Verborgene Gedanken

Storyline

Kapitel 11

Wie ich schon erwartet hatte, konnte ich kaum schlafen. Ich warf mich von einer Seite auf die andere und wenn ich doch einmal in einen leichten Dämmerzustand verfiel, schreckte ich nach wenigen Minuten aus grässlichen Träumen hoch. Ich gab es schließlich auf, setzte mich an den Rand meines Bettes, dessen Matratze ein unbequemer Strohsack darstellte, und stützte den Kopf in die Hände, wobei sich meine knochigen Ellbogen etwas schmerzhaft in meine Oberschenkel bohrten. Es war mir egal. Vielleicht sagte mir dieser Schmerz ja auch, dass ich noch nicht völlig den Verstand verloren hatte und ich ließ ihn deswegen einfach zu? Auch die Antwort auf diese Frage war mir völlig gleich. Ich saß sehr lange so da, während das Sonnenlicht langsam durch das Fenster in mein Zimmer kroch und es in ein warmes Orangerot tauchte. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so müde gewesen zu sein und trotzdem kreisten meine Gedanken unaufhörlich ihre Bahnen um diesen Mann, was mich nur noch mehr ermüdete. Ich wollte nicht über ihn nachdenken. Ich wollte auch nicht über meine Mutter oder meine Zukunft nachdenken. Ich wollte einfach nur in einen erlösenden Schlaf fallen und wenigstens für ein paar Stunden all das vergessen, was mich umgab und mir Sorgen bereitete. Doch es wurde mir nicht gegönnt und ich versuchte es auch nicht weiter. Nach schier endloser Zeit hob ich den Kopf von den Händen und sah durch die wirren schwarzen Strähnen, die mir im Gesicht hingen, zum Fenster hinüber. Das Orangerot hatte sich aufgehellt und auch die Hähne im Dorf haben ihre unerträglichen Begrüßungsschreie an die Sonne zum Ende kommen lassen. Ich stand auf. Langsam, denn ein leichtes Schwindelgefühl hatte sich in meinen Kopf geschlichen. Mit trägen Bewegungen streifte ich mein Kleid über und trat ans Fenster. Reges Treiben herrschte unten auf der Straße. Die Frauen begaben sich zum Dorfbrunnen, um Wasser zu holen. Sie trugen große hölzerne Eimer mit sich und unterhielten sich auf ihrem Weg unablässig.
„Katrina! Verschlafenes Weibsbild!“
Ich zuckte heftig zusammen, als die herrische Stimme meines Bruders durch das Haus schallte. Irritiert trat ich zur Tür und lugte die Treppe hinunter. Da stand er. Schon so früh am Morgen waren seine Hände über und über mit Erde bedeckt und sein braunes Haar hing ihm wirr und ungeordnet in die Augen. Ein durchaus hübscher Anblick, doch offenbar hatte er vor dem Frühstück schon die Pferde auf dem Feld umher gescheucht. Mir taten die Tiere leid. Dass Rajo vor Hunger der Magen knurrte, rang mir jedoch umso weniger Mitleid ab.
„Faules Stück! Warum hast du noch kein Wasser geholt? Und warum ist der Ofen kalt? Vor allem: Warum gibt es hier noch kein Essen? Glaubst du, du kannst hier immer noch faul sein, nachdem Mutter nun nicht mehr ist? Los! Scher dich endlich!“
Was bildete er sich eigentlich ein? Leicht geschockt blinzelte ich zu ihm hinunter und konnte nicht so recht fassen, was ich da gerade gehört hatte. Es widerstrebte mir eindeutig, den Forderungen meines Bruders nachzukommen. Es war, als würde ich meine nun nicht mehr abänderbare Zukunft endgültig anerkennen, wenn ich Rajo folgen würde. Aber ich wollte es nicht. Natürlich hatte ich schon zuvor meiner Mutter geholfen, wo ich nur konnte, doch mein Leben war in meiner freien Zeit, die mir gegönnt war, doch von vielen Überraschungen geprägt. Das war nun vorbei. Von jetzt an würde mein Dasein nur noch aus Arbeit und nichts anderem bestehen.
Rajo deutete eine befehlende Geste an und der aufkommende Protest in mir erlosch schlagartig, da ich doch einsah, dass er Recht hatte. So setzte ich mich in Bewegung, lief die Treppe hinunter und blieb auf der letzten Stufe stehen, als er mir nicht aus dem Weg trat.
„Eile, Katrina. Eile!“
Ich sah ihn verwirrt an, doch er hielt mir nur wortlos zwei große Eimer entgegen, die ich ohne darüber nachzudenken sofort nahm. Nun hatte ich es also wirklich zugelassen…
Auf dem Weg nach draußen erkannte ich meine Schwester, wie sie versuchte ein Feuer zu entzünden.
Ich seufzte und sah zu, wie meine Sehnsucht nach Freiheit einer Resignation wich, die eine merkwürdige Leere in mir hervorrief. Du willst aufgeben? Vielleicht würde sich ja irgendwann die Gelegenheit bieten, die ich nutzen konnte, um von hier fortzukommen? Eine Gelegenheit? Oder ein Mann? Mein Blick richtete sich starr auf das Pflaster vor meinen Füßen, während ich durch die Gassen zum Dorfbrunnen lief. Doch ich verscheuchte meine Gedanken, die sich wieder nur um ein und denselben Punkt drehten, als das Stimmengewirr der Frauen am Brunnen an meine Ohren drang. Ich blieb mit skeptischem Blick, den ich nicht einmal zu verbergen suchte, in sicherer Entfernung stehen. Die Frauen, die sich dort am Seil des Brunnens zu schaffen machten, waren allesamt in eine scheinbar höchst interessante Unterhaltung vertieft. Zaghaft trat ich ein Stück näher und mit einem Mal verstummten sie. Ich vermochte die Blicke, die mich trafen, nicht zu deuten. Mitleid? Oder gar Misstrauen? In der Luft lag eine merkwürdige Spannung. Ich wusste, dass meine Mutter diese Frauen gut kannte. Ich hingegen konnte nur vage sagen, wer sie waren. Da waren zum Beispiel die Frau des Müllers, die Tochter des Wirtes und die Gattin des Schmiedes. Bei den anderen war ich mir nicht sicher, wer sie waren.
