Verborgene Gedanken

Kapitel 16

Eingehüllt von meiner Deflektorfähigkeit stieg ich die Kellertreppe hinab und bewegte mich unhörbar den Gang entlang auf den Fackelschein zu. Es war nichts mehr zu hören. In einer halbrunden Kammer am Ende des Ganges schnarchte ein Wächter auf einer Pritsche hinter einem primitiven Tisch, vor dem zwei Stühle standen. Der Tisch war mit Essensresten, Flaschen und Spielkarten bedeckt. Es roch nach Verfaultem, nach Brot, Wurst und Wein. Aber auch nach Tod, Blut, Urin, Kot und menschlichem Schweiß. Angewidert von dem Odeur und dem tristen Ambiente hielt ich inne. Die Fackel warf tanzende Schatten an die Wand und ich grübelte. Ich hatte eindeutig vor kurzem zwei Stimmen gehört. Wo war der zweite Mann? Schließlich wollte ich nicht überrascht werden, also drückte ich mich an die Wand und lauschte. In den Wänden des halbrunden Raumes waren zwei schwere Türen eingelassen, die sich gegenüber lagen. Ich befand mich direkt neben der linken und hörte nun in der Stille von gegenüber Stimmen. Die Stimme einer Frau und die eines Mannes. Zufrieden nickend konzentrierte ich mich mehr, öffnete meine Vampirsinne und verstand danach jedes Wort aus der Zelle, denn es waren natürlich Zellen und ich hatte das Ziel meiner Mission gefunden. Der Kerkermeister persönlich wollte sich an Katrina heranmachen und versprühte seinen herben Charme, gewürzt mit roher Gewalt. Noch war es nicht so schlimm, dass ich eingreifen musste und ich schickte Katrina schmunzelnd eine gedankliche Botschaft, dass sie nicht mehr lange schmachten würde, denn der Teufel persönlich würde sich um sie kümmern, dabei verschiedene Aktionen abwägend, die mir offen standen. Natürlich rechnete ich damit, dass der Kerkermeister irgendwann anfangen würde zu tun, warum er Katrinas Zelle betreten hatte und so hatte ich wohl keine Wahl, als ihn daran zu hindern und die Zelle zu betreten. Ich würde ihn wohl töten müssen, denn ich wollte den Auftritt des Herrn der Hölle gerne auf der Empore haben. Das hatte sich als malerische Szene in mir gefestigt. Womit ich nicht rechnete, war die Wendung, des „Gesprächs“ in der Zelle. Erstaunt zog ich eine Augenbraue hoch, als Katrina trotz ihrer hilflosen Lage die Oberhand zu gewinnen schien und die Zweite schoss nach oben als ich hörte wie sie dies tat. Als ob sie meine Gedankenbotschaft gelesen hätte, drohte sie genau mit dem, was ich vorhatte und beeindruckte den Kerkermeister derart, dass er sich zurückzog. Urplötzlich musste ich handeln und wie ich es tun würde, lag auf der Hand. Der Kerkermeister sollte sehen, wie schnell die Mächte der Finsternis zur Stelle sind, wenn sie gerufen werden. Grinsend zog ich die Teufelsfratze über mein Gesicht, prüfte, ob ich auch gut im Licht stand und wurde sichtbar, als die massige Gestalt des Kerkermeisters sich gerade aufgeregt damit beschäftigte die Zelle Katrinas wieder zu verriegeln.

Er drehte sich um und ich erlaubte mir unter der Maske ein leises Lachen, denn der Anblick dieses riesigen, grobschlächtigen Mannes war einfach zu köstlich. Er wurde totenbleich, die Schlüssel fielen ihm aus der Hand, seine Knie begannen tatsächlich zu zittern und der größer werdende Fleck im Schritt seiner schmutzigen Hose sagte mir, dass er wohl trotz seiner Bärenkräfte kein mutiger Mann war. Er wollte schreien, aber nur ein Krächzen entrang sich seiner Kehle. Ich machte einen majestätischen Schritt auf ihn zu und er rutschte wimmernd an der Bohlentür nach unten. Ich hielt das für ausreichend, um meinen guten Eindruck als Teufel bei ihm festzuhalten. Noch zwei schnelle Schritte und meine Hand fuhr zu seiner Kehle. Ohne große Anstrengung zog ich ihn am Hals wieder hoch und oben angekommen, starrten mich zwei hervorquellende Augen aus einem blau gewordenen Gesicht an, in denen der Irrsinn funkelte. Die Atemnot ließ das Funkeln schließlich ersterben. Röchelnd verlor er das Bewusstsein und bevor ich ihn tötete, stieß ich ihn an der Mauer neben der Tür zu Boden. Sein Gesicht machte dabei innige Bekanntschaft mit dem groben Mauerwerk und anschließend mit den rauen Fußbodenplatten. Er würde sicher wie ein Troll aussehen, wenn er an das Licht des Tages zurückkehrte.

