Verborgene Gedanken

Kapitel 15

Es stank bestialisch und in meinem Schädel schien eine ganze Kolonne Handwerker auf etwas einzuhämmern. Es war mir unmöglich, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, weshalb ich einige Zeit brauchte, bis ich überhaupt begriff, wo ich war. Ich sah meine Umgebung nur verschwommen und undeutlich, als müssten sich meine Augen nach Tagen wieder daran gewöhnen, etwas zu sehen. Mein Zeitgefühl hatte sich scheinbar verflüchtigt. Ich hatte keine Ahnung, wie viele Stunden wohl vergangen waren. Ich hob den Kopf und blinzelte durch die Schleier, die sich auf meine Sicht gelegt hatten. Ich fand mich in einem winzigen, steinernen Raum wieder. Es gab keine Fenster. Nur eine schwere hölzerne Tür, die aussah, als hätte sie einer ganzen Armee Pferde standhalten können. Ungefähr in Augenhöhe war ein kleines rechteckiges Loch im Holz ausgespart. Es war vergittert.
Der Kerker... Wie sollte es auch anders sein? Es geht zu Ende mit dir, Katrina. Ich hätte mehr von dir erwartet, Kleines. Ich seufzte beinahe lautlos und nur allmählig lichtete sich der Nebel um meine Gedanken, wenn auch das stetige Hämmern in meinem Kopf damit eher zunahm. Ich ging dazu über, mich zu vergewissern, dass diese Schläger mich zumindest halbwegs heil gelassen hatten. Es kostete einige Mühe, meinen rechten Arm zu bewegen und kaum war es mir gelungen, vernahm ich ein leises, aber unheilvolles Klirren. Meine Stirn zog sich unwillkürlich in leichte Falten, als ich an meinem Arm hinauf sah. Schwere Ketten hielten ihn nach oben, sowie auch den anderen Arm. Scheinbar hing ich die ganze Zeit über so in diesen Ketten. Ich bezweifelte, dass ich mich jemals wieder normal bewegen könnte, sofern ich diese Ketten losbekommen würde. Ein weiterer Blick wanderte an mir hinunter und ein entsetztes Keuchen entfuhr mir. Ich war vollkommen nackt und stand aufrecht, nur von meinen Fesseln gehalten, an einer steinernen Wand. Augenblicklich drängte sich auch das Bewusstsein in meine Gedanken, dass es sehr zugig in diesem Loch war und jeder einzelne meiner Knochen schmerzte. Ich fröstelte, was die Ketten laut klirren lies.
Still, Weib! Du wirst noch jemanden auf dich aufmerksam machen! Ein leises Schnauben zischte durch meine Nase. Ich war es leid. Diese Stimme fiel mir auf die Nerven. War ich denn vollkommen verrückt? Oder auf dem besten Wege in diese Richtung?
Wenn du wüsstest, Kleines… Diese Aussage machte mich nun doch stutzig und… Moment mal… Ich hätte mehr von dir erwartet… Waren das nicht vor einigen Momenten erst die Worte dieser Stimme? Aber noch nie hatte dieses Etwas von sich selbst gesprochen. Und nie zuvor hatte es überhaupt eine eigene Stimme. Bisher hatte ich immer den Eindruck, es war meine eigene, die in meinem Kopf widerhallte. Aber diese war nun anders. Tief und rauchig…
Aber was tat ich dort? Ich dachte über etwas nach, was in meiner Lage eigentlich vollends unerheblich war. Eben in jenem Moment, als ich dies dachte, drehte sich krachend ein Schlüssel im Schloss um und die schwere Tür wurde aufgestoßen, als wäre sie nur aus leichten Brettern, statt aus wuchtigen Eichenbohlen gefertigt.