Nach einigen Momenten, welche von einer knisternden Stille beherrscht wurden, setzte ein leises Murmeln ein. Ich näherte mich noch einige Schritte und im selben Maße züngelten die Geflüsterfeuer aufgeregter. …und aggressiver? Schließlich ergriff eine der Frauen das Wort: „Gutes Kind…“ Kind? Sie ist kaum älter als du. „…übernimmst du von nun an den Haushalt?“ Ich sah sie schweigend an. Taktgefühl schien ihr ein unbekannter Begriff zu sein.
„…Oder hat sie doch nur ihren Hass auf ihre Familie und dieses Dorf ausgelassen?“ Es war nicht mehr als ein Zischen, doch ich hörte es, als hätte jenes Weib die Worte ihrer Freundin ins Ohr geschrieen und nicht geflüstert. Langsam wandte ich mich ihr zu und sah sie mit einem Stirnrunzeln an. Ich genoss in der Tat keinen guten Ruf im Dorf, doch dass es so weit gehen würde, wäre mir nie eingefallen. Allerdings verstand ich sie in einem gewissen Maße Du bist zurückgezogen, still, in deinem Alter und mit deiner Schönheit noch immer allein... Mein Verhalten ist anders und somit erregt es Misstrauen. Aber ist das ein Grund, dir ein so übertriebenes Gefühl wie Hass nachzusagen? Scheinbar war es ein Fehler, so ein Leben zu führen. Schlagartig wurde mir bewusst, welch wilde Gerüchte im Dorf von Ohr zu Ohr gehen mussten. Meine Mutter war gestorben und ich, ihre sonderbare Tochter, spazierte durch das Dorf und verzog nur mäßig eine Trauermiene. Vielleicht hatten einige der Dorfbewohner sogar gesehen, wie ich letzte Nacht das Dorf verlassen hatte?
„Du brauchst mich gar nicht so verwirrt anzusehen.“, raunte die Frau. Sie war kaum kleiner als ich und maß einen beachtlichen Umfang und als ich sie musterte, fiel mir ein, dass über dieses Weib auch einige Gerüchte im Umlauf waren. Die Männer sollten ihr sehr gewogen sein, doch ich scherte mich wenig darum. Wahrscheinlich hatte sich diese Geschichte auch schon in Luft aufgelöst. Viel wichtiger war in diesem Moment, dass sie sich in meine Richtung bewegte. Wie ein lauerndes Tier sah sie mich an und trat einen Schritt nach dem anderen auf mich zu. Dieser Anblick erinnerte mich an die Wildkatze die ich außerhalb des Dorfes beobachtet hatte, doch ich zwang meine Gedanken, bei der Sache zu bleiben. Ich schwieg beharrlich weiter und bemühte mich, ihren Blick fest zu erwidern, auch wenn ich es inzwischen bereute, meine Eimer nicht an dem kleinen Gebirgsbach gefüllt zu haben, auch wenn der Weg weiter gewesen wäre. Meine Hände schlossen sich fester um die Griffe der Eimer, um ein leichtes Zittern zu verbergen, als sie sich auf wenige Handbreit genähert hat und ihr Blick sich stechend in meine Augen bohrte. „Warst es nicht du, die sich draußen im Moor mit diesem edlen Herren traf?“, fragte sie mit schneidender Stimme und es fiel mir immer schwerer, ihr standzuhalten. Woher weiß sie das? Ich zog es immer noch vor, ihr nicht zu antworten, auch wenn mir eine bissige Entgegnung auf der Zunge lag. Es wäre wohl nicht klug gewesen, sie zurechtzuweisen. Willst du dir das denn wirklich gefallen lassen? Dennoch brodelte eine leise Wut in mir.
„Ich deute dein Schweigen als ein ‚Ja’.“ Sie kam noch ein Stück näher und ich unterdrückte den Impuls zurückzuweichen. Um uns herum war kein Laut zu hören. Die anderen Frauen sahen gespannt zu und allmählig sah ich, worauf es hinauslaufen sollte und in die Wut mischte sich Angst. Angst vor dem, was unweigerlich folgen musste.
„Wie schaffst du es, dich für diesen anspruchsvollen Mann interessant zu machen? Du...“ Sie musterte mich abfällig. „... in deinen abgetragenen Kleidern, mit...“ Ihre Finger schnappten sich eine Strähne meines Haars. „... diesem stumpfen Haar.“ Ihre braunen Augen trafen die meinen. „Und mit diesen verschlagenen Augen.“ Sie ließ mein Haar los, allerdings nicht, ohne unnötigerweise einen Ruck durch es hindurchgehen zu lassen. Mir entfuhr ein schmerzerfülltes Schnauben, was ihr ein Lächeln entlockte, welches vor Genugtuung fast schon triefte. Sie wird doch nicht neidisch sein? Diese Frau, um die sich unzählige Männergeschichten ranken mussten? Auf mich? Neidisch? Natürlich... Und in Wahrheit beneidet sie dich auch um all die Dinge, die sie gerade so verächtlich benannt hat. Meine Angst wuchs und die Wut wurde vollkommen zurückgedrängt. Neid konnte aus Menschen wahre Bestien machen und ich traute ihr durchaus zu, dass die folgenden Worte die schlimmsten sein konnten. Wehr dich endlich! Ich war wie gelähmt. Ich hätte zum Bach gehen sollen. Ich hätte den Brunnen meiden sollen. Meine Verzweiflung stand mir scheinbar ins Gesicht geschrieben, denn ihr Lächeln wurde noch eine Spur hämischer.
„Hast du ihn etwa...“ Sie legte eine theatralische Pause ein und sah achtungheischend in die Runde, bevor sie mich wieder mit ihren Blicken erdolchte. „... verhext?“ Meine Augen weiteten sich. Sie hat es tatsächlich getan. Sie beschuldigte mich der Hexerei und fast alle weiblichen Dorfbewohner haben es gehört. Meine Eimer fielen lärmend zu Boden. Ich sah sie fassungslos an und schüttelte verzweifelt den Kopf, während ich nun doch langsam vor ihr zurückwich.
Arcana am 20.5.06 21:16


