich gab es schließlich auf, setzte mich an den Rand meines Bettes, dessen Matratze ein unbequemer Strohsack darstellte, und stützte den Kopf in die Hände, wobei sich meine knochigen Ellbogen etwas schmerzhaft in meine Oberschenkel bohrten. Es war mir egal. Vielleicht sagte mir dieser Schmerz ja auch, dass ich noch nicht völlig den Verstand verloren hatte und ich ließ ihn deswegen einfach zu? Auch die Antwort auf diese Frage war mir völlig gleich. Ich saß sehr lange so da, während das Sonnenlicht langsam durch das Fenster in mein Zimmer kroch und es in ein warmes Orangerot tauchte. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so müde gewesen zu sein und trotzdem kreisten meine Gedanken unaufhörlich ihre Bahnen um diesen Mann, was mich nur noch mehr ermüdete. Ich wollte nicht über ihn nachdenken. Ich wollte auch nicht über meine Mutter oder meine Zukunft nachdenken. Ich wollte einfach nur in einen erlösenden Schlaf fallen und wenigstens für ein paar Stunden all das vergessen, was mich umgab und mir Sorgen bereitete. Doch es wurde mir nicht gegönnt und ich versuchte es auch nicht weiter. Nach schier endloser Zeit hob ich den Kopf von den Händen und sah durch die wirren schwarzen Strähnen, die mir im Gesicht hingen, zum Fenster hinüber. Das Orangerot hatte sich aufgehellt und auch die Hähne im Dorf haben ihre unerträglichen Begrüßungsschreie an die Sonne zum Ende kommen lassen. Ich stand auf. Langsam, denn ein leichtes Schwindelgefühl hatte sich in meinen Kopf geschlichen. Mit trägen Bewegungen streifte ich mein Kleid über und trat ans Fenster. Reges Treiben herrschte unten auf der Straße. Die Frauen begaben sich zum Dorfbrunnen, um Wasser zu holen. Sie trugen große hölzerne Eimer mit sich und unterhielten sich auf ihrem Weg unablässig.
„Katrina! Verschlafenes Weibsbild!“
Ich zuckte heftig zusammen, als die herrische Stimme meines Bruders durch das Haus schallte. Irritiert trat ich zur Tür und lugte die Treppe hinunter. Da stand er. Schon so früh am Morgen waren seine Hände über und über mit Erde bedeckt und sein braunes Haar hing ihm wirr und ungeordnet in die Augen. Ein durchaus hübscher Anblick, doch offenbar hatte er vor dem Frühstück schon die Pferde auf dem Feld umher gescheucht. Mir taten die Tiere leid. Dass Rajo vor Hunger der Magen knurrte, rang mir jedoch umso weniger Mitleid ab.
„Faules Stück! Warum hast du noch kein Wasser geholt? Und warum ist der Ofen kalt? Vor allem: Warum gibt es hier noch kein Essen? Glaubst du, du kannst hier immer noch faul sein, nachdem Mutter nun nicht mehr ist? Los! Scher dich endlich!“
Was bildete er sich eigentlich ein? Leicht geschockt blinzelte ich zu ihm hinunter und konnte nicht so recht fassen, was ich da gerade gehört hatte. Es widerstrebte mir eindeutig, den Forderungen meines Bruders nachzukommen. Es war, als würde ich meine nun nicht mehr abänderbare Zukunft endgültig anerkennen, wenn ich Rajo folgen würde. Aber ich wollte es nicht. Natürlich hatte ich schon zuvor meiner Mutter geholfen, wo ich nur konnte, doch mein Leben war in meiner freien Zeit, die mir gegönnt war, doch von vielen Überraschungen geprägt. Das war nun vorbei. Von jetzt an würde mein Dasein nur noch aus Arbeit und nichts anderem bestehen.
Rajo deutete eine befehlende Geste an und der aufkommende Protest in mir erlosch schlagartig, da ich doch einsah, dass er Recht hatte. So setzte ich mich in Bewegung, lief die Treppe hinunter und blieb auf der letzten Stufe stehen, als er mir nicht aus dem Weg trat.
„Eile, Katrina. Eile!“
Ich sah ihn verwirrt an, doch er hielt mir nur wortlos zwei große Eimer entgegen, die ich ohne darüber nachzudenken sofort nahm. Nun hatte ich es also wirklich zugelassen…
Auf dem Weg nach draußen erkannte ich meine Schwester, wie sie versuchte ein Feuer zu entzünden.
