Verborgene Gedanken

Kapitel 14

Vereinzelte Nebelschwaden krochen über den trügerischen Boden des kleinen Sumpfgebietes, in dem ich die Leiche verschwinden lassen wollte. Es war ein ruhiger, fast verwunschener Platz. Natürlich empfingen meine empfindlichen Ohren trotzdem das leise Rascheln der Insektenwelt, das vorsichtige Trippeln kleiner Pfoten und andere Geräusche der Tierwelt, die hier aber irgendwie gedämpft waren. Als würde die Atmosphäre des Ortes allein genügen, jeden Besucher zur Zurückhaltung zu mahnen. Leise zu sein, vorsichtig aufzutreten, wachsam zu lauschen und nur ja selbst keinen Laut von sich zu geben. Lange bevor ich den Rand des Moores erreicht hatte, war mir schon der typische Geruch von Moder und Fäulnis in die Nase gestiegen. Es sah aus wie eine weitläufige Lichtung, an deren Rand schmale Rinnsaale von Bächen versickerten. Braune Erde die hier und da kleine Gasblasen platzen ließ, mit kleinen Inseln von Gras und kleinem Buschwerk bewachsen.
Die Blasen erinnerten mich an etwas und ich öffnete die Bauchdecke der bleichen Hülle, die einmal Aigneis Frazer gewesen war, mit zwei schnellen Messerschnitten um zu verhindern, dass die Leiche durch Bildung von Verwesungsgasen wieder an die Oberfläche treiben konnte. Spuren hinterließ ich dadurch keine, denn der Körper war absolut blutleer. Die Stelle, an der sie ihr modriges Grab finden sollte, hatte ich schon ausgesucht. Sie lag nur wenige Schritte weit vom Ufer entfernt. Ich hatte schon früher ausprobiert, dass sie zuverlässig auch größere Teile gierig verschlang und so konnte ich es mir ersparen, meine teure Kleidung zu verschmutzen und hob die schwere Aigneis einfach über meinen Kopf und warf sie zielsicher dorthin. Das Aufplatschen des massigen Körpers klang wie ein Schmatzen in meinen Ohren und ich sah zu, wie sie langsam versank. Nur eine Menge Blasen zeugten noch von dem Geheimnis, dass diese Stelle nun barg und hoffentlich lange bergen würde.

Als ich mich umdrehte, hatte ich die Episode bereits vergessen und ein feines Lächeln spielte um meine Mundwinkel, denn ich glaubte, dass meinen Plänen nun nichts mehr im Wege stand. Ich vermutete, dass der “Selbstmord“ von Katrinas Vater inzwischen entdeckt worden war und ich gedachte, den gramgebeugten Hinterbliebenen meine selbstlose Unterstützung angedeihen zu lassen und für ihr Auskommen zu sorgen. Es würde mich nicht ärmer machen und es war eine gute Gelegenheit Katrina endgültig näher zu kommen. Ich schmunzelte bei dem Gedanken den rettenden Engel zu spielen, in dankbare Gesichter zu blicken, die nichts davon ahnten wer für ihre Lage verantwortlich war. Das Mädchen würde bald mir gehören und wir würden diesen langweiligen Ort hinter uns lassen. Ja, es war total einfach. Aber hatte ich im Ernst Schwierigkeiten erwartet? Grinsend schüttelte ich den Kopf. Das Dorf erschien am Horizont und ich ging beschwingt darauf zu, bereit die Beute einzusacken die ich mir redlich verdient hatte.
Aufgeregte Stimmen schlugen mir entgegen, als ich durch eine verwinkelte Gasse auf den Marktplatz zuging, den ich passieren musste um das Stadthaus zu erreichen. Wieder hörte ich das Wort “Hexe“ und runzelte die Stirn. Hatte ich nicht die Rädelsführerin der Hexenjagd beseitigt? Ärgerlich mischte ich mich unter die aufgeregte Menge. Ich fiel nicht besonders darin auf und nahm die eine oder andere Musterung aus meist weiblichen Augen gelassen hin. Ich war zwar nicht scharf darauf gesehen zu werden, aber verstecken musste ich mich nicht. Schließlich war ich eine Respektperson, ein reicher Mann, der es sich leisten konnte, sich dem Müßiggang hinzugeben. Allerdings war meine Gelassenheit nur vorgetäuscht, denn ich erfuhr natürlich den neuesten Aufreger des Ortes in fast allen Einzelheiten. Mir entging auch Geflüstertes nicht. Katrina war als Hexe verhaftet worden. Man machte sie für alles verantwortlich. Für das Unglück ihrer Familie und auch für das Verschwinden von Aigneis Frazer. Bei letzterer wurde mein Name sogar ins Spiel gebracht und ich versteifte mich, bis mir klar war, dass es anscheinend um ein Eifersuchtsmotiv für Katrinas böswilliges vorgehen gegen Aigneis ging. Nun verstand ich die verstohlenen Blicke besser und entfernte mich rasch von diesem Ort der Aufregung und des Geschwätzes, als ich wusste, dass man Katrina im Keller des Rathauses sicher untergebracht hatte. Einen Prozess würde es morgen Mittag geben und am Abend würde sie brennen. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche, denn die Frauen vor so einem Gericht hatten keine Chance.