Kapitel 10

Hauchzarter Morgendunst umwehte ihre schlanke Gestalt vor dem Hintergrund des kleinen Dorfes wie ein Schleier. Sie verschwand mit hastigen Schritten und leicht wehendem schwarzen Haarschopf. Ein durchaus hübscher Anblick, trotz des undamenhaften Abgangs. Nein, sie war keine Lady. Ihre Erziehung war die eines einfachen Bauernmädchens, aber das würde sich ändern lassen. Ich war immer noch Überrascht von dem Verlauf unserer ersten Begegnung. Ich hatte zwar keine großen Schwierigkeiten erwartet, aber dass es so einfach sein würde gleich beim ersten Mal eine solche Vertrautheit herzustellen war eine Überraschung - ganz besonders deshalb, weil sie und nicht ich diese ganz spontan hergestellt hatte. 

Nunja - letztlich war ich dafür doch selbst verantwortlich gewesen. Ich hatte ihre Mutter getötet und das machte mich zutiefst misstrauisch, denn ich glaubte nicht an Zufälle. Der bisherige Verlauf unserer Bekanntschaft machte plötzlich den Eindruck auf mich, als wäre er von außen gesteuert, als wäre der Verlauf unausweichlich und schicksalhaft. Verlor ich die Kontrolle über das Geschehen? Waren andere Mächte die Spieler und ich nur eine Schachfigur? Das konnte ich auf keinen Fall akzeptieren und ich brauchte eine Weile um mich von diesem Gedanken zu befreien, denn er war zu abwegig. Nein, ich war der Regisseur und bestimmte den Verlauf des Schauspiels. Ich machte eine Ausnahme und ließ den Zufall gelten. Schließlich hatte ich sie bis zur Haustür verfolgt. Es war durchaus nicht unwahrscheinlich, dabei ihrer Mutter zu begegnen.

Aber ein unangenehmes Gefühl blieb doch. Meine Tat half mir beträchtlich, meine Pläne zu verwirklichen und das passte einfach zu gut. Unwillig schob ich die störenden Gedanken endgültig beiseite und beschäftigte mich mit dem Naheliegenden. Der Vater stand meinen Plänen noch im Weg. Dass Katrina nach dem Tod ihrer Mutter für ihn da sein wollte, war verständlich. Es war die Pflicht einer guten Tochter das zu tun. Aber dieses Hindernis ließ sich leicht beseitigen. Ich war sicher, mir würde etwas einfallen. Sie hatte mir ihren Familiennamen nicht verraten. Ich erkannte, dass es ein Fehler gewesen war, hier nicht nachzuhaken aber ich konnte auch nicht mit ihrem plötzlichen Verschwinden rechnen. Möglich dass sie sich darüber gewundert hatte, aber ich hielt es für nicht sehr wahrscheinlich und es war auch belanglos, denn ich kannte ihren Nachnamen längst von dem Schild an ihrer Haustür - Colm.

Sie war längst verschwunden als ich mich soweit gefasst hatte, dass ich ihrem Weg folgte, während die Welt um mich herum zu erwachen begann und die Vögel den heraufziehenden Morgen begrüßten. Die Landschaft der Highlands gewann an Kontur wie die niedergedrückten Häuser, auf die ich zuging. Ich ließ die Schönheit  dieser Morgenstunde beiläufig auf mich wirken, denn neue Pläne schmiedend waren meine Gedanken beschäftigt, aber nicht genug um meine Umgebung zu vernachlässigen, denn das Bewusstsein eines Jägers ist dafür zu wach und aufmerksam. Der Himmel war klar wie die kühle Luft. Es würde ein sonniger Tag werden. Nicht heiß, denn dazu war das Jahr noch nicht weit genug fortgeschritten. Außerdem konnte sich das im April leicht ändern.

Sonnenlicht war mir unangenehm. Es störte meine empfindlichen Augen und brannte auf meiner Haut, weshalb ich einen breitkrempigen Hut und Handschuhe zu tragen pflegte, wenn ich tagsüber unterwegs war. Nicht dass es mir direkt schadete. Das war nur der Fall, wenn meine Haut dem Licht schutzlos und über mehrere Stunden ausgesetzt war. Dann begann ein beschleunigter Verfall. Eine Austrocknung und Alterung im Zeitraffer, die mich einer galoppierenden Vergreisung anheim fallen ließ und mich bis zur völligen Hilflosigkeit schwächen konnte. Aber dagegen wusste ich mich zu schützen. Die Kindermärchen von Vampiren, die im Sonnenlicht verbrannten mochte das Schlachtvieh glauben. Zum Glück wissen sie nicht, wie sehr wir ihnen überlegen sind. Wir jagen sie wann immer es uns passt und wir schlafen auch nicht in Särgen, Höhlen oder Katakomben.

Jedenfalls ich nicht. Ich zog einen gepflegten Lebensstil vor. Es mochte allerdings niedere Kreaturen unseres Schlages geben, die sich zu diesen Orten hingezogen fühlten. Dies würde sicher von dem jeweiligen Vampir abhängen, durch den man selbst einer wurde. Ich lachte mit einem leicht arroganten Ausdruck, denn ich war durchaus zufrieden, mit den Kräften, die ich durch Ramona empfangen hatte und die es mir ermöglichten, ein fast normales Leben unter denen zu führen die mich nährten.

Das Dorf erwachte endgültig aus seinem Schlaf. Die Hähne begannen ihren morgendlichen Terror und da ich nicht auffallen wollte, hüllte ich mich in meine Deflektorfähigkeit. Meine Umrisse verschwammen und ich wurde für menschliche Augen unsichtbar. Ohne viel Zeit zu verlieren erreichte ich mein Domizil in Callandar. Eines meiner bescheideneren in den vielen Städten, in denen ich eines besaß. Es hatte nur zwei volle Stockwerke und ein spitzgiebeliges Dachgeschoss, welches noch von einem kleinen, runden Turm überragt wurde, der sich an die hintere Seite des Hauses schmiegte.

Das Grundstück war von einer niedrigen Granitmauer umgeben, deren oberer Rand ein schmiedeisernes Gitter säumte, in welches kunstvoll stählerne Rosen eingehämmert waren. Die Spitzen des Gitters waren messerscharf geschliffen und ragten mehr als sechs Fuß in die Höhe. Ich öffnete das komplizierte Schloss des ebenfalls stählernen und reichhaltig verzierten Tores und wurde wieder sichtbar. Es schwang lautlos auf und fiel während ich durch die Blumenrabatte des Vorgartens ging fast unhörbar von selbst wieder zu. Das Hausmeisterehepaar, welches ich hier umsonst wohnen ließ und zusätzlich bezahlte, wusste was es mir schuldig war und hielt die Anlage tadellos in Schuss.
Ich nahm die drei Stufen mutwillig mit einem Satz, passierte die beiden griechischen Säulen, welche das Vordach trugen und öffnete die schwere Eichentür aus jahrhundertealtem und daher fast schwarzem, eisenhartem Holz, betrat die zwar kleine aber in italienischem Marmor gehaltene und daher für diesen Ort völlig ausreichende Empfangshalle und hängte Mantel und Hut in die Garderobe. Bevor ich die geschwungene Freitreppe zu meinen oben liegenden Räumen betrat, betätigte ich die Klingel um den Hausmeister zu mir zu rufen, denn ich brauchte ein paar Informationen, die ich versäumt hatte, bei Katrina zu erfragen. Aber wozu hat man Dienstboten?

Der Hausmeister, erschien wenige Augenblicke später. Ein Mann, der seine besten Jahre schon hinter sich hatte. Er war aber immer noch eine stattliche Erscheinung. Groß, schlank und bestens ausgebildet. Eine verarmte schottische Adelsfamilie konnte sich keine Dienstboten mehr leisten und so nahm ich ihn und seine Frau bei mir auf, bezahlte ihn besser als vorher und konnte mir seiner Dankbarkeit und Diskretion gewiss sein. Er verbeugte sich knapp und nahm schweigend meine Wünsche entgegen.


