Verborgene Gedanken

Kapitel 12

Scharren.. schnuppern.. hastige Bewegungen dann wieder stilles Verharren und mit zitternden Schnurrhaaren jedes Signal der absolut feindlichen Umwelt wahrnehmend. Hier eine saftige Kakerlake da ein Stück faulendes Obst, ein paar Eier aus einem schlecht gewählten Nest eines Singvogels unter einem Mauervorsprung. Nichts anderes als die nächste Mahlzeit war wichtig. Einzig unterbrochen von den reizenden Düften eines heißen Weibchens, welches schnell besprungen und noch schneller wieder verlassen war. Die einzige Unterbrechung, die der nagende, immer gegenwärtige Hunger zuließ, sich aber sofort zurückmeldete und schmerzhaft intensiv auf seinem Recht beharrte, gestillt zu werden. Da… ein hoher Schrank… es duftete nach Brot… schnelles, hastiges Klettern, die verstaubte Rückwand hinauf... hier... ein kleiner Riss im Holz… Dahinter lag frisches Brot. Die Ratte begann den Riss zu vergrößern. Nagend und kratzend grub sie sich dem duftenden Fraß entgegen und ihr Hunger peitschte sie voran.
Ich zog meinen Geist zurück und schlug die Augen auf, gab mich noch eine Weile dem Nachhall der niederen Instinkte und flüchtigen Freuden des Rattendaseins hin und erhob mich dann. Mein Körper hatte genug geruht und ich ging zum Fenster, um die hohen Vorhänge beiseite zu schieben. Aus zusammengekniffenen Augen musterte ich die Straße und die vereinzelt vorbeiziehenden Bewohner.
Mac Caine erschien hüstelnd in der Tür und ich wandte mich ihm zu, um zu hören, was er erfahren hatte. Die Familie Katrinas war eine Bauernfamilie. Die „verstorbene“ Mutter war nicht mehr im Haus, sondern bereits in der Friedhofskapelle aufgebahrt. Die Beerdigung sollte morgen Nachmittag stattfinden, das Grab war schon ausgehoben. Der gebrochene Ehemann der Frau wachte seit den Nachtstunden am Sarg seiner Frau. Niemand hatte ihn überreden können nach Hause zu gehen. Die Kinder kümmerten sich um Haus und Feld. Ich nickte und ging an meinem Hausmeister vorbei zur Garderobe. Plötzlich hielt ich noch mal an. „Ach ja Mac Cain… nehmen Sie in der Küche das Brot aus dem Schrankfach, reparieren Sie die Rückwand und stellen sie ein paar Rattenfallen auf.“  Mich über Mac Cains entsetzten Blick köstlich amüsierend wandte ich mich wieder zur Garderobe, warf mich in Hut und Mantel und verließ das Haus mit schnellen Schritten. Ich hatte keinen konkreten Plan, aber ein drängendes Gefühl schnell handeln zu müssen trieb mich fort.
Vom Brunnen hörte ich aufgeregte Frauenstimmen, was mich aber nicht kümmerte und neugierigen weiblichen Blicken wollte ich mich schon gar nicht aussetzen. So verschwand ich schnellstens in einen Seitenweg einbiegend und dem Friedhof zustrebend, den ich alsbald erreichte. Im Schatten einer hohen Eiche verschwand ich für menschliche Augen, schwang mich über die niedrige Mauer und stand vor der Kapelle. Ein einfacher länglicher Bau mit spitzem Dach, weiß verputzt und ohne Fenster zum Innenraum. Nur direkt unter dem Dach befanden sich kleine Lichtschächte nach innen. Ich musste die Tür benutzen, um nach innen zu gelangen und das würde den Mann aufmerksam machen.
Grübelnd glitt mein Blick über die ordentlichen Grabreihen, die teils von Natursteinen, teils von schmiedeeisernen oder hölzernen Kreuzen geschmückt waren.