Mit dem zweiten Mann hielt ich mich nicht lange auf. Er brauchte den Teufel nicht zu sehen, war aber ein nettes Opfer für eine teuflische Tat. Ich tötete ihn schnell. Trat ihm einfach ins Genick, welches mit einem lauten Knacken brach. Die Gelegenheit war günstig und so nahm ich die Teufelsmaske ab, labte ich mich an seinem Blut, genoss kurze Zeit den Rausch der Macht und der Ekstase. Nun würde mich nichts mehr aufhalten. Ich fühlte mich stark genug es mit dem ganzen Dorf aufzunehmen und musste mein überschäumendes Ego mühsam in den Griff bekommen, um meinen Plan kühl weiterzuverfolgen. Ich biss meinem Opfer den Kopf ab. Es sollte hässlich aussehen. Knackend zermalmte ich den Nackenwirbel und warf den Kopf beiseite. Mit der gezackten Klinge meines Dolches öffnete ich seinen Brustkorb und riss das Herz heraus, wickelte es in einen schmutzigen Lappen und steckte es zu meinen Utensilien. Der Leichnam sah nun wahrhaft teuflisch genug aus, um ihn so zurückzulassen und so bewegte ich mich wieder auf die Tür der Zelle zu. Den Schlüssel hatte mir mein Freund der Kerkermeister ja mundgerecht davor abgelegt. Er begann gerade wieder, sich zu bewegen als ich dort ankam, was keine gute Idee von ihm war, denn sein Gesicht machte daraufhin einige erneute Bekanntschaft mit dem Steinboden. Endlich lag er ruhig. Ich sah beiseite, denn aus seiner Nase floss nicht wenig Blut, richtete mich auf und steckte den Schlüssel ins Schloss. Ohne Maske betrat ich den stinkenden dunklen Raum.
Der nackte Körper Katrinas hing in Ketten an der Wand. Sie schrak auf, sah mich aus glasigen Augen an als wäre sie gerade aus einer Ohnmacht erwacht und hielt mich wohl im Dunkeln für einen neuen Interessenten ihrer Reize. Allerdings schenkte ich diesen im Moment nicht die gebührende Beachtung. Sie empfing mich mit wüsten Flüchen, brabbelte mit irrem Blick etwas vom Teufel und ihrer baldigen Befreiung und ich nickte ihr schmunzelnd zu, während ich mich an den Schlössern ihrer Eisenringe an den Gelenken zu schaffen machte. „Wie recht Du doch hast, meine nackte Schöne. Der Teufel ist da. Wo bitte ist Euer Besen für den Abflug? Und wo habt Ihr gelernt, zu fluchen wie ein Bierkutscher?“ Meine Fragen brachten sie sichtlich aus der Fassung. Ihr Gesicht lief in einem tiefen rot an und sie atmete tief ein. Das gab mir Gelegenheit ungestört ihre Fesseln zu lösen und sie aufzufangen, denn ihre eingeschlafenen Muskeln trugen ihren Körper nicht mehr. Ich setzte sie ab, lehnte sie an die Wand und massierte, nun selbst leise fluchend, ihre Gelenke, zog sie wieder hoch, aber anscheinend hatte sie alle Kraft verlassen, denn sie sank wieder nach unten. Schweigend ergab ich mich in das Notwendige und warf sie mir über die Schulter. Die Eisenringe verschloss ich wieder sorgfältig. Auch die Tür würde ich wieder schließen und die Schlüssel mitnehmen. Ich war bereit für meinen eigentlichen Auftritt und verließ die Zelle. Ein letzter Tritt an den bulligen Schädel des Kerkermeisters und ich befand mich wieder in dem langen Gang zur Kellertreppe.

Ohne jemandem zu begegnen erreichte ich das Obergeschoss und das Fenster, durch welches ich das Rathaus verlassen wollte. Einen Moment erwog ich sogar es gleich zu tun. Vielleicht war der Kerkermeister ja schon beeindruckt genug. Aber dann schüttelte ich den Kopf. Nein… es sollte nicht nur einen Zeugen geben. Dann würde das dumme Bauernvolk keinen Zweifel mehr haben.
Ich öffnete die kleine Tür zur Empore, legte Katrina dort ab und gab ihr ein beschwörendes Zeichen, ruhig zu sein. In ihren aufgerissenen Augen stand aber nur grenzenloses Staunen und sie schwieg mich weiter an. „Gut so, Kleines, genau so will ich Dich haben.“, murmelte ich noch, bevor ich mich abwandte und meine Päckchen und die Zündschnüre hervorkramte. „Vielleicht sollten wir Dir auch mal was anziehen, aber im Moment musst Du leider im Evakostüm dem Auftritt deines Geliebten beiwohnen, Hexe Katrina. Ich denke, das ist aber in Ordnung.“ So etwas wie ein leises Stöhnen war zu hören, welches ich geflissentlich ignorierte. Am Fuß der Treppenaufgänge standen zu beiden Seiten wuchtige hölzerne Schränke. Gutes Brennholz und so öffnete ich jeweils eine Tür und platzierte je ein Päckchen darin. Das dritte fand seinen Platz in einer Art Theke vor der Tür zu den Wachräumen. Die Zündschnüre brannten und während ich die Treppe hinaufstürmte zog ich mir wieder die Fratze über das Gesicht. Ich nahm die inzwischen völlig mit ihrer Fassung kämpfende Katrina auf die Arme, sorgte für einen malerischen Fall ihres üppigen Haares über meinen Arm und für eine möglichst nach vorne gut sichtbare Darbietung ihres reizenden Körpers und stellte mich in Positur auf der Empore.

