Verborgene Gedanken

Kapitel 15

Es stank bestialisch und in meinem Schädel schien eine ganze Kolonne Handwerker auf etwas einzuhämmern. Es war mir unmöglich, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, weshalb ich einige Zeit brauchte, bis ich überhaupt begriff, wo ich war. Ich sah meine Umgebung nur verschwommen und undeutlich, als müssten sich meine Augen nach Tagen wieder daran gewöhnen, etwas zu sehen. Mein Zeitgefühl hatte sich scheinbar verflüchtigt. Ich hatte keine Ahnung, wie viele Stunden wohl vergangen waren. Ich hob den Kopf und blinzelte durch die Schleier, die sich auf meine Sicht gelegt hatten. Ich fand mich in einem winzigen, steinernen Raum wieder. Es gab keine Fenster. Nur eine schwere hölzerne Tür, die aussah, als hätte sie einer ganzen Armee Pferde standhalten können. Ungefähr in Augenhöhe war ein kleines rechteckiges Loch im Holz ausgespart. Es war vergittert.
Der Kerker... Wie sollte es auch anders sein? Es geht zu Ende mit dir, Katrina. Ich hätte mehr von dir erwartet, Kleines. Ich seufzte beinahe lautlos und nur allmählig lichtete sich der Nebel um meine Gedanken, wenn auch das stetige Hämmern in meinem Kopf damit eher zunahm. Ich ging dazu über, mich zu vergewissern, dass diese Schläger mich zumindest halbwegs heil gelassen hatten. Es kostete einige Mühe, meinen rechten Arm zu bewegen und kaum war es mir gelungen, vernahm ich ein leises, aber unheilvolles Klirren. Meine Stirn zog sich unwillkürlich in leichte Falten, als ich an meinem Arm hinauf sah. Schwere Ketten hielten ihn nach oben, sowie auch den anderen Arm. Scheinbar hing ich die ganze Zeit über so in diesen Ketten. Ich bezweifelte, dass ich mich jemals wieder normal bewegen könnte, sofern ich diese Ketten losbekommen würde. Ein weiterer Blick wanderte an mir hinunter und ein entsetztes Keuchen entfuhr mir. Ich war vollkommen nackt und stand aufrecht, nur von meinen Fesseln gehalten, an einer steinernen Wand. Augenblicklich drängte sich auch das Bewusstsein in meine Gedanken, dass es sehr zugig in diesem Loch war und jeder einzelne meiner Knochen schmerzte. Ich fröstelte, was die Ketten laut klirren lies.
Still, Weib! Du wirst noch jemanden auf dich aufmerksam machen! Ein leises Schnauben zischte durch meine Nase. Ich war es leid. Diese Stimme fiel mir auf die Nerven. War ich denn vollkommen verrückt? Oder auf dem besten Wege in diese Richtung?
Wenn du wüsstest, Kleines… Diese Aussage machte mich nun doch stutzig und… Moment mal… Ich hätte mehr von dir erwartet… Waren das nicht vor einigen Momenten erst die Worte dieser Stimme? Aber noch nie hatte dieses Etwas von sich selbst gesprochen. Und nie zuvor hatte es überhaupt eine eigene Stimme. Bisher hatte ich immer den Eindruck, es war meine eigene, die in meinem Kopf widerhallte. Aber diese war nun anders. Tief und rauchig…
Aber was tat ich dort? Ich dachte über etwas nach, was in meiner Lage eigentlich vollends unerheblich war. Eben in jenem Moment, als ich dies dachte, drehte sich krachend ein Schlüssel im Schloss um und die schwere Tür wurde aufgestoßen, als wäre sie nur aus leichten Brettern, statt aus wuchtigen Eichenbohlen gefertigt.