Die Luft, die in den Raum wehte, brachte einen noch durchdringenderen Gestank nach menschlichen Ausscheidungen und Tod mit sich. Scheinbar hatte ich doch eines der angenehmeren Zimmer in diesem Gasthaus erwischt. Der unruhig tanzende Lichtschein einer Fackel drang herein und – ob ich es mir nun einbildete oder nicht – ich glaubte, einen gequälten Schrei zu hören, bevor schwere Stiefel auf den Steinboden trafen und die Tür wieder ins Schloss fiel. Es bereitete mir einige Mühe, den Kopf zu heben und gegen das Fackellicht zu blinzeln. Es war sicherlich nicht besonders hell, doch das Dämmerlicht, welches mich zuvor noch umgab, war um einiges gnädiger zu meinen Augen gewesen. Ich versuchte zu erkennen, wer dort den Raum betreten hatte, doch kaum, dass ich einen Blick auf den hünenhaften Mann erhaschte, explodierte erneut ein heftiger Schmerz in meinem Kopf. Er reichte nicht aus, um mich wieder zurück in die erbarmungsvolle Dunkelheit sinken zu lassen, doch ich senkte mit einem leisen Wimmern, das ich nicht unterdrücken konnte, den Kopf. Ich tat dies so ruckartig, dass die Ketten erneut laut klirrten.
Nein! Keine Träne! Nicht eine einzige! Ob es nun mein weiblicher Stolz oder das vor Genugtuung triefende, leise Lachen war, welches ich hörte, – vielleicht sogar beides – ich bemühte mich tatsächlich darum, mich zu beherrschen. Es gelang mir auch. Ich hörte, wie die Fackel in eine eiserne Halterung an der Wand glitt und kurz darauf, wie die Schritte der schweren Stiefel näher kamen. Sie bewegten sich in mein Gesichtsfeld und blieben schließlich dicht vor mir stehen. Eine wahre Pranke hob sich an mein Kinn und instinktiv wollte ich zurückweichen, doch es war mir durch meine missliche Lage ohnehin nicht möglich, mich zu bewegen. Grob wurde mein Kinn angehoben, sodass ich gezwungen war, diesen Kerl anzusehen. Er verdeckte mit seinen breiten Schultern das Licht der Fackel und ich erkannte den Kerkermeister vor mir. Ich hatte ihn zuvor schon ab und zu auf der Straße gesehen und schon, als ich mich noch in Freiheit befand, war er mir unheimlich gewesen.
„Wenn du einmal wach bist, erlaube mir eine Frage: Was treibt dich denn hier hinunter in mein Reich, hübsches Kind?“ Sein Atem schlug mir entgegen und machte die in Ironie ertränkte Stimme nicht sonderlich angenehmer. Eine Antwort bekam er nicht von mir. Lediglich einen wenig von Sympathie zeugenden Blick schenkte ich ihm. Er hatte scheinbar nichts anderes erwartet, denn das spöttische Lächeln auf seinem Gesicht wurde noch eine Spur tiefer. Er war mir so nahe, dass ich ihn riechen konnte. Es machte die Sache nur noch unangenehmer, denn ich schloss aus diesem Geruch, dass er weder sonderlich fromm lebte, noch den Genuss von Alkohol verachtete. Ich verzog unwillig das Gesicht, was ich mir lieber hätte verkneifen sollen, denn ich handelte mir eine saftige Ohrfeige ein. Mein vielmehr überraschter Aufschrei hallte an den steinernen Wänden wider und noch bevor ich mich sammeln konnte, fand ich mein Gesicht abermals im Griff des Hünen.