 „Gestern wurde eine Frau ermordet, Mac Caine. Ich möchte wissen, wer sie war. Ihren Namen, wer zu ihrer Familie gehört, wo sie wohnte und wovon die Familie lebt. Auch wann das Begräbnis stattfindet. Vielleicht lasse ich den armen Hinterbliebenen etwas zukommen.“ Ich winkte und genauso diskret wie er erschienen war, zog er sich zurück. Bis zum Nachmittag würde ich alles wissen, was ich noch wissen musste und konnte mich dann daran machen das Ableben von Katrinas Vater zu inszenieren. Von einem weiteren Mord in dieser Familie wollte ich absehen. Es würde zu viel Staub aufwirbeln. Ein kleiner bedauerlicher Unfall würde genügen….
Vorerst konnte ich nichts mehr tun und so zog ich mich in meine Zimmerflucht zurück. Im Dämmerlicht hinter geschlossenen Vorhängen genoss ich die angenehme Stille, die mich umgab, gönnte meinem Körper ein paar Stunden Ruhe auf der Couch des Salons, während ich meinen ruhelosen Geist von ihm löste und mich damit beschäftigte in den Körper einer Ratte zu wechseln, die ich hinter der Wand des Kamins gehört hatte, um die dunkeln Instinkte und Sinneseindrücke dieses hässlichen Tieres auf mich wirken zu lassen…

Andrej am 20.4.06 21:48


Kapitel 9

Ein Schwall von Worten prasselte auf mich nieder. Ich hatte immer angenommen, die Klatschweiber könnten in ihrem Redefluss nicht mehr überboten werden. Aber wahrscheinlich übertrieb ich mit meinen Gedanken. Es war recht selten, dass viele Worte den Weg über meine Lippen fanden. Dementsprechend selten wurde auch mit mir gesprochen. Ich lauschte den Erzählungen des jungen Mannes, doch es drang nur das Wichtigste zu mir durch. Er erwähnte Städte, deren Namen ich teilweise noch nie gehört hatte, doch es klang faszinierend, wundervoll und vor allem klang es nach der großen Welt, die ich schon immer sehen wollte. Er erweckte das Fernweh in mir, welches schon so lange vor sich hin schlummerte. Zweifelsfrei waren seine Ausführungen höchst interessant und ich schalt mich innerlich für meine Unaufmerksamkeiten, doch ich war ein wenig abgelenkt…
Du solltest ihm nicht trauen... Er war einfach so aufgetaucht... Sah das nicht irgendwie geplant aus? Nein... Den Eindruck hatte ich nicht gehabt. Er hat dich doch verfolgt! Hatte ich nicht schon geklärt, dass meine Fantasie mir dort einen Streich gespielt hatte? Das glaubst du doch selbst…-
Mit einem Ruck holte er mich aus meinen Gedanken, als er mir plötzlich eine direkte Frage stellte. Seine angenehme Stimme veranlasste mich nun endgültig dazu, meine Gedanken zu verscheuchen. So rang ich mich doch dazu durch, ihm zu antworten.
Aber…- Still jetzt! Ich hatte Mühe, die Worte nicht mit einem Zischen tatsächlich auszusprechen.
„Ich wohne nicht sehr weit von Dorfplatz entfernt…“ Mehr wagte ich dazu nicht zu sagen. Wenn es wirklich er war, dem dieses prachtvolle Haus, es gab nur ein Stadthaus in Callandar, gehörte, so würden ihn die ärmlichen Verhältnisse, in denen ich lebte, wohl weniger interessieren. Aber nicht nur deswegen verschwieg ich meinen vollständigen Namen: „Man nennt mich Katrina…“ Er hakte nicht nach; fragte nicht nach dem weiteren Namen, was mich doch verwunderte. Stattdessen sah er mich aus warmen Augen an. „Ein sehr schöner Name… Katrina…“ Er deutete eine leichte Verbeugung an. Ich lächelte, doch ich hielt seinem Blick nicht stand und sah auf das dunkel daliegende Dorf hinab. „…und ich bin keine Lady…“, fügte ich noch einmal leise hinzu. Ich sah aus den Augenwinkeln heraus, dass er nickte und ich glaubte auch, ein leicht amüsiertes Lächeln zu erkennen.
Er macht sich über dich lustig. Ich konnte ihm sein Lächeln nicht verübeln. Schließlich benahm ich mich doch irgendwo wie eine zu groß geratene Bauerngöre. Die entstandene Stille erinnerte mich daran, was mich in meinem Elternhaus erwarten würde. Ich schauderte, doch ich unterdrückte den aufkommenden Schmerz. Scheinbar war dieser Versuch nicht sehr überzeugend, denn er fragte mich noch einmal, warum ich um diese Zeit außerhalb des Dorfes herumstreifte.