Die Luft, die in den Raum wehte, brachte einen noch durchdringenderen Gestank nach menschlichen Ausscheidungen und Tod mit sich. Scheinbar hatte ich doch eines der angenehmeren Zimmer in diesem Gasthaus erwischt. Der unruhig tanzende Lichtschein einer Fackel drang herein und – ob ich es mir nun einbildete oder nicht – ich glaubte, einen gequälten Schrei zu hören, bevor schwere Stiefel auf den Steinboden trafen und die Tür wieder ins Schloss fiel. Es bereitete mir einige Mühe, den Kopf zu heben und gegen das Fackellicht zu blinzeln. Es war sicherlich nicht besonders hell, doch das Dämmerlicht, welches mich zuvor noch umgab, war um einiges gnädiger zu meinen Augen gewesen. Ich versuchte zu erkennen, wer dort den Raum betreten hatte, doch kaum, dass ich einen Blick auf den hünenhaften Mann erhaschte, explodierte erneut ein heftiger Schmerz in meinem Kopf. Er reichte nicht aus, um mich wieder zurück in die erbarmungsvolle Dunkelheit sinken zu lassen, doch ich senkte mit einem leisen Wimmern, das ich nicht unterdrücken konnte, den Kopf. Ich tat dies so ruckartig, dass die Ketten erneut laut klirrten.
Nein! Keine Träne! Nicht eine einzige! Ob es nun mein weiblicher Stolz oder das vor Genugtuung triefende, leise Lachen war, welches ich hörte, – vielleicht sogar beides – ich bemühte mich tatsächlich darum, mich zu beherrschen. Es gelang mir auch. Ich hörte, wie die Fackel in eine eiserne Halterung an der Wand glitt und kurz darauf, wie die Schritte der schweren Stiefel näher kamen. Sie bewegten sich in mein Gesichtsfeld und blieben schließlich dicht vor mir stehen. Eine wahre Pranke hob sich an mein Kinn und instinktiv wollte ich zurückweichen, doch es war mir durch meine missliche Lage ohnehin nicht möglich, mich zu bewegen. Grob wurde mein Kinn angehoben, sodass ich gezwungen war, diesen Kerl anzusehen. Er verdeckte mit seinen breiten Schultern das Licht der Fackel und ich erkannte den Kerkermeister vor mir. Ich hatte ihn zuvor schon ab und zu auf der Straße gesehen und schon, als ich mich noch in Freiheit befand, war er mir unheimlich gewesen.
„Wenn du einmal wach bist, erlaube mir eine Frage: Was treibt dich denn hier hinunter in mein Reich, hübsches Kind?“ Sein Atem schlug mir entgegen und machte die in Ironie ertränkte Stimme nicht sonderlich angenehmer. Eine Antwort bekam er nicht von mir. Lediglich einen wenig von Sympathie zeugenden Blick schenkte ich ihm. Er hatte scheinbar nichts anderes erwartet, denn das spöttische Lächeln auf seinem Gesicht wurde noch eine Spur tiefer. Er war mir so nahe, dass ich ihn riechen konnte. Es machte die Sache nur noch unangenehmer, denn ich schloss aus diesem Geruch, dass er weder sonderlich fromm lebte, noch den Genuss von Alkohol verachtete. Ich verzog unwillig das Gesicht, was ich mir lieber hätte verkneifen sollen, denn ich handelte mir eine saftige Ohrfeige ein. Mein vielmehr überraschter Aufschrei hallte an den steinernen Wänden wider und noch bevor ich mich sammeln konnte, fand ich mein Gesicht abermals im Griff des Hünen.
„Sei lieber nett zu mir, wenn du die Zeit bis zu deiner Anhörung noch überleben möchtest, Schätzchen.“ Seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, doch die unverhohlene Drohung darin war kaum zu überhören. Seine Worte riefen mir auch augenblicklich in Erinnerung, dass ich vollkommen nackt vor ihm an eine Wand gekettet war. Ich war wehrlos. Ihm völlig ausgeliefert. Scheinbar ist auch ihm dieser Umstand in eben jenem Augenblick wieder eingefallen, denn etwas in seinem Blick änderte sich. Plötzlich lag ein solch übertriebener Sanftmut darin, dass es einfach nicht echt sein konnte. Ich ahnte, was mir bevorstand, als er mich - nein, nicht mich, sondern meinen Körper – mit Augen musterte, in denen die Gier nicht deutlicher stehen konnte. Seine grobe Hand ließ mein Kinn los und meine Zähne verbissen sich in meiner Unterlippe, als ich jene Hand an meiner Hüfte spürte. Mich überkam ein unglaubliches Ekelgefühl, als auch seine zweite Hand begann, meinen Körper zu erkunden. Ich zwang mich, die Augen zu schließen. Es war besser so. Sein Anblick hätte mir in diesem Moment sicherlich noch die restliche Beherrschung geraubt und ich zweifelte nicht an der Ernsthaftigkeit seiner Drohung.