Ich seufzte und sah zu, wie meine Sehnsucht nach Freiheit einer Resignation wich, die eine merkwürdige Leere in mir hervorrief. Du willst aufgeben? Vielleicht würde sich ja irgendwann die Gelegenheit bieten, die ich nutzen konnte, um von hier fortzukommen? Eine Gelegenheit? Oder ein Mann? Mein Blick richtete sich starr auf das Pflaster vor meinen Füßen, während ich durch die Gassen zum Dorfbrunnen lief. Doch ich verscheuchte meine Gedanken, die sich wieder nur um ein und denselben Punkt drehten, als das Stimmengewirr der Frauen am Brunnen an meine Ohren drang. Ich blieb mit skeptischem Blick, den ich nicht einmal zu verbergen suchte, in sicherer Entfernung stehen. Die Frauen, die sich dort am Seil des Brunnens zu schaffen machten, waren allesamt in eine scheinbar höchst interessante Unterhaltung vertieft. Zaghaft trat ich ein Stück näher und mit einem Mal verstummten sie. Ich vermochte die Blicke, die mich trafen, nicht zu deuten. Mitleid? Oder gar Misstrauen? In der Luft lag eine merkwürdige Spannung. Ich wusste, dass meine Mutter diese Frauen gut kannte. Ich hingegen konnte nur vage sagen, wer sie waren. Da waren zum Beispiel die Frau des Müllers, die Tochter des Wirtes und die Gattin des Schmiedes. Bei den anderen war ich mir nicht sicher, wer sie waren.
Nach einigen Momenten, welche von einer knisternden Stille beherrscht wurden, setzte ein leises Murmeln ein. Ich näherte mich noch einige Schritte und im selben Maße züngelten die Geflüsterfeuer aufgeregter. …und aggressiver? Schließlich ergriff eine der Frauen das Wort: „Gutes Kind…“ Kind? Sie ist kaum älter als du. „…übernimmst du von nun an den Haushalt?“ Ich sah sie schweigend an. Taktgefühl schien ihr ein unbekannter Begriff zu sein.
„…Oder hat sie doch nur ihren Hass auf ihre Familie und dieses Dorf ausgelassen?“ Es war nicht mehr als ein Zischen, doch ich hörte es, als hätte jenes Weib die Worte ihrer Freundin ins Ohr geschrieen und nicht geflüstert. Langsam wandte ich mich ihr zu und sah sie mit einem Stirnrunzeln an. Ich genoss in der Tat keinen guten Ruf im Dorf, doch dass es so weit gehen würde, wäre mir nie eingefallen. Allerdings verstand ich sie in einem gewissen Maße Du bist zurückgezogen, still, in deinem Alter und mit deiner Schönheit noch immer allein... Mein Verhalten ist anders und somit erregt es Misstrauen. Aber ist das ein Grund, dir ein so übertriebenes Gefühl wie Hass nachzusagen? Scheinbar war es ein Fehler, so ein Leben zu führen. Schlagartig wurde mir bewusst, welch wilde Gerüchte im Dorf von Ohr zu Ohr gehen mussten. Meine Mutter war gestorben und ich, ihre sonderbare Tochter, spazierte durch das Dorf und verzog nur mäßig eine Trauermiene. Vielleicht hatten einige der Dorfbewohner sogar gesehen, wie ich letzte Nacht das Dorf verlassen hatte?
„Du brauchst mich gar nicht so verwirrt anzusehen.“, raunte die Frau. Sie war kaum kleiner als ich und maß einen beachtlichen Umfang und als ich sie musterte, fiel mir ein, dass über dieses Weib auch einige Gerüchte im Umlauf waren. Die Männer sollten ihr sehr gewogen sein, doch ich scherte mich wenig darum. Wahrscheinlich hatte sich diese Geschichte auch schon in Luft aufgelöst. Viel wichtiger war in diesem Moment, dass sie sich in meine Richtung bewegte. Wie ein lauerndes Tier sah sie mich an und trat einen Schritt nach dem anderen auf mich zu. Dieser Anblick erinnerte mich an die Wildkatze die ich außerhalb des Dorfes beobachtet hatte, doch ich zwang meine Gedanken, bei der Sache zu bleiben. Ich schwieg beharrlich weiter und bemühte mich, ihren Blick fest zu erwidern, auch wenn ich es inzwischen bereute, meine Eimer nicht an dem kleinen Gebirgsbach gefüllt zu haben, auch wenn der Weg weiter gewesen wäre. Meine Hände schlossen sich fester um die Griffe der Eimer, um ein leichtes Zittern zu verbergen, als sie sich auf wenige Handbreit genähert hat und ihr Blick sich stechend in meine Augen bohrte. „Warst es nicht du, die sich draußen im Moor mit diesem edlen Herren traf?“, fragte sie mit schneidender Stimme und es fiel mir immer schwerer, ihr standzuhalten. Woher weiß sie das? Ich zog es immer noch vor, ihr nicht zu antworten, auch wenn mir eine bissige Entgegnung auf der Zunge lag. Es wäre wohl nicht klug gewesen, sie zurechtzuweisen. Willst du dir das denn wirklich gefallen lassen? Dennoch brodelte eine leise Wut in mir.