„Sei lieber nett zu mir, wenn du die Zeit bis zu deiner Anhörung noch überleben möchtest, Schätzchen.“ Seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, doch die unverhohlene Drohung darin war kaum zu überhören. Seine Worte riefen mir auch augenblicklich in Erinnerung, dass ich vollkommen nackt vor ihm an eine Wand gekettet war. Ich war wehrlos. Ihm völlig ausgeliefert. Scheinbar ist auch ihm dieser Umstand in eben jenem Augenblick wieder eingefallen, denn etwas in seinem Blick änderte sich. Plötzlich lag ein solch übertriebener Sanftmut darin, dass es einfach nicht echt sein konnte. Ich ahnte, was mir bevorstand, als er mich - nein, nicht mich, sondern meinen Körper – mit Augen musterte, in denen die Gier nicht deutlicher stehen konnte. Seine grobe Hand ließ mein Kinn los und meine Zähne verbissen sich in meiner Unterlippe, als ich jene Hand an meiner Hüfte spürte. Mich überkam ein unglaubliches Ekelgefühl, als auch seine zweite Hand begann, meinen Körper zu erkunden. Ich zwang mich, die Augen zu schließen. Es war besser so. Sein Anblick hätte mir in diesem Moment sicherlich noch die restliche Beherrschung geraubt und ich zweifelte nicht an der Ernsthaftigkeit seiner Drohung.
Lass das nicht zu! Wenn du schon grundlos stirbst, dann wenigstens unbefleckt. Merkwürdig… Eine gewisse Ironie lag in diesem Tonfall. Meinte Es diese Worte nun ernst, oder war es nur ein erneuter, beißender Hohn?
Was zögerst du? Mach schon! Wehr dich! „Wie denn?“, antwortete ich verzweifelt und mir wurde erst klar, dass ich dies laut ausgesprochen hatte, als der Hüne vor mir plötzlich in seinem Tun inne hielt. Seine Hände waren inzwischen ein Stück nach oben gewandert. „Was hast du gesagt?“
Dass ich dich in Stücke reiße, sobald ich diese Ketten los werde, du dreckiger Lustmolch!
Nun machte meine andere Wange Bekanntschaft mit der Art des Hünen, Ohrfeigen auszuteilen. Gepfeffert und sehr schmerzhaft. Ich schaffte es noch immer, die Tränen zurückzuhalten. Im ersten Moment fürchtete ich, ich hätte die Worte des Etwas laut ausgesprochen, doch ein hasserfüllter Blick in das Gesicht des Hünen verriet mir, dass ich einfach nur beharrlich geschwiegen hatte. In seinem Gesichtsausdruck lag ein grimmiger Befehl und keine maßlose Empörung.
„Nichts… Gar nichts…“, antwortete ich hastig. Wohl etwas zu hastig. Er kam noch näher und ich schickte ein Stoßgebet wohin auch immer, dass ich nicht die Kontrolle verlieren würde. Sein Gesicht war nun nur noch wenige Zentimeter von meinem entfernt. „Sicher doch, Schätzchen… Mit wem hast du geredet? Sicherlich nicht mit mir.“
Was für ein unglaublich kluger Bursche. Du sprachst mit dem Teufel persönlich. Sag ihm das! Ich starrte in das Gesicht des Hünen und glaubte nicht, was ich dort hörte. Konnte dieses Etwas denn tatsächlich… ?
Natürlich nicht, dummes Mädchen. Aber dieser Lustmolch kann das doch nicht wissen. Also los! Sag es ihm! Ich konnte es noch immer nicht fassen. Was diese Stimme dort verlangte, kam doch einem offenen Geständnis gleich. Nein, es war eines.
Tu es einfach! Es wird dir noch helfen, glaube mir… Aber wie konnte Es denn wissen, was mir irgendwann einmal helfen würde? Andererseits… Ich ahnte bereits voraus, dass sich die Hand des Hünen im nächsten Moment wieder heben würde. Was hatte ich noch zu verlieren?
„Also?“, fuhr er mich an. „Nun…“,setzte ich an und bemühte mich, einen möglichst hinterlistigen Blick aufzusetzen, „…mit Luzifer persönlich. Dem Leibhaftigen.“ Es kostete mich nur noch wenig Mühe, ein Flackern in meine Augen zu zaubern, welches ohne Zweifel ausdrückte, dass ich den Verstand verloren haben musste. Die Augen des Kerkermeisters weiteten sich vor Schreck und ich konnte nicht umhin, noch etwas Nachdruck in meine vorangegangenen Worte zu legen: „Er wird mich aus deinen Klauen befreien! Ich werde nur noch für ihn leben!“ Ich ließ ein Lachen folgen, welches jeden Zweifel davon fegen sollte und dies auch offensichtlich tat, denn er wich mit angsterfülltem Blick vor mir zurück. „Du… du verdammte Teufelshure!“, rief er aus und stolperte beinahe über seine eigenen klobigen Stiefel, als er fluchtartig den Raum verließ und die Tür hinter sich beinahe in ihr Schloss prügelte.