Lass das nicht zu! Wenn du schon grundlos stirbst, dann wenigstens unbefleckt. Merkwürdig… Eine gewisse Ironie lag in diesem Tonfall. Meinte Es diese Worte nun ernst, oder war es nur ein erneuter, beißender Hohn?
Was zögerst du? Mach schon! Wehr dich! „Wie denn?“, antwortete ich verzweifelt und mir wurde erst klar, dass ich dies laut ausgesprochen hatte, als der Hüne vor mir plötzlich in seinem Tun inne hielt. Seine Hände waren inzwischen ein Stück nach oben gewandert. „Was hast du gesagt?“
Dass ich dich in Stücke reiße, sobald ich diese Ketten los werde, du dreckiger Lustmolch!
Nun machte meine andere Wange Bekanntschaft mit der Art des Hünen, Ohrfeigen auszuteilen. Gepfeffert und sehr schmerzhaft. Ich schaffte es noch immer, die Tränen zurückzuhalten. Im ersten Moment fürchtete ich, ich hätte die Worte des Etwas laut ausgesprochen, doch ein hasserfüllter Blick in das Gesicht des Hünen verriet mir, dass ich einfach nur beharrlich geschwiegen hatte. In seinem Gesichtsausdruck lag ein grimmiger Befehl und keine maßlose Empörung.
„Nichts… Gar nichts…“, antwortete ich hastig. Wohl etwas zu hastig. Er kam noch näher und ich schickte ein Stoßgebet wohin auch immer, dass ich nicht die Kontrolle verlieren würde. Sein Gesicht war nun nur noch wenige Zentimeter von meinem entfernt. „Sicher doch, Schätzchen… Mit wem hast du geredet? Sicherlich nicht mit mir.“
Was für ein unglaublich kluger Bursche. Du sprachst mit dem Teufel persönlich. Sag ihm das! Ich starrte in das Gesicht des Hünen und glaubte nicht, was ich dort hörte. Konnte dieses Etwas denn tatsächlich… ?
Natürlich nicht, dummes Mädchen. Aber dieser Lustmolch kann das doch nicht wissen. Also los! Sag es ihm! Ich konnte es noch immer nicht fassen. Was diese Stimme dort verlangte, kam doch einem offenen Geständnis gleich. Nein, es war eines.
Tu es einfach! Es wird dir noch helfen, glaube mir… Aber wie konnte Es denn wissen, was mir irgendwann einmal helfen würde? Andererseits… Ich ahnte bereits voraus, dass sich die Hand des Hünen im nächsten Moment wieder heben würde. Was hatte ich noch zu verlieren?
„Also?“, fuhr er mich an. „Nun…“,setzte ich an und bemühte mich, einen möglichst hinterlistigen Blick aufzusetzen, „…mit Luzifer persönlich. Dem Leibhaftigen.“ Es kostete mich nur noch wenig Mühe, ein Flackern in meine Augen zu zaubern, welches ohne Zweifel ausdrückte, dass ich den Verstand verloren haben musste. Die Augen des Kerkermeisters weiteten sich vor Schreck und ich konnte nicht umhin, noch etwas Nachdruck in meine vorangegangenen Worte zu legen: „Er wird mich aus deinen Klauen befreien! Ich werde nur noch für ihn leben!“ Ich ließ ein Lachen folgen, welches jeden Zweifel davon fegen sollte und dies auch offensichtlich tat, denn er wich mit angsterfülltem Blick vor mir zurück. „Du… du verdammte Teufelshure!“, rief er aus und stolperte beinahe über seine eigenen klobigen Stiefel, als er fluchtartig den Raum verließ und die Tür hinter sich beinahe in ihr Schloss prügelte.
Ein fast schon zufriedenes Gefühl machte sich in mir breit. Auch wenn ich nicht zu ahnen wagte, was ich dort ausgelöst hatte. Unbarmherzig stach mir nun das Licht der Fackel wieder in die Augen. Es wurde nicht mehr von breiten Schultern verdeckt und in seiner Hast hatte der Hüne das Feuer scheinbar vergessen. Wieder explodierte dieser Schmerz im hinteren Teil meines Kopfes und dieses Mal reichte es aus, um mich der sanften Umarmung der Dunkelheit hinzugeben…
11.9.06 20:46
 


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