Du solltest es ihm nicht sagen. Das macht dich angreifbar… Entgegen jede Vernunft schrie etwas in mir förmlich danach, den Schmerz einfach herauszulassen. Ich blieb stehen; sah ihn immer noch nicht an. „Meine Mutter… Sie… wurde ermordet…“ Ich erlaubte mir weiterhin nicht, ihn anzusehen. Ich wollte ihn damit nicht belästigen, doch es drängte sich aus mir heraus, doch auch eine gewisse Angst mischte sich hinein, welche sich auch sofort in meiner von Schluchzen durchbrochenen Stimme niederschlug: „Ich werde für meinen Vater das Haus halten müssen… ich… ich…“ Mir versagte endgültig die Stimme, denn die Gewissheit, dass ich wohl tatsächlich nie mehr von hier fortkommen würde, traf mich wie ein Schlag ins Gesicht.
Ich spürte seine Hand auf meiner Schulter. Wohlige Wärme ging von dieser aus. Mit dieser Geste brachte er mir eine Geborgenheit entgegen, die ich so nicht kannte. Ein Sturm brach in mir los und fegte jede Vorsicht davon… So fand ich mich leise weinend in seinen Armen wieder. Ich verlor jedes Zeitgefühl und wusste nicht, wie lange ich all der Angst und dem Schmerz in Tränen Ausdruck verlieh und wie lange wir so dastanden. Er sprach kein Wort. Stattdessen drückte er mich an sich und strich sanft über mein Haar und meinen Rücken. Dies gab mir mehr, als es irgendein Wort des Trostes je gekonnt hätte…
Was tust du da eigentlich? Ich wollte mich nicht von ihm lösen. Ich wollte bei ihm bleiben… Du kannst ihm nicht trauen! Nur widerwillig löste ich mich doch von ihm. Was war nur in mich gefahren? Was hatte ich mir da erlaubt? „Ver… Verzeiht…“ Ich spürte, wie das Blut in mein Gesicht schoss. Mein nunmehr unruhiger Blick huschte zum Dorf. „Ich… Ich… Verzeiht!“, wiederholte ich noch einmal. Er hatte gar keine Zeit zu antworten, denn ich wirbelte herum und fast schon fluchtartig stolperte ich in Richtung Dorf davon. Ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn einfach stehen ließ, hatte ich nicht. Merkwürdigerweise war mir dies vollkommen gleich. Meine Gedanken schossen nur in ungeordneten Bahnen durch meinen Kopf. Ich hatte ihm vertraut. All mein misstrauen war in jenem Moment einer grenzenlosen Vertrautheit gewichen. Ebenso kannte meine Verwirrung nun kein Ende. Ich erreichte, nun beinahe in einen Laufschritt gefallen, das Dorf und bog prompt in eine falsche Gasse ein. Fahrig machte ich kehrt, blieb jedoch stehen um mich zu orientieren.
Der Horizont erhellte sich langsam. Die Nacht begann, den Platz für den Tag zu räumen und trieb den Mond vor sich her, der sich allmählig dem Ende seiner Bahn zuneigte. Ich war müde, denn wahrlich war mir nicht viel Schlaf gegönnt worden. Kopfschüttelnd rief ich mich zur Ordnung. Eine Frau, die vor dem ersten Hahnenschrei allein in den dunklen Gassen eines mittelgroßen Dorfes herumstreifte, fiel auf… und lebte nicht ungefährlich, wenn die Trunkenbolde aus ihrem Rauschschlaf erwachten. Meine Beine trugen mich fast von allein auf den richtigen Weg zurück, während meine Gedanken sich nun klar und einen Punkt drehten: um ihn. Doch warum konnte ich nicht sagen. Warum beschäftigte er mich so? Er war doch nur… Ein Mann. Was? Du bist 25 Jahre alt; eine hübsche und junge Frau. Und er ist ein unglaublich attraktiver und viel gereister Mann… Natürlich war nicht abzustreiten, dass er einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hatte und diese Nähe, die ich zugelassen hatte, war erschreckend. Nicht nur, weil sie von mir ausging. Ich wusste nicht, was es gewesen war, doch etwas hatte sich in mir geregt. Während ich darüber nachdachte, bemerkte ich nicht, wie meine Beine wie von selbst stehen geblieben waren. Erst als ich blinzelnd aufsah, registrierte ich, dass ich vor dem Haus meiner Eltern stand. Den kleinen Hinterhof mit einigen Tieren verbarg die Fassade des für unsere Verhältnisse doch recht großen Hauses. Mein Vater hatte es geerbt. Nur aus diesem Grund konnten wir es uns leisten. Wenngleich das niedrige, jedoch zweistöckige Haus recht verfallen aussah und in einem ebenso heruntergekommenen Teil des Dorfes stand. Überall bröckelte der Putz und an einigen Stellen lugten Lehm und Stroh aus der Wand hervor.
Ich nahm den Blick von der maroden Fassade und trat schließlich ins Haus. Es war vollkommen still. Meine Mutter war nicht mehr dort, wo ich sie zuletzt gesehen hatte. Das hieß, ihre Leiche war nicht mehr dort. Auch mein Vater schien nicht mehr da zu sein. Wahrscheinlich hatte er das Grundstück verlassen. Suchte sein Heil in der Kirche oder versuchte auf ähnlichen Wegen, seiner Trauer Luft zu machen...
Arcana am 24.3.06 22:29


