Verborgene Gedanken

Kapitel 13 (Dreizehn!! ;) )

Hast du tatsächlich vor zurück zu kehren? Ich konnte sie nicht allein lassen. Nein… Die Dorfbewohner glaubten sehr wahrscheinlich an die Wahrheit dessen, was dieses Weib verbreitete. Ich war sicher, dass sie genau in jenem Moment jedem, den sie traf, mitteilte, wer als nächste brennen würde. Im Falle, dass sie die vermeintliche Hexe nicht fanden, musste ihre Familie dafür büßen, dass sie eine Hexe unter sich hatten und es deckten oder gar nicht bemerkten. Ich schnaubte verächtlich bei diesem Gedanken. Es müsste jeder einzelne gefoltert werden, der je Kontakt mit ihr hatte, würde man dieser Begründung penibel folgen.
Du kannst nicht zurück. Es ist zu spät. Ich lief mit hastigen und etwas unbeholfenen Schritten am Ufer des kleinen Wasserlaufs am Rande des Dorfes entlang. Meine Eimer hatte ich in meiner Fassungslosigkeit komplett vergessen. Sie lagen noch immer am Brunnen, von dem ich Hals über Kopf geflohen bin. Kein kluges Verhalten. Sie werden es dir sicher anhängen. Meine Gedanken rasten. Ich wollte meine Familie nicht für mich leiden lassen, doch ich hatte eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was passieren würde, wenn irgendein unglückseliger Zufall dazu beitragen würde, dass meine „Schuld“ bewiesen werden konnte.
Und doch… Eine Gelegenheit…? Wieder schlich sich eine dieser absurden Ideen in meinen Kopf, denn es bot sich eine Möglichkeit zu verschwinden. Und diese Möglichkeit war fast zum Greifen nah. Ich musste sie nur nehmen und festhalten…
Mit einem energischen Kopfschütteln warf ich diese Gedanken von mir und schon trugen mich meine Beine zurück in Richtung Dorf. Zuerst schlug ich noch ein schnelles Tempo an, doch je weiter ich in das Dorf hineinkam, desto langsamer wurde ich. Unruhe ergriff mich und immer öfter sah ich mich verstohlen um, obwohl es dafür keinen ersichtlichen Grund gab. Das Dorf lag ruhig da. Vielleicht ist es zu ruhig? Meine Stirn zog sich in leichte Falten. Viele der Dorfbewohner waren sicherlich auf den Feldern. Aber kein einziges Kind sprang durch die Gassen. Keine Frau war vor dem Haus, um die Wäsche zu schleudern. Nicht einmal ein Hund bellte. Es war unheimlich. Noch unheimlicher wurde es, als plötzlich hastige Schritte die Stille durchbrachen.
„Katrina!“
Ich kannte die Stimme, konnte sie aber nicht zuordnen. Es war eine hohe, mädchenhafte Stimme. Die Schritte kamen näher.
„Katrina!“
Die Stimme klang aufgeregter. Ich trat einige Schritte nach vorn und blieb an der Ecke eines Hauses stehen. Nun erkannte ich ein leises Pfeifen in den Atemzügen des Mädchens, welches meinen Namen rief. Es war…
„Kat-“
…meine Schwester. Mit einer Geschwindigkeit, als wäre der Leibhaftige persönlich hinter ihr her gewesen, fegte sie um die Ecke des Hauses und stieß mich beinahe von den Füßen. Ich strauchelte, doch sie klammerte sich sofort an mir fest, sodass ich mein Gleichgewicht wahren konnte. Allerdings verdarb mir ein Blick in ihr Gesicht jede Freude über ein verschontes Hinterteil.
Ihr Atem rasselte und das charakteristische Pfeifen war laut zu hören. Sie hatte einmal eine schwere Lungenkrankheit und jenes Pfeifen war die bleibende Erinnerung daran. „Katrina!“ Fragend sah ich sie an. Als ich allerdings keine Antwort bekam, verdrehte ich die Augen, ging vor ihr in die Hocke und sah sie fest an. Ich war nun mit ihr fast auf gleicher Höhe. „Ganz ruhig. Was ist passiert?“ Ich erwartete nichts Weltbewegendes. Mary hatte schon immer einen Hang zu Überreaktionen und regte sich viel zu heftig auf, was ihrer Gesundheit natürlich weniger zu Gute kam.