„Ich deute dein Schweigen als ein ‚Ja’.“ Sie kam noch ein Stück näher und ich unterdrückte den Impuls zurückzuweichen. Um uns herum war kein Laut zu hören. Die anderen Frauen sahen gespannt zu und allmählig sah ich, worauf es hinauslaufen sollte und in die Wut mischte sich Angst. Angst vor dem, was unweigerlich folgen musste.
„Wie schaffst du es, dich für diesen anspruchsvollen Mann interessant zu machen? Du...“ Sie musterte mich abfällig. „... in deinen abgetragenen Kleidern, mit...“ Ihre Finger schnappten sich eine Strähne meines Haars. „... diesem stumpfen Haar.“ Ihre braunen Augen trafen die meinen. „Und mit diesen verschlagenen Augen.“ Sie ließ mein Haar los, allerdings nicht, ohne unnötigerweise einen Ruck durch es hindurchgehen zu lassen. Mir entfuhr ein schmerzerfülltes Schnauben, was ihr ein Lächeln entlockte, welches vor Genugtuung fast schon triefte. Sie wird doch nicht neidisch sein? Diese Frau, um die sich unzählige Männergeschichten ranken mussten? Auf mich? Neidisch? Natürlich... Und in Wahrheit beneidet sie dich auch um all die Dinge, die sie gerade so verächtlich benannt hat. Meine Angst wuchs und die Wut wurde vollkommen zurückgedrängt. Neid konnte aus Menschen wahre Bestien machen und ich traute ihr durchaus zu, dass die folgenden Worte die schlimmsten sein konnten. Wehr dich endlich! Ich war wie gelähmt. Ich hätte zum Bach gehen sollen. Ich hätte den Brunnen meiden sollen. Meine Verzweiflung stand mir scheinbar ins Gesicht geschrieben, denn ihr Lächeln wurde noch eine Spur hämischer.
„Hast du ihn etwa...“ Sie legte eine theatralische Pause ein und sah achtungheischend in die Runde, bevor sie mich wieder mit ihren Blicken erdolchte. „... verhext?“ Meine Augen weiteten sich. Sie hat es tatsächlich getan. Sie beschuldigte mich der Hexerei und fast alle weiblichen Dorfbewohner haben es gehört. Meine Eimer fielen lärmend zu Boden. Ich sah sie fassungslos an und schüttelte verzweifelt den Kopf, während ich nun doch langsam vor ihr zurückwich.
20.5.06 21:16


Kapitel 12

Scharren.. schnuppern.. hastige Bewegungen dann wieder stilles Verharren und mit zitternden Schnurrhaaren jedes Signal der absolut feindlichen Umwelt wahrnehmend. Hier eine saftige Kakerlake da ein Stück faulendes Obst, ein paar Eier aus einem schlecht gewählten Nest eines Singvogels unter einem Mauervorsprung. Nichts anderes als die nächste Mahlzeit war wichtig. Einzig unterbrochen von den reizenden Düften eines heißen Weibchens, welches schnell besprungen und noch schneller wieder verlassen war. Die einzige Unterbrechung, die der nagende, immer gegenwärtige Hunger zuließ, sich aber sofort zurückmeldete und schmerzhaft intensiv auf seinem Recht beharrte, gestillt zu werden. Da… ein hoher Schrank… es duftete nach Brot… schnelles, hastiges Klettern, die verstaubte Rückwand hinauf... hier... ein kleiner Riss im Holz… Dahinter lag frisches Brot. Die Ratte begann den Riss zu vergrößern. Nagend und kratzend grub sie sich dem duftenden Fraß entgegen und ihr Hunger peitschte sie voran.