Kapitel 8

Meine Zähne gruben sich in das Genick der vor Angst zitternden, völlig gelähmten Kreatur. Ihr Schweiß stank nach dieser Angst und würzte meinen Genuss. Blut benetzte meine Zunge und selbst als reines Bewusstsein im Körper dieses Tieres empfand ich den prickelnden Rausch und automatisch wollte ich mich ihm hingeben, jedoch entließ ich die Wildkatze dadurch aus meiner Kontrolle und diese biss einfach zu, brach dem Eichhörnchen das Genick mit einem lauten Knacken und beendete dieses kleine Jagdvergnügen viel zu abrupt. Leicht verärgert  drängte ich das animalische Bewusstsein wieder zurück, aber wozu? Die Katze hatte ihre Mahlzeit verdient und ich hatte meinen Spaß gehabt. Ich sollte mich wieder in meinen Körper zurückziehen.
Ich drehte den gelenkigen Kopf um noch einmal die Fähigkeiten von Katzenaugen in der Dunkelheit auf mich wirken zu lassen. Die Muskeln der Iris hatten den senkrechten Schlitz der Pupillen zu einem runden schwarzen Loch auseinander gezogen um auch das geringste Sternenlicht zu schlucken, die zelluläre Auskleidung der Netzhaut reflektierte und bündelte das Licht, was die Sehfähigkeit noch einmal verstärkte. Diese letzte Eigenschaft führte zu dem phosphorisierenden Effekt, der Katzenaugen im Dunkeln leuchten lässt, weshalb die einfachen Menschen sie oft für Geschöpfe des Teufels hielten.
Ich konnte sehen, als wäre es taghell, denn der Mond stand leuchtend am fast wolkenlosen Himmel und sein silbernes Licht reichte diesen Augen völlig, um jede Einzelheit in der Umgebung auszumachen.
So blieb mir auch die weibliche Gestalt nicht verborgen, die in der Nähe des umgestürzten Baumes stand und mich wohl die ganze Zeit beobachtet hatte. Ich wunderte mich darüber, dass sie mir nicht schon früher aufgefallen war, denn die feinen Ohren dieses perfekten Jägers hätten ihre Annährung wahrnehmen müssen. Aber vielleicht war sie schon da gewesen, als ich das Bewusstsein der Katze übernahm und mich in die Jagd stürzte. Möglich dass die Katze sie vorher gehört hatte, aber deren Empfindungen interessierten mich nicht und ich hatte sie nicht überprüft. Wie auch immer; sollte ich mir noch eine vampirische Mahlzeit gönnen? Das Angebot war verlockend. Eine Frau... ganz allein... schutzlos... viel zu weit weg vom Dorf, um mir noch zu entkommen... Ich grinste innerlich ein grausames Lächeln. Was für ein guter Tag. Ich war geneigt über die Stränge zu schlagen und meine Gier zu mästen.
Ein Sprung ins Gebüsch brachte mich mit Sicherheit aus dem Blickfeld der Frau. Das Eichhörnchen ließ ich fallen. Sollte die Katze sehen, wie sie es später wieder fand. Ich schloss die Lider so weit es ging, um mich nicht durch die reflektierenden Augen zu verraten. Mutwillig beschlich ich mein Opfer als Katze, um es zu betrachten, war wenige Sekunden später so dicht bei ihm, dass ich es hätte anspringen können, ohne dass sie mich bemerkte und unterdrückte mühsam ein Fauchen, welches meine Überraschung beinahe ausgelöst hätte. Ein gesträubtes Fell und einen monströs aufgebauschten Schweif konnte ich aber nicht verhindern: SIE stand vor mir... Ramona... Nein, nicht Ramona; ihre jüngere Ausgabe. Welch ein unglaublicher Zufall. Wie kam sie ausgerechnet hierher? Was hatte sie dazu getrieben, mir praktisch zu folgen?
Ich schob diese Gedanken unwirsch beiseite. Sie waren nicht von Bedeutung. Das Ziel meiner jüngsten Pläne stand vor mir und ich gedachte, diese Chance zu nutzen. Ich ließ die Katze ein paar Sätze Abstand zu dem Mädchen nehmen und löste mich dann von ihr, so sanft es mir möglich war, um das Tier nicht in Angst zu versetzen. Nicht dass es mir darauf ankam, die Katze zu schonen, aber ich wollte das Mädchen nicht erschrecken. Noch nicht. Vielleicht später. Vielleicht gar nicht, denn ich wollte ja ihr Vertrauen gewinnen.
Ich schlug die Augen auf, tastete über das Moosbett, auf dem ich lag und erhob mich vorsichtig, den Blick sofort auf sie gerichtet. Wie sollte ich ihr begegnen? Einfach auf sie zu…? Nein… das hätte mit Sicherheit ihr Misstrauen geweckt. Ich verschwand lautlos hinter ihr auf dem Weg nach Callandar, den sie für den Rückweg benutzen würde, lehnte mich dort an einen Baum und wartete einfach auf ihr Auftauchen. Wie ein nächtlicher Spaziergänger, der eine kleine Pause machte, um die in silbernes Licht getauchte Landschaft auf sich wirken zu lassen.
Ich brauchte nicht lange zu warten. Auch die Augen eines Vampirs sind bei Dämmerlicht nicht zu unterschätzen. Doch bevor ich sie sah, hörte ich ihre leichten Schritte, die von dem weichen Untergrund sogar gedämpft wurden. Ich ließ sie kommen, bewegte, als sie recht Nahe war sogar meinen Arm, um meinen eleganten Hut etwas in den Nacken zu schieben. Sie bemerkte es nicht. Sie war im Begriff, einfach an mir vorbeizulaufen, als ich mich von dem Baum löste und einen Schritt auf sie zu machte. Nun erschrak sie natürlich doch. Leicht verärgert erinnerte ich mich an die schwach ausgestatteten Sinne des Schlachtviehs. Ihre unzulänglichen Augen hatten mich in dem Zwielicht nicht von dem Baum unterscheiden können. Aber in ihrem Blick lag nicht nur bloßes Erschrecken.  Auch ein Funken Überraschung lag darin, so als würde sie mich erkennen, aber das konnte ich mir nicht vorstellen. Wahrscheinlich interpretierte ich einfach zuviel in diese primitive Seele hinein. Ich reagierte einfach so schnell wie möglich, um ihr die Angst zu nehmen und sprach sie an:  „Verzeiht, kleine Lady, ich wollte Euch nicht erschrecken. Ich dachte, Ihr hättet mich gesehen. Was treibt Euch in der Nacht noch in die dunklen Highlands? Noch dazu allein? Ich hätte nicht erwartet, noch jemandem zu begegnen.“ Ich schenkte ihr ein warmes, Vertrauen erweckendes Lächeln bei diesen Worten und hoffte, sie würde sich schnell beruhigen, denn ihr reizender Brustkorb hob und senkte sich recht schnell durch die Aufregung, die sie wohl empfand. Dementsprechend fiel auch ihre Antwort recht knapp aus. „Ich bin keine Lady…“, stieß sie hervor und starrte mich dabei immer noch wie eine Erscheinung an. Innerlich schmunzelnd überlegte ich mir meine nächsten Worte. Allerdings nahm ich mir durch ihre ersten etwas vor. Ich werde eine Lady aus Dir machen meine Süße, ob Du willst oder nicht, dachte ich bei mir.
Ich ließ ihr einfach keine Zeit, lange nachzudenken und bot ihr meinen Arm. „Bitte macht mir das Vergnügen, Euch nach Hause begleiten zu dürfen. Die späte Stunde verpflichtet mich geradezu, Euch nicht alleine gehen zu lassen. Mein Name ist Dorian Hawkins“, ich lüftete kurz meinen Hut, „und ich bin für ein paar Wochen geschäftlich in Callandar. Ich besitze hier ein kleines Stadthaus.“
Sie hängte sich fast automatisch bei mir ein, ohne ihre weit aufgerissenen grünen Augen von meinen zu lösen, schüttelte dann den Kopf, wie um sich selbst zur Ordnung zu rufen, nickte danach aber sofort wieder, wohl damit ich das Kopfschütteln nicht als Ablehnung auffasste. Danach folgte eine schweigende Musterung meiner Person, deren Ergebnis wohl nicht zu meinen Ungunsten ausfiel, wie ich innerlich schmunzelnd an ihrer Mimik ablas. Natürlich ließ ich mir von meinem Amüsement nichts anmerken. Ich machte ein besorgtes Gesicht um einen möglichst wohlwollenden Ausdruck bemüht.
Schließlich nickte sie bestätigend und wir setzten uns in Bewegung, schritten nebeneinander auf das Dorf zu. Anscheinend hatte ich sie überrumpelt und mit meinem Gerede genug abgelenkt um ihr die Angst zu nehmen. Nach meinen ersten Sätzen ging ich ein paar Schritte schweigend neben ihr her, abwartend ob auch sie etwas von sich erzählen würde. Dabei genoss ich die Nähe dieses schönen Mädchens, betrachtete verstohlen ihre feinen Züge, ihr ebenholzfarbenes langes Haar, in dem der Wind spielte und konnte mir auch einen Blick in ihr wogendes Dekolleté nicht verkneifen. Auch ihr Geruch, der meine Nase kitzelte, sagte mir außerordentlich zu, aber von ihrer pochenden Schlagader am Hals wandte ich mich schnell ab und richtete meinen Blick mit einem wohligen Schauer wieder nach vorne. Sie war nur einfach gekleidet und überhaupt kein bisschen hergerichtet, aber ich wusste, was ich aus ihr machen konnte. Diese Dorfschönheit würde noch etliche Männerherzen höher schlagen lassen. Aber keiner außer mir würde sie erreichen. Dafür würde ich sorgen. Sie würde allein meinem Vergnügen dienen. Was für ein guter Tag. Ich konnte auf die zweite Mahlzeit leicht verzichten, denn alles lief in meinem Sinne.