Der Zufall kam mir zu Hilfe oder vielmehr ein natürlicher Drang, dem auch ein trauernder Witwer nachgeben musste. Gebeugt und in sich versunken verließ ein kräftiger Mann die Kapelle und strebte zu einem nahen Gebüsch. Ich nahm die Einladung an und huschte lautlos durch die Eingangstür, die einen Spalt offen stand und ließ sie in genau diese Position wieder zurück gleiten. Schnelle Schritte brachten mich zu dem geöffneten Sarg und einen Moment schaute ich in das bleiche Antlitz meines jüngsten Opfers, ging aber daran vorbei und erklomm über eine schmale Holztreppe eine kleine rundum laufende Brüstung, von der man auf die Sitzreihen und den Sarg blicken konnte. An die Wand gelehnt wurde ich wieder sichtbar, beobachtete, wie der Bauer wieder erschien, sich neben den Sarg stellte und seine tote Frau anstarrte. Kein Zweifel. Es konnte nur ihr Ehemann sein. Katrinas Vater…
Ich erwog ein paar Möglichkeiten, ihn zu töten und konnte mich nicht so recht entschließen, denn es sollte nach einem Selbstmord aussehen. Der kräftige, leicht untersetzte Mann brachte mich selbst auf eine Idee, denn er zog ein recht großes Messer aus seinem Gürtel, setzte sich seufzend in die vorderste Sitzreihe, öffnete eine Umhängetasche und begann Brot und Käse zu verschlingen, welches er mit dem Messer in großen Stücken abschnitt. Ich ließ ihm seine karge Henkersmahlzeit, wartete auch, bis er alles wieder ordentlich verpackt und sich an seinen Platz neben dem Sarg gestellt hatte.
Mit einem Schwung flankte ich über die Brüstung und ging lächelnd auf den Mann zu, der erschrocken herumfuhr. „Ich grüße Euch Mr. Colm. Ich bin zu Euch geeilt, um Euch etwas über den Tod Eurer Frau mitzuteilen. Ich habe auch Eure schöne Tochter Katrina kennen gelernt. Hübsches Ding. Ich werde mich etwas um sie kümmern“
Mein Auftritt, aber wohl mehr meine Worte brachten ihn völlig aus der Fassung. Er starrte mich an wie einen Teufel. Wie Recht der gute Mann doch hat schmunzelte ich in Gedanken, legte freundlich lächelnd eine Hand an seine Schulter, der er mit seinem Blick brav folgte, zog in einer blitzschnellen Bewegung sein Messer aus seinem Gürtel und rammte es ihm ins Herz.
Seine Augen traten fast aus den Höhlen und sein Mund öffnete sich weit. „Leider muss ich auf ihren Segen verzichten Mr. Colm,“ setzte ich meine kurz unterbrochene Rede fort, „aber machen Sie sich keine Gedanken. Katrina wird es gut bei mir haben und Sie können jetzt zu Ihrer Frau gehen. Sie wartet schon auf Sie. Grüßen Sie sie von mir. Sicher ist sie mir noch dankbar, für die Befreiung von der irdischen Last, die sie mit sich herumtrug.“ Ein krächzendes Stöhnen kam noch über seine Lippen. Seine Hände fuhren zum Griff des Messers, hatten aber keine Kraft mehr und krampften sich nur darum. „Sehr schön.“, kommentierte ich diese Aktion, trat um ihn herum, gab ihm einen leichten Stoß und er fiel wie ein Brett nach vorne und mit einem klatschenden Geräusch auf den kalten Fliesenboden, die Hände immer noch um den Messergriff gekrallt.
Ich roch Blut… ich sah es unter seinem Körper hervorquellen und schloss scharf einatmend die Augen. Die Gier, das Verlangen mich zu laben, packte mich mit Macht und mein Körper war wie ein wildes Tier, dem ich mühsamst meinen Willen aufzwang. Keuchend und mit rotglühenden Augen entfernte ich mich von Katrinas Vater. Es durfte nichts verändert werden. Alles war perfekt. Niemand würde an etwas anderes als Selbstmord denken und ich musste schnellstens von hier weg. An der Tür wurde ich unsichtbar und hatte Minuten später den Friedhof verlassen. Leicht geschwächt von der Anstrengung wankte ich auf die Häuser zu und wurde erst wieder sichtbar, als ich die ersten Häuser hinter mir gelassen und in die engen, schmutzigen Straßen eingetaucht war. Die Gier war immer noch da. Nicht mehr so stark, aber ich wusste, ich würde bald wieder töten müssen, denn ich hatte zu viel Energie verbraucht. Sogar das Sonnenlicht störte mich immer mehr.
Mir kamen zwei Frauen entgegen, die Wassereimer schleppten. Sie blieben weit vor mir an einer Kreuzung stehen und verabschiedeten sich wortreich und aufgeregt. Meine empfindlichen Ohren hörten das Wort Hexe und ich blieb stehen, tat so als würde ich die erbärmliche Auslage eines Schneidergeschäftes mustern und hörte zu. Ich war zu weit weg, als dass sie damit rechnen konnten, dass ich ihr Gespräch verfolgen konnte. Das Schlachtvieh hatte sehr viel schlechtere Ohren.