Ein fast schon zufriedenes Gefühl machte sich in mir breit. Auch wenn ich nicht zu ahnen wagte, was ich dort ausgelöst hatte. Unbarmherzig stach mir nun das Licht der Fackel wieder in die Augen. Es wurde nicht mehr von breiten Schultern verdeckt und in seiner Hast hatte der Hüne das Feuer scheinbar vergessen. Wieder explodierte dieser Schmerz im hinteren Teil meines Kopfes und dieses Mal reichte es aus, um mich der sanften Umarmung der Dunkelheit hinzugeben…
11.9.06 20:46


Kapitel 16

Eingehüllt von meiner Deflektorfähigkeit stieg ich die Kellertreppe hinab und bewegte mich unhörbar den Gang entlang auf den Fackelschein zu. Es war nichts mehr zu hören. In einer halbrunden Kammer am Ende des Ganges schnarchte ein Wächter auf einer Pritsche hinter einem primitiven Tisch, vor dem zwei Stühle standen. Der Tisch war mit Essensresten, Flaschen und Spielkarten bedeckt. Es roch nach Verfaultem, nach Brot, Wurst und Wein. Aber auch nach Tod, Blut, Urin, Kot und menschlichem Schweiß. Angewidert von dem Odeur und dem tristen Ambiente hielt ich inne. Die Fackel warf tanzende Schatten an die Wand und ich grübelte. Ich hatte eindeutig vor kurzem zwei Stimmen gehört. Wo war der zweite Mann? Schließlich wollte ich nicht überrascht werden, also drückte ich mich an die Wand und lauschte. In den Wänden des halbrunden Raumes waren zwei schwere Türen eingelassen, die sich gegenüber lagen. Ich befand mich direkt neben der linken und hörte nun in der Stille von gegenüber Stimmen. Die Stimme einer Frau und die eines Mannes. Zufrieden nickend konzentrierte ich mich mehr, öffnete meine Vampirsinne und verstand danach jedes Wort aus der Zelle, denn es waren natürlich Zellen und ich hatte das Ziel meiner Mission gefunden. Der Kerkermeister persönlich wollte sich an Katrina heranmachen und versprühte seinen herben Charme, gewürzt mit roher Gewalt. Noch war es nicht so schlimm, dass ich eingreifen musste und ich schickte Katrina schmunzelnd eine gedankliche Botschaft, dass sie nicht mehr lange schmachten würde, denn der Teufel persönlich würde sich um sie kümmern, dabei verschiedene Aktionen abwägend, die mir offen standen. Natürlich rechnete ich damit, dass der Kerkermeister irgendwann anfangen würde zu tun, warum er Katrinas Zelle betreten hatte und so hatte ich wohl keine Wahl, als ihn daran zu hindern und die Zelle zu betreten. Ich würde ihn wohl töten müssen, denn ich wollte den Auftritt des Herrn der Hölle gerne auf der Empore haben. Das hatte sich als malerische Szene in mir gefestigt. Womit ich nicht rechnete, war die Wendung, des „Gesprächs“ in der Zelle. Erstaunt zog ich eine Augenbraue hoch, als Katrina trotz ihrer hilflosen Lage die Oberhand zu gewinnen schien und die Zweite schoss nach oben als ich hörte wie sie dies tat. Als ob sie meine Gedankenbotschaft gelesen hätte, drohte sie genau mit dem, was ich vorhatte und beeindruckte den Kerkermeister derart, dass er sich zurückzog. Urplötzlich musste ich handeln und wie ich es tun würde, lag auf der Hand. Der Kerkermeister sollte sehen, wie schnell die Mächte der Finsternis zur Stelle sind, wenn sie gerufen werden. Grinsend zog ich die Teufelsfratze über mein Gesicht, prüfte, ob ich auch gut im Licht stand und wurde sichtbar, als die massige Gestalt des Kerkermeisters sich gerade aufgeregt damit beschäftigte die Zelle Katrinas wieder zu verriegeln.