Ich zog meinen Geist zurück und schlug die Augen auf, gab mich noch eine Weile dem Nachhall der niederen Instinkte und flüchtigen Freuden des Rattendaseins hin und erhob mich dann. Mein Körper hatte genug geruht und ich ging zum Fenster, um die hohen Vorhänge beiseite zu schieben. Aus zusammengekniffenen Augen musterte ich die Straße und die vereinzelt vorbeiziehenden Bewohner.
Mac Caine erschien hüstelnd in der Tür und ich wandte mich ihm zu, um zu hören, was er erfahren hatte. Die Familie Katrinas war eine Bauernfamilie. Die „verstorbene“ Mutter war nicht mehr im Haus, sondern bereits in der Friedhofskapelle aufgebahrt. Die Beerdigung sollte morgen Nachmittag stattfinden, das Grab war schon ausgehoben. Der gebrochene Ehemann der Frau wachte seit den Nachtstunden am Sarg seiner Frau. Niemand hatte ihn überreden können nach Hause zu gehen. Die Kinder kümmerten sich um Haus und Feld. Ich nickte und ging an meinem Hausmeister vorbei zur Garderobe. Plötzlich hielt ich noch mal an. „Ach ja Mac Cain… nehmen Sie in der Küche das Brot aus dem Schrankfach, reparieren Sie die Rückwand und stellen sie ein paar Rattenfallen auf.“  Mich über Mac Cains entsetzten Blick köstlich amüsierend wandte ich mich wieder zur Garderobe, warf mich in Hut und Mantel und verließ das Haus mit schnellen Schritten. Ich hatte keinen konkreten Plan, aber ein drängendes Gefühl schnell handeln zu müssen trieb mich fort.
Vom Brunnen hörte ich aufgeregte Frauenstimmen, was mich aber nicht kümmerte und neugierigen weiblichen Blicken wollte ich mich schon gar nicht aussetzen. So verschwand ich schnellstens in einen Seitenweg einbiegend und dem Friedhof zustrebend, den ich alsbald erreichte. Im Schatten einer hohen Eiche verschwand ich für menschliche Augen, schwang mich über die niedrige Mauer und stand vor der Kapelle. Ein einfacher länglicher Bau mit spitzem Dach, weiß verputzt und ohne Fenster zum Innenraum. Nur direkt unter dem Dach befanden sich kleine Lichtschächte nach innen. Ich musste die Tür benutzen, um nach innen zu gelangen und das würde den Mann aufmerksam machen.
Grübelnd glitt mein Blick über die ordentlichen Grabreihen, die teils von Natursteinen, teils von schmiedeeisernen oder hölzernen Kreuzen geschmückt waren.
Der Zufall kam mir zu Hilfe oder vielmehr ein natürlicher Drang, dem auch ein trauernder Witwer nachgeben musste. Gebeugt und in sich versunken verließ ein kräftiger Mann die Kapelle und strebte zu einem nahen Gebüsch. Ich nahm die Einladung an und huschte lautlos durch die Eingangstür, die einen Spalt offen stand und ließ sie in genau diese Position wieder zurück gleiten. Schnelle Schritte brachten mich zu dem geöffneten Sarg und einen Moment schaute ich in das bleiche Antlitz meines jüngsten Opfers, ging aber daran vorbei und erklomm über eine schmale Holztreppe eine kleine rundum laufende Brüstung, von der man auf die Sitzreihen und den Sarg blicken konnte. An die Wand gelehnt wurde ich wieder sichtbar, beobachtete, wie der Bauer wieder erschien, sich neben den Sarg stellte und seine tote Frau anstarrte. Kein Zweifel. Es konnte nur ihr Ehemann sein. Katrinas Vater…
Ich erwog ein paar Möglichkeiten, ihn zu töten und konnte mich nicht so recht entschließen, denn es sollte nach einem Selbstmord aussehen. Der kräftige, leicht untersetzte Mann brachte mich selbst auf eine Idee, denn er zog ein recht großes Messer aus seinem Gürtel, setzte sich seufzend in die vorderste Sitzreihe, öffnete eine Umhängetasche und begann Brot und Käse zu verschlingen, welches er mit dem Messer in großen Stücken abschnitt. Ich ließ ihm seine karge Henkersmahlzeit, wartete auch, bis er alles wieder ordentlich verpackt und sich an seinen Platz neben dem Sarg gestellt hatte.