„Ich habe es schon immer gewusst.“, stieß die Dicke hervor, „Ich brauche sie gar nicht mehr zu beobachten, was ich aber tun werde.“ Die andere nickte eifrig. „Tu das, Aigneis. Auch ich werde auf dieses Luder achten. Wir müssen unbedingt wachsam sein, bevor noch mehr passiert.“ Die Dicke nickte heftig. „Mir tut nur der arme Mr. Colm leid. Was muss der arme Mann nicht alles durchmachen.“ Beide nickten seufzend und wichtigtuerisch und dann trennten sie sich mit vielsagenden Blicken. Die Dicke kam auf mich zu, nahm mich jetzt erst wahr und ihr Schritt wurde merklich langsamer. Die andere verschwand in der Nebenstraße. Ich wandte mich ihr zu und ging ihr ein paar Schritte entgegen. Sie war nicht nur korpulent sondern auch recht groß. Voller Blut… Ich hörte es in ihren Adern rauschen und leckte mir unwillkürlich die Lippen, was sie wohl etwas anders interpretierte, denn sie stellte gespielt keuchend ihre Eimer ab und fuhr sich durchs Haar. Nicht nur meine Gier war geweckt, sondern auch mein Interesse, wegen der Erwähnung des Namens Colm.
Ich näherte mich ihr weiter, lächelte und zog meinen Hut. „Dorian Hawkins… Kann ich Euch behilflich sein Miss?“ Mit diesen Worten nahm ich ihre Eimer in die Hände, deren Gewicht ich kaum spürte und bot ihr an, diese für sie zu tragen. Sie schmolz förmlich dahin. „Aigneis Frazer“, flötete sie mit geröteten Wangen und setzte ein halbherziges „Nicht doch… Das kann ich nicht annehmen.“ hinzu.
Ich ließ natürlich keinen Widerspruch zu, machte zwei Schritte in ihre Richtung und sah mich dann wortlos um. Mit einem zuckersüßen Lächeln rauschte sie an mir vorbei und wir hatten es gar nicht mehr weit. Schon drei Häuser weiter blieb sie vor einem Nebeneingang stehen, öffnete die unverschlossene Tür und winkte mich hinein. Ich musste mich etwas bücken um das Loch zu betreten, welches in eine art Abstellkammer führte. Ihre Haltung hatte sich geändert. Ihre Augen glänzten und sie gab sich Mühe sich möglichst vorteilhaft zu bewegen. Ich stellte die Eimer ab und machte einen Schritt. Das genügte völlig, um mich ihr bis auf wenige Zentimeter zu nähern. Sie roch ungewaschen und ihr Atem stieß mich ab. Aber nur einen Moment, denn das Rauschen ihres Blutes überlagerte alles andere. Eine blühende Frau und so viel Blut… Junges, frisches, köstliches Blut… Ekstase… Wonnen… Energie für Tage… Ich blickte in ihre weit aufgerissenen Augen und meine eigenen glühten in düsterem rot. Sie keuchte entsetzt auf, wollte zurückweichen, wollte schreien, aber ich packte sie mit einer Hand an der Kehle und drückte zu. Sie röchelte, wurde rot und dann blau; sie zappelte, schlug und trat um sich. Lächerlich; ich spürte es kaum und ihre Kraft ließ schnell nach. Mit dem letzten Rest meiner Vernunft ließ ich sie noch einmal los. „Nicht schreien, sonst…“ Ich ließ die Drohung unausgesprochen und sie nickte vor Angst zitternd. „Erzähl mir von der Hexe.“ Sie nickte hastig und die Worte sprudelten aus ihr heraus wie ein Wasserfall. Ich erfuhr von der Szene am Brunnen und was die Weiber im Begriff zu verbreiten waren. Katrina war in großer Gefahr. Mit solchen Verdächtigungen waren schon viele junge Frauen auf dem Scheiterhaufen gelandet. Der Redeschwall der Dicken wurde von einem Gurgeln unterbrochen, als ich sie mit raubtierhafter Geschwindigkeit packte, meine Zähne lustvoll in ihren Hals schlug und endlich trank, trank, trank… Bis zur absoluten Sättigung, bis ich glaubte vor Energie zu platzen und mich mächtiger fühlte als ein Gott. Ich trank sie leer. Jeden Tropfen aus ihren Adern und es war so viel…
Ihre Hülle ließ ich zu Boden gleiten. Wieder verwischte ich die Bissspuren mit meinem Messer, aber trotzdem würden sich die Leute wundern. Kein Tropfen Blut war zu sehen. Die Leiche war weiß wie ein Laken und in den gebrochenen Augen spiegelte sich pures Entsetzen. Ich konnte sie nicht liegen lassen. Sie musste verschwinden. Ich hatte wieder Kraft genug. Im Schutze meiner Deflektorfähigkeit und mit der Leiche über der Schulter verließ ich Callandar wieder und verschwand zu einem nahe gelegenen Moor in den Highlands…
28.5.06 21:40
 


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