Er drehte sich um und ich erlaubte mir unter der Maske ein leises Lachen, denn der Anblick dieses riesigen, grobschlächtigen Mannes war einfach zu köstlich. Er wurde totenbleich, die Schlüssel fielen ihm aus der Hand, seine Knie begannen tatsächlich zu zittern und der größer werdende Fleck im Schritt seiner schmutzigen Hose sagte mir, dass er wohl trotz seiner Bärenkräfte kein mutiger Mann war. Er wollte schreien, aber nur ein Krächzen entrang sich seiner Kehle. Ich machte einen majestätischen Schritt auf ihn zu und er rutschte wimmernd an der Bohlentür nach unten. Ich hielt das für ausreichend, um meinen guten Eindruck als Teufel bei ihm festzuhalten. Noch zwei schnelle Schritte und meine Hand fuhr zu seiner Kehle. Ohne große Anstrengung zog ich ihn am Hals wieder hoch und oben angekommen, starrten mich zwei hervorquellende Augen aus einem blau gewordenen Gesicht an, in denen der Irrsinn funkelte. Die Atemnot ließ das Funkeln schließlich ersterben. Röchelnd verlor er das Bewusstsein und bevor ich ihn tötete, stieß ich ihn an der Mauer neben der Tür zu Boden. Sein Gesicht machte dabei innige Bekanntschaft mit dem groben Mauerwerk und anschließend mit den rauen Fußbodenplatten. Er würde sicher wie ein Troll aussehen, wenn er an das Licht des Tages zurückkehrte.

Mit dem zweiten Mann hielt ich mich nicht lange auf. Er brauchte den Teufel nicht zu sehen, war aber ein nettes Opfer für eine teuflische Tat. Ich tötete ihn schnell. Trat ihm einfach ins Genick, welches mit einem lauten Knacken brach. Die Gelegenheit war günstig und so nahm ich die Teufelsmaske ab, labte ich mich an seinem Blut, genoss kurze Zeit den Rausch der Macht und der Ekstase. Nun würde mich nichts mehr aufhalten. Ich fühlte mich stark genug es mit dem ganzen Dorf aufzunehmen und musste mein überschäumendes Ego mühsam in den Griff bekommen, um meinen Plan kühl weiterzuverfolgen. Ich biss meinem Opfer den Kopf ab. Es sollte hässlich aussehen. Knackend zermalmte ich den Nackenwirbel und warf den Kopf beiseite. Mit der gezackten Klinge meines Dolches öffnete ich seinen Brustkorb und riss das Herz heraus, wickelte es in einen schmutzigen Lappen und steckte es zu meinen Utensilien. Der Leichnam sah nun wahrhaft teuflisch genug aus, um ihn so zurückzulassen und so bewegte ich mich wieder auf die Tür der Zelle zu. Den Schlüssel hatte mir mein Freund der Kerkermeister ja mundgerecht davor abgelegt. Er begann gerade wieder, sich zu bewegen als ich dort ankam, was keine gute Idee von ihm war, denn sein Gesicht machte daraufhin einige erneute Bekanntschaft mit dem Steinboden. Endlich lag er ruhig. Ich sah beiseite, denn aus seiner Nase floss nicht wenig Blut, richtete mich auf und steckte den Schlüssel ins Schloss. Ohne Maske betrat ich den stinkenden dunklen Raum.