Mit einem Schwung flankte ich über die Brüstung und ging lächelnd auf den Mann zu, der erschrocken herumfuhr. „Ich grüße Euch Mr. Colm. Ich bin zu Euch geeilt, um Euch etwas über den Tod Eurer Frau mitzuteilen. Ich habe auch Eure schöne Tochter Katrina kennen gelernt. Hübsches Ding. Ich werde mich etwas um sie kümmern“
Mein Auftritt, aber wohl mehr meine Worte brachten ihn völlig aus der Fassung. Er starrte mich an wie einen Teufel. Wie Recht der gute Mann doch hat schmunzelte ich in Gedanken, legte freundlich lächelnd eine Hand an seine Schulter, der er mit seinem Blick brav folgte, zog in einer blitzschnellen Bewegung sein Messer aus seinem Gürtel und rammte es ihm ins Herz.
Seine Augen traten fast aus den Höhlen und sein Mund öffnete sich weit. „Leider muss ich auf ihren Segen verzichten Mr. Colm,“ setzte ich meine kurz unterbrochene Rede fort, „aber machen Sie sich keine Gedanken. Katrina wird es gut bei mir haben und Sie können jetzt zu Ihrer Frau gehen. Sie wartet schon auf Sie. Grüßen Sie sie von mir. Sicher ist sie mir noch dankbar, für die Befreiung von der irdischen Last, die sie mit sich herumtrug.“ Ein krächzendes Stöhnen kam noch über seine Lippen. Seine Hände fuhren zum Griff des Messers, hatten aber keine Kraft mehr und krampften sich nur darum. „Sehr schön.“, kommentierte ich diese Aktion, trat um ihn herum, gab ihm einen leichten Stoß und er fiel wie ein Brett nach vorne und mit einem klatschenden Geräusch auf den kalten Fliesenboden, die Hände immer noch um den Messergriff gekrallt.
Ich roch Blut… ich sah es unter seinem Körper hervorquellen und schloss scharf einatmend die Augen. Die Gier, das Verlangen mich zu laben, packte mich mit Macht und mein Körper war wie ein wildes Tier, dem ich mühsamst meinen Willen aufzwang. Keuchend und mit rotglühenden Augen entfernte ich mich von Katrinas Vater. Es durfte nichts verändert werden. Alles war perfekt. Niemand würde an etwas anderes als Selbstmord denken und ich musste schnellstens von hier weg. An der Tür wurde ich unsichtbar und hatte Minuten später den Friedhof verlassen. Leicht geschwächt von der Anstrengung wankte ich auf die Häuser zu und wurde erst wieder sichtbar, als ich die ersten Häuser hinter mir gelassen und in die engen, schmutzigen Straßen eingetaucht war. Die Gier war immer noch da. Nicht mehr so stark, aber ich wusste, ich würde bald wieder töten müssen, denn ich hatte zu viel Energie verbraucht. Sogar das Sonnenlicht störte mich immer mehr.
Mir kamen zwei Frauen entgegen, die Wassereimer schleppten. Sie blieben weit vor mir an einer Kreuzung stehen und verabschiedeten sich wortreich und aufgeregt. Meine empfindlichen Ohren hörten das Wort Hexe und ich blieb stehen, tat so als würde ich die erbärmliche Auslage eines Schneidergeschäftes mustern und hörte zu. Ich war zu weit weg, als dass sie damit rechnen konnten, dass ich ihr Gespräch verfolgen konnte. Das Schlachtvieh hatte sehr viel schlechtere Ohren.
„Ich habe es schon immer gewusst.“, stieß die Dicke hervor, „Ich brauche sie gar nicht mehr zu beobachten, was ich aber tun werde.“ Die andere nickte eifrig. „Tu das, Aigneis. Auch ich werde auf dieses Luder achten. Wir müssen unbedingt wachsam sein, bevor noch mehr passiert.“ Die Dicke nickte heftig. „Mir tut nur der arme Mr. Colm leid. Was muss der arme Mann nicht alles durchmachen.“ Beide nickten seufzend und wichtigtuerisch und dann trennten sie sich mit vielsagenden Blicken. Die Dicke kam auf mich zu, nahm mich jetzt erst wahr und ihr Schritt wurde merklich langsamer. Die andere verschwand in der Nebenstraße. Ich wandte mich ihr zu und ging ihr ein paar Schritte entgegen. Sie war nicht nur korpulent sondern auch recht groß. Voller Blut… Ich hörte es in ihren Adern rauschen und leckte mir unwillkürlich die Lippen, was sie wohl etwas anders interpretierte, denn sie stellte gespielt keuchend ihre Eimer ab und fuhr sich durchs Haar. Nicht nur meine Gier war geweckt, sondern auch mein Interesse, wegen der Erwähnung des Namens Colm.