Wütend stieß ich mit dem Fuß gegen einen Stein. Ich ärgerte mich über die neuen Schwierigkeiten. Selbst ich konnte es mir nicht leisten, offen gegen eine Hexenverbrennung vorzugehen. Selbst wenn ich es verdeckt tat, war das Risiko groß, aufzufallen. Dann konnte ich mein Stadthaus hier vergessen und mich die nächsten hundert Jahre nicht blicken lassen, wenn man mich nicht noch landesweit verfolgte. Bei Hexenjagden verstand das Schlachtvieh keinen Spaß. Der dumpfe Glaube, dem es anhing, konnte beachtliche Kräfte entwickeln. Missmutig erwog ich die Möglichkeiten. Ich hatte einen Tag Zeit, etwas zu tun. Katrina wurde von zwei Stadtwachen bewacht und vor dem Rathaus war immer viel los. Ich musste ungesehen den Keller erreichen, die Wachen ausschalten, Katrina ungesehen herausbringen und dann…? Ja… was dann? Ich konnte nicht sofort mit ihr fliehen. Mein Fehlen würde auffallen. Ich musste sie verstecken und wegen des Zeitmangels musste ich auch noch schnell handeln. Konnte nichts vorbereiten, sondern nur improvisieren. Kopfschüttelnd dachte ich darüber nach sie aufzugeben. War sie es wirklich wert, dermaßen hohe Risiken einzugehen? Meine ruhige Existenz in der Nähe meiner zweibeinigen Nahrung zu gefährden?
Eigentlich doch eher nicht. Wer war sie schon? Ein Bauerntrampel. Allerdings ein Bauerntrampel im Körper Ramonas. Ich zischte einen Fluch. Ich wollte sie zurück. Wollte wenigstens diesen reizenden Körper wieder spüren. Wollte mir zurückholen, was man mir vor langer Zeit nahm und gleichzeitig eine willige und perfekte Begleiterin auf meinem jahrhunderte langen Weg aus ihr machen. Sollte ich mir das von diesen Tölpeln nehmen lassen? Ich atmete tief durch. So betrachtet, sah es wieder anders aus. Katrina war meine Beute und niemand wilderte in meinem Revier. Entschlossen ging ich auf mein Haus zu, verschwand durch die Tür, traf meine Vorbereitungen und wartete auf meine beste und zuverlässigste Freundin – die Nacht.