Sie schluckte schwer, um sich zu beruhigen. „Katrina!“ Ja, das kennen wir nun schon… Ich schüttelte den Kopf. Was ich jetzt brauchte, waren klare Gedanken und keine innere Stimme, die mich ständig ablenkte. „Sprich doch!“, animierte ich meine jüngste Schwester, die mir immer mehr wie ein aufgescheuchtes Huhn vorkam. „Sie… Sie haben…“ – „Was haben sie?“ – „Vater! Er ist… Er ist… Er hat sich…“ Wieder schüttelte ich den Kopf. Jedoch nicht abwehrend, sondern fassungslos. Ich sah in ihren Augen, was geschehen sein musste. Es war nicht nötig, dass sie weitersprach. Das Grauen, welches in den braun-grünen Tiefen lag, sprach Bände. Ich wollte sie in die Arme nehmen, doch sie wehrte ab. Verwirrt sah ich sie an. „Du musst weg von hier, Katrina!“ Sogar dieses Balg hat es schon erkannt. Hör auf sie und verschwinde! „Aber… aber warum denn, Mary?“ Wie naiv kann man sein? Was fragst du noch? Hätte die Stimme eine Hand und eine Stirn; Ich war sicher, jene wären in diesem Moment unsanft aufeinandergetroffen. „Sie suchen nach dir. Sie sagen, du seiest an all dem Schuld. Sie glauben, du hättest alle verhext. Und es wird jemand vermisst.“ – „Wer?“ – „Aigneis Frazer.“ Meine Augen weiteten sich vor Schreck. Das war allerdings ein Grund besorgt zu sein. Nicht, dass der Selbstmord meines Vaters allein gereicht hätte. Scheinbar machte sich jemand einen Spaß daraus, mir das Leben schwer zu machen… Oder es gar zu beenden? „Katrina, was hat das alles zu bedeuten?“ Ich konnte es kaum mit ansehen. Tränen stiegen in die Augen meiner Schwester. Sie war gerade erst 14 und Vollwaise. Wie sollte sie all dies nur verstehen? Wie sollte sie verstehen, dass Ihre Familie scheinbar nichts anderem als reinem, willkürlichen Hass zum Opfer fiel? Hass, dessen Ursprung ich nicht einmal kannte.
„Bitte, Katrina.“, sagte sie, als sie statt einer Antwort nur ein sanftes Streicheln über ihr Haar von mir bekam. „Du musst verschwinden! Nimm dir Samira und flieh so schnell du nur kannst! Mach dir keine Sorgen um uns, wir schaffen das. Rajo passt auf uns auf.“
Dieses naive Mädchen. Noch naiver als du? Langsam wurde mir dieses innere Etwas unheimlich, denn es begann eigene Gedankengänge zu führen. Allerdings war mir das zu diesem Zeitpunkt recht egal. Ich verdrängte es und schob es auf die Aufregung, die ich empfand.
Samira, unsere alte Kaltblutstute, die auf dem Feld half, würde mit Sicherheit keine hektische Flucht überleben. Sie stand einem Herzanfall schon nahe, wenn sie ihre Zeit nur ruhig kauend im Stall verbrachte. Wir besaßen noch einen Hengst, doch dieser war zu wertvoll, um ihn der Familie zu nehmen. Er war ein wahres Schlachtross und stand hoch im Blut. Der ganze Stolz und der letzte verbliebene Rest von etwas Lohnendem der Familie, was ihn aber leider nicht vor der Feldarbeit bewahrte.
„Katrina, geh!“ Marys Stimme war von Schluchzen erstickt, doch sie brachte die Kraft auf, mich von sich zu stoßen. Schwankend und leicht überrascht richtete ich mich wieder auf und fand mich neuerlich in die Seite gestoßen. „Geh! Es ist besser, wenn du gehst!“ Das wolltest du doch immer. Warum gehst du nicht, wenn man es von dir verlangt? Ja… Warum nicht? Vor wenigen Augenblicken hatte ich noch darüber nachgedacht, und nun? Was hielt mich an diesem Ort?
„Geh zu ihm. Er nimmt dich sicherlich mit. Es ist besser, wenn ihr beide von hier fortgeht.“ Irritiert sah ich Mary an. Er? „Ja, der Besitzer des Stadthauses. Ich weiß, dass all das hier wahrscheinlich nur wegen Mrs. Frazers Neid auf dich entstand. Er interessiert sich für dich und sie wollte es nicht wahrhaben.“ Was für ein schlaues Mädchen deine Schwester doch ist. Mich überraschte dies tatsächlich ein wenig.
„Und genau deswegen hat sie Aigneis verschwinden lassen!“
Ich fuhr herum und instinktiv verbarg ich Mary hinter meinem Rücken. Misstrauisch blinzelte ich gegen die Sonne, bis ich einen Mann ausmachen konnte. Jedoch konnte ich nur dunkle Umrisse sehen, denn ich war zu geblendet.
„Deine Schwester wirst du auch nicht mehr schützen können, doch wir lassen Gnade vor Recht ergehen. Ihr wird nichts geschehen. Doch du, Hexe, wirst brennen, das schwöre ich beim Allmächtigen Herrn!“
Mary stieß einen spitzen Schrei aus und bevor ich mich auch nur ansatzweise wehren konnte, packten mich zwei kräftige Hände aus dem Hinterhalt und ein plötzlich explodierender Schmerz an meinem Hinterkopf löschte die Welt um mich herum augenblicklich aus…
26.7.06 11:36
 


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