Ich näherte mich ihr weiter, lächelte und zog meinen Hut. „Dorian Hawkins… Kann ich Euch behilflich sein Miss?“ Mit diesen Worten nahm ich ihre Eimer in die Hände, deren Gewicht ich kaum spürte und bot ihr an, diese für sie zu tragen. Sie schmolz förmlich dahin. „Aigneis Frazer“, flötete sie mit geröteten Wangen und setzte ein halbherziges „Nicht doch… Das kann ich nicht annehmen.“ hinzu.
Ich ließ natürlich keinen Widerspruch zu, machte zwei Schritte in ihre Richtung und sah mich dann wortlos um. Mit einem zuckersüßen Lächeln rauschte sie an mir vorbei und wir hatten es gar nicht mehr weit. Schon drei Häuser weiter blieb sie vor einem Nebeneingang stehen, öffnete die unverschlossene Tür und winkte mich hinein. Ich musste mich etwas bücken um das Loch zu betreten, welches in eine art Abstellkammer führte. Ihre Haltung hatte sich geändert. Ihre Augen glänzten und sie gab sich Mühe sich möglichst vorteilhaft zu bewegen. Ich stellte die Eimer ab und machte einen Schritt. Das genügte völlig, um mich ihr bis auf wenige Zentimeter zu nähern. Sie roch ungewaschen und ihr Atem stieß mich ab. Aber nur einen Moment, denn das Rauschen ihres Blutes überlagerte alles andere. Eine blühende Frau und so viel Blut… Junges, frisches, köstliches Blut… Ekstase… Wonnen… Energie für Tage… Ich blickte in ihre weit aufgerissenen Augen und meine eigenen glühten in düsterem rot. Sie keuchte entsetzt auf, wollte zurückweichen, wollte schreien, aber ich packte sie mit einer Hand an der Kehle und drückte zu. Sie röchelte, wurde rot und dann blau; sie zappelte, schlug und trat um sich. Lächerlich; ich spürte es kaum und ihre Kraft ließ schnell nach. Mit dem letzten Rest meiner Vernunft ließ ich sie noch einmal los. „Nicht schreien, sonst…“ Ich ließ die Drohung unausgesprochen und sie nickte vor Angst zitternd. „Erzähl mir von der Hexe.“ Sie nickte hastig und die Worte sprudelten aus ihr heraus wie ein Wasserfall. Ich erfuhr von der Szene am Brunnen und was die Weiber im Begriff zu verbreiten waren. Katrina war in großer Gefahr. Mit solchen Verdächtigungen waren schon viele junge Frauen auf dem Scheiterhaufen gelandet. Der Redeschwall der Dicken wurde von einem Gurgeln unterbrochen, als ich sie mit raubtierhafter Geschwindigkeit packte, meine Zähne lustvoll in ihren Hals schlug und endlich trank, trank, trank… Bis zur absoluten Sättigung, bis ich glaubte vor Energie zu platzen und mich mächtiger fühlte als ein Gott. Ich trank sie leer. Jeden Tropfen aus ihren Adern und es war so viel…
Ihre Hülle ließ ich zu Boden gleiten. Wieder verwischte ich die Bissspuren mit meinem Messer, aber trotzdem würden sich die Leute wundern. Kein Tropfen Blut war zu sehen. Die Leiche war weiß wie ein Laken und in den gebrochenen Augen spiegelte sich pures Entsetzen. Ich konnte sie nicht liegen lassen. Sie musste verschwinden. Ich hatte wieder Kraft genug. Im Schutze meiner Deflektorfähigkeit und mit der Leiche über der Schulter verließ ich Callandar wieder und verschwand zu einem nahe gelegenen Moor in den Highlands…
28.5.06 21:40



Archiv





Gratis bloggen bei
myblog.de