Mit den Händen auf dem Rücken stand ich kurz darauf im Salon und starrte aus dem Fenster. Die einfachste Möglichkeit, die des Frontalangriffs, schloss ich nach einer Weile aus, oder betrachtete sie als Plan B in meinen Erwägungen. Natürlich konnte ich die Wachen ausschalten. Ich konnte sie töten oder ich könnte alle töten, die sich mir in den Weg stellen würden, aber was würde ich damit erreichen? Ich würde ein Schlachtfeld zurücklassen und damit in ein Wespennest stechen. Es musste etwas besseres geben. Ich musste dem Volk eine Erklärung für Katrinas Verschwinden geben, an die es glauben konnte, ohne das ganze Land aufzuscheuchen. Es musste etwas unerklärliches sein. Etwas magisches. Am besten schob ich es dem Teufel persönlich in die Schuhe. Passenderweise zauberte ich ein diabolisches Lächeln in mein Gesicht, was aber nicht lange anhielt, denn ich hatte nun zwar den Unhold für die Bauerntrampel ausgesucht, aber noch keine Idee wie ich im Rathaus auf höllische Weise zuschlagen würde, um meine Braut, die Hexe, zu mir zu holen. Ich brauchte eine Inspiration. Nachdenklich warf ich einen Blick auf meine schwer beladenen Bücherregale.

Stundenlang blätterte ich mich durch das eine oder andere Thema ohne viel zu finden, was ich nicht schon vorher gewusst hätte. Der Teufel stank nach Schwefel. Er liebte es, sich in Rauch zu hüllen, Angst und Schrecken zu verbreiten, Gott zu lästern und Hexen glücklich zu machen. Feuer sollte also eine Rolle spielen, was auch genügend Aufregung verursachen und für ausreichend Rauch sorgen würde. Den Schwefel würde mir Mac Caine besorgen und den Teufel, würde ich wohl höchstselbst geben müssen. Ich hatte noch von meinem letzten Besuch Venedigs eine hübsche Maske in meinem Fundus und hoffte, dass niemand den Bocksfuß vermissen würde, wenn er dem Teufel gegenüberstand. Trotzdem blätterte ich weiter und fand doch noch etwas Interessantes. Es gab diverse Salze, die Flammen in bunten Farben flackern ließen und die Vermengung von Schwefel, Salpeter und Holzkohle konnte für beeindruckende Effekte sorgen, die nicht ungefährlich waren. Die Liste für Mac Caine wurde länger. Sicher würde der Apotheker über diese Ingredienzen verfügen und ich sollte mich beeilen, ihn auf den Weg zu schicken. Ich klappte die Bücher wieder zu, rieb mir recht gut gelaunt die Hände, schickte Mac Caine zum Einkaufen und suchte mir die übrigen Sachen zusammen, die ich anziehen und die ich mitnehmen wollte.

Das Stadthaus hatte einen tiefen Gewölbekeller, in dessen unterstem Geschoss sogar eine Feuerstelle angebracht war. Der Kamin zog sich von ganz unten bis zum Dach und so hatte ich mich gleich nach Mac Caines Rückkehr dorthin verzogen, um im Schein von mehreren Fackeln die Mischungen herzustellen und zu testen. Es ging mir nicht darum, dass es laut knallte, sondern darum, dass es zischte, qualmte und nach Schwefel stank. Das Buch hatte mir ein paar Hinweise gegeben und so mischte ich eine, wie ich meinte, schwache Ladung zusammen. Auch eine lange Zündschnur stellte ich her, indem ich etwas von der Pulvermischung mit Harz an einen Faden klebte und diesen mit Zwirn umwickelte. Danach schnitt ich die Zündschnur in kleinere Stücke für meine hoffentlich funktionierenden Päckchen. Ich wartete auf die Dunkelheit, wegen der Rauchentwicklung, Nichts sollte die Aufmerksamkeit der Bauerntölpel auf den Kamin meines Hauses lenken. Ich verbrauchte die Hälfte meines Materials bis ich zufrieden war. In dem Keller stank es inzwischen infernalisch nach Schwefel, aber das störte mich wenig. Hauptsache war, dass niemand etwas durch die meterdicken Mauern hören würde. Das letzte Päckchen zischte, dass es jedem Überraschten einen gehörigen Schrecken einjagen musste und verglühte dabei ziemlich heiß, setzte mit Leichtigkeit Holz in Brand, welches ich in kleinen Mengen dazu gelegt hatte und dieses brannte solange das beigemischte Barium- oder Strontiumsalz reichte in grünen oder roten, sehr hoch schlagenden zuckenden Flammen. Zufrieden stellte ich weitere Päckchen her, solange mein Vorrat noch reichte. Viele waren es nicht mehr, aber drei mussten eben reichen. Ich packte sie in einen Beutel an meinen Gürtel, an dem noch mehr Dinge befestigt waren, die ich brauchen würde. Inzwischen war es dunkle Nacht und Zeit für den Auftritt des Herrn der Hölle. Dass ich durch die Experimente einen etwas strengen Geruch ausstrahlte konnte meinem Auftritt nur förderlich sein und so verzichtete ich darauf, das Bad aufzusuchen. Ich hatte sowieso keine Zeit mehr dafür.