Der nackte Körper Katrinas hing in Ketten an der Wand. Sie schrak auf, sah mich aus glasigen Augen an als wäre sie gerade aus einer Ohnmacht erwacht und hielt mich wohl im Dunkeln für einen neuen Interessenten ihrer Reize. Allerdings schenkte ich diesen im Moment nicht die gebührende Beachtung. Sie empfing mich mit wüsten Flüchen, brabbelte mit irrem Blick etwas vom Teufel und ihrer baldigen Befreiung und ich nickte ihr schmunzelnd zu, während ich mich an den Schlössern ihrer Eisenringe an den Gelenken zu schaffen machte. „Wie recht Du doch hast, meine nackte Schöne. Der Teufel ist da. Wo bitte ist Euer Besen für den Abflug? Und wo habt Ihr gelernt, zu fluchen wie ein Bierkutscher?“ Meine Fragen brachten sie sichtlich aus der Fassung. Ihr Gesicht lief in einem tiefen rot an und sie atmete tief ein. Das gab mir Gelegenheit ungestört ihre Fesseln zu lösen und sie aufzufangen, denn ihre eingeschlafenen Muskeln trugen ihren Körper nicht mehr. Ich setzte sie ab, lehnte sie an die Wand und massierte, nun selbst leise fluchend, ihre Gelenke, zog sie wieder hoch, aber anscheinend hatte sie alle Kraft verlassen, denn sie sank wieder nach unten. Schweigend ergab ich mich in das Notwendige und warf sie mir über die Schulter. Die Eisenringe verschloss ich wieder sorgfältig. Auch die Tür würde ich wieder schließen und die Schlüssel mitnehmen. Ich war bereit für meinen eigentlichen Auftritt und verließ die Zelle. Ein letzter Tritt an den bulligen Schädel des Kerkermeisters und ich befand mich wieder in dem langen Gang zur Kellertreppe.

Ohne jemandem zu begegnen erreichte ich das Obergeschoss und das Fenster, durch welches ich das Rathaus verlassen wollte. Einen Moment erwog ich sogar es gleich zu tun. Vielleicht war der Kerkermeister ja schon beeindruckt genug. Aber dann schüttelte ich den Kopf. Nein… es sollte nicht nur einen Zeugen geben. Dann würde das dumme Bauernvolk keinen Zweifel mehr haben.
Ich öffnete die kleine Tür zur Empore, legte Katrina dort ab und gab ihr ein beschwörendes Zeichen, ruhig zu sein. In ihren aufgerissenen Augen stand aber nur grenzenloses Staunen und sie schwieg mich weiter an. „Gut so, Kleines, genau so will ich Dich haben.“, murmelte ich noch, bevor ich mich abwandte und meine Päckchen und die Zündschnüre hervorkramte. „Vielleicht sollten wir Dir auch mal was anziehen, aber im Moment musst Du leider im Evakostüm dem Auftritt deines Geliebten beiwohnen, Hexe Katrina. Ich denke, das ist aber in Ordnung.“ So etwas wie ein leises Stöhnen war zu hören, welches ich geflissentlich ignorierte. Am Fuß der Treppenaufgänge standen zu beiden Seiten wuchtige hölzerne Schränke. Gutes Brennholz und so öffnete ich jeweils eine Tür und platzierte je ein Päckchen darin. Das dritte fand seinen Platz in einer Art Theke vor der Tür zu den Wachräumen. Die Zündschnüre brannten und während ich die Treppe hinaufstürmte zog ich mir wieder die Fratze über das Gesicht. Ich nahm die inzwischen völlig mit ihrer Fassung kämpfende Katrina auf die Arme, sorgte für einen malerischen Fall ihres üppigen Haares über meinen Arm und für eine möglichst nach vorne gut sichtbare Darbietung ihres reizenden Körpers und stellte mich in Positur auf der Empore.