Schließlich brach ich das Schweigen, denn so würde ich ihr nicht näher kommen. Ich erzählte ihr, dass ich sehr selten in dieser Gegend weilte, mich meistens in großen Städten aufhielt, wie London, Paris, Rom, Berlin und Moskau, was sie zu faszinieren schien, denn ich sah deutlich, wie ihr Interesse in den schönen Augen erwachte. Mehr als Interesse, ich sah deutliche Sehnsucht in ihrem Blick, auch wenn sie immer noch nichts sagte. Mehr musste ich eigentlich nicht herausfinden. Ich wusste nun, worüber ich mit ihr ins Gespräch kommen würde und ich wusste auch, dass ich ihre Sehnsucht weiter schüren würde. Um diese Strategie zu testen, erwähnte ich noch, dass ich in wenigen Tagen nach Edinburgh abzureisen gedachte und fand meinen Eindruck in ihren Augen mehr als bestätigt. Sie sollte erkennen, dass ich eine Chance für sie war, all diese Städte zu sehen. Der Rest würde sich praktisch ergeben, ohne dass ich mich groß würde anstrengen müssen.


 Aber sie sollte nun selbst mal etwas sagen. Nicht dass mich ihr Leben in diesem abgelegenen Dorf oder ihre Familie wirklich interessiert hätten, aber  einer persönlichen Frage würde sie nicht ausweichen können und so wandte ich mich ihr zu und fragte: „Verratet ihr mir Euren Namen, kleine Lady? Vielleicht kenne ich Eure Familie. Und wo ist Euer Zuhause in Callandar?“
Andrej am 18.3.06 20:12


Kapitel 7

Ich hatte mir noch schnell etwas wärmeres übergeworfen und mir etwas für meine Füße gesucht. Nun stand ich wieder unterhalb der Treppe. Meine Geschwister waren ebenfalls da. Meine Schwestern kümmerten sich um meinen Vater, welcher scheinbar völlig aufgelöst an der Wand lehnte. Er hatte das Gesicht in den Händen vergraben. Er bot einen erbärmlichen Anblick, der mir schier das Herz zeriss. Ich blinzelte eine Träne weg und wandte mich ein wenig ab, doch der Anblick, der sich mir nun bot, war nicht viel angenehmer. Meine Brüder, wie meine Schwestern allesamt jünger als ich, hatten einige Kerzen um meine Mutter aufgestellt. Sie hatten sie auf ein ausgefranstes Schaffell gelegt. Ich wusste, dass wir keine Möglichkeit hatten, sie aufzubahren, doch diese Alternative grenzte nahezu an Spott. Ich versuchte mein Bestes, mir meine Gedanken nicht anmerken zu lassen und rührte ich mich nicht. Es sah so aus, als hätten sie auch ohne mich alles sehr gut unter Kontrolle.
Rajo, der älteste meiner Brüder, schien dies allerdings anders zu sehen. Mit düsterer Miene kam er auf mich zu und raunte mir feindselig eine sehr unerfreuliche Frage entgegen: „Willst du dort Wurzeln schlagen? Ich weiß, dass dir an unserer Familie nicht sehr viel liegt, aber musst du es so offensichtlich zeigen?“ Meine Augen weiteten sich ob seiner Worte. Hatte er etwa Recht? Lag mir tatsächlich nicht viel an ihnen? Ich sah ihn entsetzt an, während er mit einem Blick auf unseren Vater weitersprach: „Du solltest deinen unansehnlichen Hintern bewegen und uns helfen.“ Das Entsetzen in meinen Augen wich purer Empörung und es dauerte nur einige Augenblicke, bis daraus Zorn geworden war. „Ihr bekommt das sehr gut allein hin, Kleiner“, knurrte ich und war mir der Ironie bewusst, die diese Betitelung mit sich brachte. Er hat mit seinen 23 Jahren 2 Sommer weniger als ich gesehen, doch er überragte mich um eine Handbreite. Womit er wohl der einzige Spross meiner Familie bleiben würde, der diese Größe erreichte. Das war schon vorauszusehen. Überhaupt war ich ungewöhnlich groß im Gegensatz zu dem Rest meiner Familie.
„Du bist so schrecklich selbstsüchtig“ Mein Bruder sah mich mit einer Mischung aus Wut und Enttäuschung an, wobei die Enttäuschung nur einen winzigen Funken ausmachte. Ich musste mich beherrschen. Schon meinem Vater zuliebe, auch wenn ich Rajo am liebsten eine schallende Ohrfeige verpasst hätte. Er hatte keine Ahnung, was es für mich bedeutete, dass unsere Mutter tot war. Wenn ich nicht schleunigst etwas unternahm, würde ich in ihre Rolle gepresst werden und für immer an dieses Dorf gebunden sein. Ich zitterte, doch ich bezweifelte, dass er es wahrnahm. Ich schaffte es tatsächlich auf die Ohrfeige zu verzichten und beschränkte mich nur darauf, ihn aus dem Weg zu stoßen und an ihm vorbei hinaus ins Freie zu rauschen. Das wutschnaubende „Katrina!“, welches er mir nachschleuderte, ignorierte ich völlig. Er hatte gründlich dafür gesorgt, dass ich die nächsten Stunden dieses Haus nicht mehr betrat.

Recht schnell hatte ich den Rand des Dorfes erreicht, nachdem ich die dunklen Gassen mit energischen Schritten durchquert hatte. Mittlerweile war meine Wut fast vollständig verraucht. Der Anblick der umgebenden Landschaft beruhigte mein Gemüt vollends. So sehr ich dieses Dorf auch als Kerker sah; ich liebte diese wunderschöne Umgebung, in der es eingebettet lag. Besonders nachts ließ mich der Anblick kaum los. Scheinbar jede Nacht lag ein sanfter Nebel über dem Moor und je nach Wetterlage gesellte sich gern ein sanfter Regen dazu, dessen leises Plätschern vom Mond beobachtet wurde. Aber auch starker Regen hatte in den Highlands durchaus seine Faszination. Durch die spärliche Vegetation gab es immer wieder kleine Sturzbäche, die rauschend die runden Berge hinabdonnerten und versiegten, sobald die Wolken kein Wasser mehr zu geben vermochten.
Am Tage konnte die Gegend den Blick in gleicher Weise fesseln. Wenn die Sonne am Morgen langsam an den Flanken der Berge hinaufkroch oder ihr Licht sich im Wasser eines der zahlreichen Lochs brach...
Ich warf einen Blick zurück auf das Dorf. Ich hatte mich schon ein gutes Stück davon entfernt. Es lag vollkommen ruhig und friedlich da. Von dem Feuer, das vor wenigen Stunden noch einen Menschen verschlang, war nichts mehr zu erkennen. Davon, dass eine Frau ermordet wurde jedoch auch nicht.