Ein dreifaches, markerschütterndes Zischen war zu hören. Aus den Schränken und der Theke schlugen grüne und rote Flammen und es stank nach Schwefel, dass es sogar einem Vampir schlecht werden konnte. Endlich stürmte die Wache des Haupteingangs die Halle des Rathauses. Sie machte nicht gerade den Eindruck militärisch exakten Auftretens. Die Uniformen waren eher derangiert, manche waren wohl aus der Pritsche gefallen, in der sie ihre Ruhezeit verbrachten. Andere hatten scheinbar, statt zu wachen, lieber dem Alkohol gefrönt. Es waren vier und sie brachten es bei meinem Anblick wenigstens fertig, wie ein Mann zu stehen und in so etwas wie eine Grundstellung zu fallen, wenn man von den verzerrten Gesichtern einmal absah mit denen sie mich anglotzten. Inzwischen loderten die Flammen meterhoch und verloren allmählich ihre Farbe. Dichter Qualm zog durch die Halle und trieb die Männer hustend zurück, was kurz darauf in einer wilden Flucht und handgreiflichem Gerangel an der Ausgangstür endete. Ich nutzte diese Gelegenheit, mich zurückzuziehen. Wie es aussah, würde die Feuerwehr von Callandar sich über einen ruhmreichen Einsatz freuen können. Ich war gespannt, ob es ihr gelingen würde meinen Freund den Kerkermeister zu retten.

Katrina lag steif in meinen Armen. Immer noch kam kein Ton über ihre Lippen. Kopfschüttelnd ging ich auf das Fenster zu, warf sie mir über die Schulter und sprang hinab in den hinteren Garten. Im Dunkel der Büsche zog ich die Maske vom Gesicht. „Etwas mehr Begeisterung wäre schon angebracht, mein Fräulein. Schließlich befinden Sie sich in den Armen Ihres Retters und wenn ich auch nicht der Teufel persönlich bin, so denke ich doch, dass eine echte Hexe wie ihr sich nicht wie eine Jungfrau wenn es donnert aufführen sollte.“ Wider Erwarten bekam sie doch noch ihren Mund auf und antwortete mir mit einem säuerlichen Gesichtsausdruck: „Augenscheinlich bin ich eine Jungfrau und Ihr habt soeben ein nicht zu kleines Donnerwetter veranstaltet.“ Es fehlte noch das leise Schnauben, welches durch die zierliche Nase stoßen sollte, um mir zu zeigen, dass ich einem Trampeltier scheinbar sehr ähnlich war, doch es blieb aus. Stattdessen schien die Kraft, die sie soeben noch gesammelt hatte, sie wieder zu verlassen und sie fiel erneut in Schweigen. Ich war nicht wenig verwundert über diese Worte und dass sie überhaupt etwas gesagt hatte, doch ich machte mich mit dem Gedanken vertraut, die süße Last nach Hause tragen zu müssen. Nicht dass mich das besonders gestört hätte, denn ich spürte ihr Gewicht kaum und so zog ich los. Ich verbrauchte etwas mehr Energie um auch den nackten Körper von Katrina unsichtbar zu machen und erreichte ungesehen mein Stadthaus. Aufatmend aber auch mit dem Hochgefühl des Siegers schloss ich die Tür und setzte sie ab. Wenigstens schien sie wieder auf eigenen Füßen stehen zu können. „Willkommen in meinem bescheidenen Heim Katrina, ich bin erfreut, Euch so schnell wieder zu begegnen.“ Es war hell genug in der Diele, dass sie mich nun erkennen musste, wenn sie es nicht vorher schon getan hatte, aber immer noch sagte sie kein Wort, versuchte nur beschämt ihre Blößen zu bedecken. Ich zuckte mit den Schultern und klingelte nach Mac Caines Weib. „Steck sie in die Wanne und bring sie dann ins Bett, in das vergitterte Zimmer und schließ die Tür ab. Besorg ein paar passende Kleider für unsere Hexe. Ich kümmere mich später um sie.“ Sprachs und verschwand in meiner eigenen Zimmerflucht. Katrina konnte noch eine Weile warten. Sie sollte erst einmal in der Verfassung sein, mir in die Augen zu sehen und mehr als ein Stöhnen von sich zu geben…
24.9.06 21:45
 


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