Geschützt von den Schatten der Nacht verließ ich mein Anwesen wieder in weicher, bequemer und vor allem schwarzer Lederkleidung. Ein dunkler Umhang vervollständigte die Ausstattung, in dem zwei Miniarmbrüste gespannt und gesichert befestigt waren. Die Teufelsmaske hatte ich ebenso dort verstaut. An meinem Gürtel hingen meine Utensilien, ein zierliches Kurzschwert und zwei Wurfdolche. Ein paar kleinere Einbruchswerkzeuge hatte ich ebenfalls eingepackt. Ich wollte sie erst zurücklassen, denn ich sah keinen Grund einzubrechen. Im Schutze meiner Deflektorfähigkeit würde ich schon ungesehen ins Rathaus kommen, aber man konnte nie wissen und die kleinen Haken und Dietriche, die an einem Eisenring aufgereiht waren, behinderten mich nicht.
Schon weit vor dem Rathaus verschwand ich trotz der Dunkelheit für menschliche Augen. Auf weichen Ledersohlen erreichte ich lautlos das Gebäude, in dem trotz der nächtlichen Stunde Licht brannte und der Eingang war bewacht. Ich wartete einfach ab, denn ich wusste die beiden würden abgelöst werden und so traten auch zur nächsten vollen Stunde zwei verschlafene Kumpane vor die Tür und hielten ein kurzes Schwätzchen mit ihren Vorgängern, während ich an ihnen vorbei in die Eingangshalle huschte. Die beiden Abgelösten verschwanden in einer Kammer direkt hinter dem Eingang um zu schlafen, bis sie wieder an der Reihe waren. Ich gedachte allerdings, sie um diesen Schlaf zu bringen. Mich kurz orientierend suchte ich das Treppenhaus in den Keller, was ich schließlich seitlich der eigentlichen Empore hinter einer einfachen unverschlossenen Tür fand. Der Keller war nicht tief. Nur zwei Treppen führten hinab. Fackelschein erhellte die unteren Gänge und menschliche Stimmen waren zu hören. Ich unterschied wieder zwei. Es gab also genug potenzielle Zeugen, die den Teufel persönlich sehen und davon erzählen konnten. Ich ging zunächst die Stufen nach oben, um einen Fluchtweg zu planen. Im ersten Stock öffnete ich ein hinteres Fenster. Einen Sprung dort hinab, auch mit Katrina als Gepäck, wäre eine leichte Übung. Nun musste ich nur noch einen geeigneten Platz für meine Päckchen suchen. Es sollte ja schön brennen, die Wachen sollten aufgescheucht werden und Katrina sollte nichts passieren. Eine kleine Tür fiel mir auf, die ebenfalls unverschlossen in einen kleinen Erker mündete, über den man um eine Ecke die Empore der Eingangshalle betreten konnte. Das war gar nicht schlecht. Ich war geneigt, meine Pläne etwas abzuändern, Katrina zuerst zu befreien, danach den Auftritt des Teufels zu inszenieren und dann mit ihr zu verschwinden. Die weite Treppe der Eingangshalle mit der Empore war sicher geeignet, dem Herrn der Hölle ein angemessenes Ambiente zu geben. Mit einem übertrieben teuflischen Grinsen machte ich mich auf den Weg.
27.8.06 19:07
 


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