Bist du eigentlich völlig verrückt? Irgendetwas in mir sagte mir, dass es wohl nicht sehr klug war, nachts hier heraufzukommen, wenn ein Mörder durch Callandar streifte. Du wurdest heute Nacht doch schon einmal verfolgt. Dieses Etwas erinnerte mich auch daran, dass ich einem Mann, gerade noch die Tür vor der Nase zuschlagen konnte und somit wohl knapp einem weniger angenehmen Schicksal entkommen bin. Vielleicht hat sich das Schicksal ja nur deine Mutter genommen, weil deine hübschen Beine einfach zu schnell waren? Dieses Etwas gab mir die Schuld am Tod meiner Mutter? Ich schüttelte energisch den Kopf. Ich hatte meinen Verfolger noch nicht einmal gesehen. Ich hatte nur etwas gehört. Inzwischen war ich mir auch gar nicht mehr so sicher, ob es überhaupt dieser elegante Herr war, den ich auf dem Dorfplatz gesehen habe. Einbildung? Ja... Das war es wohl. Nichts als Einbildung. Oder doch... Mit einem weiteren Kopfschütteln brachte ich meine innere Stimme zum Schweigen und schrieb diesen ‚Verfolger’ meiner Fantasie zu. Ich drehte mich wieder um, wandte den Blick vom Dorf ab und ging weiter meines Weges.

An die Berge schloss sich eine ausgedehnte Moorlandschaft an, die sich fast friedlich wirkend in die flachen Täler legte. Einige wenige Bäume neigten ihre knorrigen Kronen über das versumpfte Grasland und da es Nacht war, zeigten sich auch einige Tiere. Eine Eule flog lautlos über meinen Kopf hinweg. Ich schien ihr wohl keine passende Beute zu sein. Man sah ihr an, dass ihr scharfer Blick jeden Winkel nach Kleingetier absuchte. Das friedliche Bild täuschte. Auch hier gab es Jäger und Gejagte, wie überall. Ich erblickte tatsächlich einen Fuchs. Ein sehr seltener Jäger, in diesem Teil des Landes. Er präsentierte sein Opfer stolz und lief mit federnden Schritten quer über den dürftig befestigen Weg. Ich blieb stehen und sah ihm nach.
Es war doch verwunderlich. Die Menschen hier lebten eng an der Natur. Deshalb hatten die Tiere allenfalls Respekt, doch keine Angst vor Menschen. Wieder sah ich zurück. Das Dorf lag immer noch im Tal unter mir. Immer noch still und als wäre dieser Ort der Inbegriff von harmonischem Leben. Doch das war er nicht. Vielleicht war es doch besser für die Tiere, wenn sie etwas Angst gehabt hätten. Immerhin verbrannten die Menschen, die hier lebten ihresgleichen bei lebendigem Leibe. Konnte so etwas denn verantwortbar sein? Ich traute meinen eigenen Gedanken kaum, aber lautete nicht eines der Gebote „Du sollst nicht töten“? Ich konnte mir leider keine Bibel nehmen und nachsehen. Mir fehlte es leider an der Fähigkeit, lesen zu können. Ich verstand es nicht so recht. Ich glaubte eigentlich nicht an Magie. Ich konnte mich lediglich in die Menschen hineinversetzen und nachvollziehen, worin sie Magie sahen. Aber wenn es keine Magie gab, waren es dann nicht Unschuldige, die auf den Scheiterhaufen brannten? War es dann nicht ein Verstoß gegen eben jenes Gebot?
Meine eigenen Gedanken verwirrten mich zusehends, weshalb ich aufgab und mich anderen Dingen zuwandte. Mein Blick streifte einen dürren Baum, dessen Äste einen skurrilen Schatten aus dem Mondlicht heraus auf einen alten, wohl schon steinharten Baumstamm warfen. Ich blieb stehen, denn ich sah eine Bewegung im Schatten. Kaum sichtbar und durch das düstere Mondlicht nur schemenhaft zu erkennen. Mich bemühend, leise zu sein, verließ ich den Weg und schlich ein wenig näher. Dort auf dem Baumstamm hockte eine Wildkatze. Sie lauerte, was mich dazu veranlasste, noch leiser zu sein. Jeder Muskel, jede Sehne des grazilen Körpers war gespannt, was man noch unter dem dichten Fell gut sehen konnte. Ich folgte dem Blick des Raubtieres und erblickte ein Eichhörnchen. Ich stand wie versteinert und beobachtete fasziniert, wie die Natur ihren Kreislauf von Leben und Tod schloss.

Ein haarsträubendes Fauchen zerfetzte die Stille, was mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Wäre ich an der Stelle des Beutetieres gewesen, hätte ich wohl keinen Muskel bewegen können, doch es reagierte instinktiv und reflexartig. Mit einem aufgeregten Laut jagte es davon, doch die Katze setze ihm sofort nach. Ich empfand das Fauchen der Katze als Fehler, doch nun hatte ich den Eindruck, dass es ihre volle Absicht gewesen war, das Eichhörnchen aufzuscheuchen. Sie genoss die Angst ihres Opfers und die Macht, die sie über es hatte. Das Tierchen hatte keine Chance, der Katze zu entkommen, doch es raste immer weiter durch das Buschwerk, wobei es die Katze in einem großen Kreis um mich herum führte. Ein merkwürdiges Verhalten, doch ich nahm an, das Eichhörnchen sah keine Chance darin, sich auf einen Baum zu retten. Ich drehte mich langsam um meine eigene Achse, während ich dem Schauspiel zusah. Das Raubtier holte mühelos ein Stück auf und ich hörte ein angstvolles Quieken, bevor die Katze sich wieder zurückfallen ließ. Sie hatte ihre Krallen in ihr Opfer geschlagen, es jedoch wieder laufen lassen. Die Freude an ihrem Spiel war ihr anzusehen.
Ich hatte aufgehört, die Runden zu zählen, die sie um mich drehten, jedoch stieg allmählig ein leichtes Schwindelgefühl in mir auf. Scheinbar wurde weder das Eichhörnchen, noch die Katze müde. Immer wieder verpasste sie dem ängstlichen Nervenbündel, zu dem ihr Opfer inzwischen geworden war, Krallenhiebe, um es weiter anzutreiben und immer wieder gab das kleine Tier die erwartete Reaktion.
Mir fiel nun, nachdem schier eine Ewigkeit vergangen war, es waren wohl doch nicht mehr als ein paar Minuten, auf, dass das grausame Spiel an Tempo verlor und schließlich setzte die Jägerin zum entscheidenden Sprung an.
Ich hörte ein hässliches Knacken, als sie ihre Zähne unbarmherzig in das Fleisch ihres Opfers schlug; mit solcher Gewalt, dass sie ihm dabei das Genick brach und ihm sofort das Leben aushauchte.
Mit der Beute im Maul drehte sich ihr Kopf langsam in meine Richtung. Mit einem durchdringenden Blick starrte sie mich an und ich sah etwas in ihren Augen. Doch das konnte nicht sein. Dieser fesselnde Blick besaß eine seltsame... Intelligenz...
Arcana am 28.2.06 21:44


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