Ein dreifaches, markerschütterndes Zischen war zu hören. Aus den Schränken und der Theke schlugen grüne und rote Flammen und es stank nach Schwefel, dass es sogar einem Vampir schlecht werden konnte. Endlich stürmte die Wache des Haupteingangs die Halle des Rathauses. Sie machte nicht gerade den Eindruck militärisch exakten Auftretens. Die Uniformen waren eher derangiert, manche waren wohl aus der Pritsche gefallen, in der sie ihre Ruhezeit verbrachten. Andere hatten scheinbar, statt zu wachen, lieber dem Alkohol gefrönt. Es waren vier und sie brachten es bei meinem Anblick wenigstens fertig, wie ein Mann zu stehen und in so etwas wie eine Grundstellung zu fallen, wenn man von den verzerrten Gesichtern einmal absah mit denen sie mich anglotzten. Inzwischen loderten die Flammen meterhoch und verloren allmählich ihre Farbe. Dichter Qualm zog durch die Halle und trieb die Männer hustend zurück, was kurz darauf in einer wilden Flucht und handgreiflichem Gerangel an der Ausgangstür endete. Ich nutzte diese Gelegenheit, mich zurückzuziehen. Wie es aussah, würde die Feuerwehr von Callandar sich über einen ruhmreichen Einsatz freuen können. Ich war gespannt, ob es ihr gelingen würde meinen Freund den Kerkermeister zu retten.

Katrina lag steif in meinen Armen. Immer noch kam kein Ton über ihre Lippen. Kopfschüttelnd ging ich auf das Fenster zu, warf sie mir über die Schulter und sprang hinab in den hinteren Garten. Im Dunkel der Büsche zog ich die Maske vom Gesicht. „Etwas mehr Begeisterung wäre schon angebracht, mein Fräulein. Schließlich befinden Sie sich in den Armen Ihres Retters und wenn ich auch nicht der Teufel persönlich bin, so denke ich doch, dass eine echte Hexe wie ihr sich nicht wie eine Jungfrau wenn es donnert aufführen sollte.“ Wider Erwarten bekam sie doch noch ihren Mund auf und antwortete mir mit einem säuerlichen Gesichtsausdruck: „Augenscheinlich bin ich eine Jungfrau und Ihr habt soeben ein nicht zu kleines Donnerwetter veranstaltet.“ Es fehlte noch das leise Schnauben, welches durch die zierliche Nase stoßen sollte, um mir zu zeigen, dass ich einem Trampeltier scheinbar sehr ähnlich war, doch es blieb aus. Stattdessen schien die Kraft, die sie soeben noch gesammelt hatte, sie wieder zu verlassen und sie fiel erneut in Schweigen. Ich war nicht wenig verwundert über diese Worte und dass sie überhaupt etwas gesagt hatte, doch ich machte mich mit dem Gedanken vertraut, die süße Last nach Hause tragen zu müssen. Nicht dass mich das besonders gestört hätte, denn ich spürte ihr Gewicht kaum und so zog ich los. Ich verbrauchte etwas mehr Energie um auch den nackten Körper von Katrina unsichtbar zu machen und erreichte ungesehen mein Stadthaus. Aufatmend aber auch mit dem Hochgefühl des Siegers schloss ich die Tür und setzte sie ab. Wenigstens schien sie wieder auf eigenen Füßen stehen zu können. „Willkommen in meinem bescheidenen Heim Katrina, ich bin erfreut, Euch so schnell wieder zu begegnen.“ Es war hell genug in der Diele, dass sie mich nun erkennen musste, wenn sie es nicht vorher schon getan hatte, aber immer noch sagte sie kein Wort, versuchte nur beschämt ihre Blößen zu bedecken. Ich zuckte mit den Schultern und klingelte nach Mac Caines Weib. „Steck sie in die Wanne und bring sie dann ins Bett, in das vergitterte Zimmer und schließ die Tür ab. Besorg ein paar passende Kleider für unsere Hexe. Ich kümmere mich später um sie.“ Sprachs und verschwand in meiner eigenen Zimmerflucht. Katrina konnte noch eine Weile warten. Sie sollte erst einmal in der Verfassung sein, mir in die Augen zu sehen und mehr als ein Stöhnen von sich zu geben…
24.9.06 21:45



Archiv





Gratis bloggen bei
myblog.de